Die Palästinenserin Asmahan Simry und die Jüdin Tamar Cohen arbeiten seit vielen Jahren für die israelisch-palästinensische Initiative Comet Middle-East. Wie ist die Lage derzeit?
Auf der Überwachungskamera vor dem Hauptquartier von Comet Middle-East in den südlichen Hebron-Hügeln ist eine Handvoll vermummter junger Männer zu sehen. Mit Knüppeln und mit Fäusten schlagen sie auf das Gebäude und die Tür ein, dann bricht das Bild ab. „Sie haben die Kamera zerstört“, sagte Asmahan Simry, die Direktorin der israelisch-palästinensischen Initiative. Comet ME hilft palästinensischen Familien in ländlichen Gemeinden der sogenannten Area C im israelisch besetzten Westjordanland, an Strom und Wasser zu kommen, rüstet sie mit Internet und Überwachungskameras aus, wie jene im Hauptquartier, die im August dieses Jahres den randalierenden Siedlern zum Opfer fiel. „Denn das ist das, was palästinensische Familien Tag für Tag erleben.“
Bei einer Veranstaltung der Menonnitengemeinde im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis)sind Asmahan Simry, Palästinenserin mit israelischem Pass, und die Jüdin Tamar Cohen, die bei Comet ME für die Ressourcenentwicklung verantwortlich ist, am Mittwoch zu Gast gewesen. Die Initiative wurde in diesem Jahr mit dem Michael-Sattler-Friedenspreis ausgezeichnet, verliehen vom Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee. Gegründet im Jahr 2009 verbindet Comet ME, dessen Team rund 35 Frauen und Männer verschiedener Religionen und Nationalitäten angehören, Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit mit ökologischen Anliegen und dem praktischen Zugang zu Grundgütern.
Wie ist die Lage in der „Westbank“?
Seit dem 7. Oktober 2023 – dem Angriff der Hamas und dem darauffolgenden Krieg Israels im Gazastreifen und der Eskalation des Nahostkonflikts – werde die Lage in der „Westbank“ immer schlimmer, sagte Asmahan Simry. In der Area-C, die etwa 60 Prozent des Westjordanlands ausmache, habe das israelische Militär vollständige Kontrolle über die zivile Infrastruktur. „Die Stromleitungen verlaufen über den Häusern der Palästinenser und die Wasserleitungen darunter, aber sie bekommen weder Strom noch Wasser von dort.“
Das sei eine „Strategie der Vertreibung“, sagt die Direktorin von Comet ME. „Je schwieriger das Leben in Area-C, umso mehr Menschen verlassen ihre Heimat.“ Die Methode hat Erfolg. Mehr als 50 Dörfer seien in den vergangenen Jahren komplett oder teilweise verschwunden und 41 neue illegale israelische Außenposten gebaut worden. Und die Konflikte wachsen. „Zwischen dem 1. Januar 2024 und dem 30. Juni dieses Jahres wurden mehr als 2200 Angriffe von israelischen Siedlern im Westjordanland gezählt und fast 100 auf Solaranlagen, Wasserpumpen und andere Einrichtungen von Comet ME.“
Wie sind die Aussichten?
Trotz aller Widrigkeiten und Enttäuschungen: „Ich sehe kein Licht am Tunnel, ich sehe noch nicht einmal den Tunnel“, sagte Asmahan Simry auf die Zukunft angesprochen – kämpft die Initiative weiter und versucht das Team das Leben der Palästinenser zumindest zu erleichtern. Photovoltaikanlagen – notfalls auch Batterien – treiben Kühlanlagen und Molkereimaschinen an, die rationellere Produktionsweisen in der Milch- und Käseproduktion ermöglichen als ohne Stromanschluss in Handarbeit. Die Ziegen- und Schafherden seien weit mehr als nur Milchlieferanten für die Palästinenser in der Westbank, berichtete Tamar Cohen, die seit elf Jahren bei Comet ME arbeitet. „Die Herden sind ihr Lebensunterhalt und in ihnen steckt das ganze Geld.“ Und viele Familien seien Beduinen, die mit ihren Tieren herumziehen würden.
„Aber seit 1968 ist ihr Zugang zu Weideland immer mehr eingeschränkt worden, weil sie zu militärischen Übungsgelände oder als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden.“ In jüngster Zeit seien auch viele jüdische Siedler mit Herden hinzugekommen, die sie teilweise vom Staat bekommen hätten – „und die vermutlich von meinen und Asmahans Steuergeldern bezahlt werden“, so Tamar Cohen – und immer mehr Land beanspruchten. Zudem seien die Futterpreise seit dem Ukraine-Krieg enorm gestiegen, und seit dem 7. Oktober 2023 „mit der zunehmenden Gewalt der Siedler“ könnten die Hirten ihre Herden nur noch 20 bis 30 Meter um ihr Haus herum weiden. Viele Familien hätten erzählt, dass ihre Herden im vergangenen Jahr um 30 Prozent geschrumpft seien. Deshalb habe Comet ME nun das „Project Manna“ ins Leben gerufen.
Gibt es Lösungen vor Ort?
Sie hätten nach Lösungen gesucht und seien auf Algen als Futterergänzung gestoßen. „Wir wollten, dass sie selbst etwas produzieren können, ohne Land.“ Mit einem 16 Kubikmeter-Bassin könne man 100 Tiere füttern, erläuterte Tamar Cohen. „Alle zwei Tage wird geerntet, dann werden die Algen mit Weizen und Gerste vermischt und verfüttert.“ Die Ergebnisse des Pilotprojekt seien „wunderbar“, sagte sie. „Die Tiere haben schneller Gewicht zugelegt als von normalem Futter, sie produzieren mehr Milch und werden ohne Hormone trächtig.“