Dietmar Löffler in der Garage des THW in Stuttgart. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wie ist Deutschland im Verteidigungsfall gerüstet? Zumindest für das THW sagt der Landesbeauftragte: gut. Trotzdem macht er sich an einer Stelle Sorgen.

Zuletzt hatten sich die Warnungen über Lücken im Zivilschutz überschlagen. Dietmar Löffler, THW-Landesbeauftragter für Baden-Württemberg, schließt sich diesem Urteil nicht an. Er sei nicht so besorgt wie Ende der 1970er Jahre, sagt er im Interview.

Herr Löffler, das Thema zivile Verteidigung beherrscht aktuell die Debatte. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ich habe 1989 zur Zeit des Kalten Krieges in Bonn beim Bundesamt für Zivilschutz begonnen. Damals war das Szenario der thermonukleare Weltuntergang. Heute haben wir eine ganz andere Gefährdungslage, die uns mit hybriden Bedrohungen womöglich auch stärker im Inland erreicht. In meiner Wahrnehmung ist das Technische Hilfswerk aber heute deutlich besser aufgestellt als damals.

Inwiefern?

Wir sind größer als damals. Wir konnten jahrzehntelange Mängel im Ausstattungsbereich ausgleichen. Und wir haben wesentlich mehr Einsatzerfahrung als in den 1970er und 1980er Jahren. Damals hat man noch spöttisch vom Kriegswarteverein gesprochen.

Wie kommt das?

Die Einbindung des THW in die alltägliche Gefahrenabwehr ist exorbitant besser geworden. Die Unterstützung der Feuerwehren, die Einsätze bei großen Schadenslagen wie dem Hochwasser vor einem Jahr hier in Baden-Württemberg, aber auch Auslandseinsätze. Da konnten wir unsere Stärken ausspielen: Durchhaltefähigkeit über mehrere Tage oder Wochen, Feldfähigkeit, das heißt, wir können an jeder Ecke Führungsbereich, Logistik, Verpflegung, Unterbringung, alles aufbauen. Das war damals nicht der Fall.

Wie entwickeln sich denn die Mitgliederzahlen beim THW?

Wir haben überhaupt keine Einbrüche erlebt. Wir haben zum Teil einen Aufnahmestopp bei Ortsverbänden in Ballungsgebieten, weil sie Platzprobleme haben.

Wie schaut es mit der Mittelausstattung aus?

Ich gehe davon aus, dass wir sauber alimentiert werden. Im Bundestag ist das explizit nachverhandelt worden, dass auch der zivile Bereich der Gesamtverteidigung von der Schuldenbremse ausgenommen wird, um Investitionen zu erhöhen.

Der Bevölkerungsschutz besteht ja nicht nur aus dem THW, da spielen auch Feuerwehren, Deutsches Rotes Kreuz und andere Organisationen eine Rolle. Wie sehen Sie die insgesamt aufgestellt?

Das ist für mich schwierig, eine verlässliche Aussage zu treffen. Aber wir haben in Deutschland einen Vorteil: Wir haben 1,5 bis 1,6 Millionen ehrenamtliche Einsatzkräfte über alle Organisationen hinweg. Ein Freiwilligensystem, das staatliche Aufgaben übernimmt im Sicherheitsbereich, gibt es weltweit sonst in dieser Form nicht. Auch da gibt es beste Grundlagen für den jetzt erforderlichen Aufwuchs.

Wie sieht denn die Zusammenarbeit des THW im Bevölkerungsschutz mit den anderen Organisationen aus? Das DRK hat jüngst ein landesweites Kompetenzzentrum gefordert.

Das ist eine Frage, die die Politik beantworten muss. Dass man auf der Ebene der mitwirkenden Organisationen eine enge Abstimmung braucht, halte ich für selbstverständlich. Aber ob man die in ein gemeinsames Melde- oder Lagezentrum einbinden müsste, das müssen andere beurteilen.

Wie schätzen Sie denn die Resilienz der Bevölkerung ein?

Meine persönliche Wahrnehmung ist: Da ist noch viel zu tun. Nicht nur, weil die Menschen entwöhnt sind, sich selbst zu versorgen, sondern weil sich die ganze Versorgung geändert hat. Wenn heute im Lebensmittelhandel der Strom im Großlager ausfällt, dann haben wir ganz ernste Probleme, und zwar in kürzester Zeit. Früher gab es noch kleinere Geschäfte, mit regionalen Zulieferlagern. Was nun passieren muss, ist, in den Menschen insgesamt ein Bewusstsein über zivilschutzspezifische Gefährdungen zu wecken.

Können Sie das für Laien übersetzen?

Dass da Munition oder Sprengstoff zum Einsatz kommen kann, womit wir im Alltag ja üblicherweise nicht zu tun haben. Wobei wir als THW zum Beispiel bei jeder Bombenentschärfung dabei sind, was man ja auch in Deutschland kennt und jede Feuerwehr mit Gefahrgut umgehen können muss. Ob ich jetzt eine Freisetzung von Chlorgas habe, weil im Hallenbad der Behälter geplatzt ist, oder ob irgendwelche chemischen Waffen eingesetzt würden, was auch immer örtlich begrenzt ist – das schenkt sich fast nichts. Insofern würde ich den Katastrophenschutz in Deutschland als insgesamt recht gut aufgestellt sehen mit verbesserungswürdigen Lücken im Know-How.

Das heißt, die Kräfte, die für den Katastrophenschutz eingesetzt werden, sind bereits trainiert für Szenarien im Zivilschutz?

Ich muss mich auf den Zivilschutzfall womöglich nochmal spezifizieren, aber das sind zehn Prozent. Die Grundlast ist die gleiche. Die Ausbildung, die Kommandostrukturen. Womöglich ändern sich Zuständigkeiten, falls tatsächlich mal ein Spannungs- oder Verteidigungsfall festgestellt würde.

Und wie sieht es mit der hiesigen Bevölkerung aus? Braucht es da heute mehr Bildung?

In Baden-Württemberg findet das seit 2022 statt. Jede sechste Schulklasse kriegt hier eine Schulung für den Katastrophenfall. Da gibt es noch ein paar Anlaufschwierigkeiten, aber das läuft.

Und die Älteren?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat ganz viele Informationen und Broschüren für alle möglichen Fälle, wie man sich vorbereiten kann, was man einlagern kann, welche Medikamente man zu Hause haben sollte. Man könnte sich mal überlegen als staatliche Maßnahme, ob man nicht jedem Haushalt so ein Päckchen schnürt und zukommen lässt.

Was glauben Sie denn, wie lange es braucht, damit das Land auch wirklich gut vorbereitet ist?

Es fehlt noch vieles im Ausstattungsbereich und im Ausbildungsbereich, beim THW vielleicht weniger als bei den anderen Organisationen, so ist meine Wahrnehmung. Aber ich kenne kein Land, das ein besseres Grundgerüst für die Gefahrenabwehr hat. Ich persönlich bin nicht so besorgt wie in meiner Jugend zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Aber die Leute empfinden es wohl anders.

Zur Person

Von der Feuerwehr
Nach seiner Feuerwehrausbildung in Friedrichshafen übernahm Dietmar Löffler unter anderem die Leitung des Grundsatzreferates beim Bundesamt für Zivilschutz, dem Vorgänger des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

zum Technischen Hilfswerk
Über Stationen beim Bundesinnenministerium kam er zum Technischen Hilfswerk, der Bundesbehörde, die sich auf technische Hilfeleistungen spezialisiert hat. Von 1998 bis 2011 war er Landesbeauftragter des THW in Bayern, von 2011 bis 2017 leitete er eine Projektgruppe im THW. Seit 2017 ist Löffler Landesbeauftragter des THW in Baden-Württemberg.