In einer Lagerhalle in Oberstenfeld liegt Ausrüstung bereit, die für den Katastrophenschutz und die Coronahilfe benötigt wird. Foto: Simon Granville

Ergibt es Sinn, wieder Schutzräume einzurichten? Ist die Stromversorgung bei Cyber-Angriffen sicher? Gibt es genug Sirenen? Die Antworten sind nicht immer befriedigend – und bringen Bevölkerungsschützer nun dazu, nachzujustieren.

Andy Dorroch ist als Freund klarer Worte bekannt. Als der Ludwigsburger Kreisbrandmeister dieser Tage bei der Hauptversammlung der Kornwestheimer Feuerwehr redete und den Krieg in der Ukraine ansprach, da wurde er allerdings selbst für seine Verhältnisse überdeutlich. „Wir müssen“, sagte Dorroch, „in eine ernsthafte Diskussion zum Bevölkerungsschutz einsteigen“. In manchen Bereichen sei man gut aufgestellt, etwa wurde erst vor zwei Jahren ein Container mit ABC-Schutzausrüstung angeschafft und in Kornwestheim platziert. Aber: In einigem sei man „blank“. Für den „Bereich kriegerischer Auseinandersetzungen wurde ja überall ab- und rückgebaut.“ Generell macht man sich in Politik und Bevölkerung in der jüngeren Vergangenheit wieder mehr Gedanken um den Bevölkerungsschutz. Ging es in den vergangenen Jahren da noch vor allem den Katastrophenschutz – Stürme, Starkregen und Co. –, so ist die Diskussion nun vielerorts auch auf den Zivilschutz im Kriegsfall ausgeweitet.

Sorgen und Sirenen Manche Themen betreffen Zivil- wie Katastrophenschutz gleichermaßen. Sirenen etwa können im Fall eines Unwetters genauso wie bei einem Angriff warnen. In Kornwestheim bekräftigten nun einige Stadträte den Wunsch, wieder mehr Sirenen auf Dächer zu packen. „Die Situation ist heute ganz anders“, sagte etwa Hans Bartholomä (CDU). Fraktionskollegin Silvia Stier stimmte zu: „Irre gibt es offensichtlich immer.“ Deshalb solle die Stadt gewappnet sein.

Diese Debatte flammt überall auf, generell sollen, hierzu gibt es neue Förderprogramme des Bundes, mehr öffentliche Sirenen auf die Dächer. Derzeit sind es in und um Ludwigsburg 84 Standorte, wobei auffällt: Vor allem in großen Städten wurden die Sirenen schon lange ganz abgebaut, so gibt es auch in Ludwigsburg, Marbach, Kornwestheim und Vaihingen/Enz keine mehr.

Selbst die einfachste Infrastruktur, die es brauche, um die Bevölkerung zu warnen, sei abgebaut worden, bemängelt auch der 72 Jahre alte ehemalige Reserveoffizier und Katastrophenschützer Berthold Spahlinger aus Hohenhaslach. Ein Vorfall in Neckarwestheim – egal, ob durch Fremdeinwirkung oder nicht – sei „im Grunde nicht handelbar“.

Wo gibt es noch Schutzräume? Eines ist dieser Tage immer wieder zu hören: Sicherheit und Debatten – ja, die will man. Aber keine Panik schüren dabei. Es ist ein schmaler Grat. „Dass hier Bomben fallen, ist natürlich auch heute unwahrscheinlich“, sagt Dorroch. Ein realistischerer Szenario sei etwa ein Cyber-Angriff auf die Energieinfrastruktur. Dennoch: Auch über Schutzräume macht man sich nun landauf landab verstärkt Gedanken, hält zumindest wieder einmal den Sachstand und die Möglichkeiten fest. Klar ist: Auch im Kreis Ludwigsburg gibt es keine funktionierenden Bunker mehr. Hier und da stehen stabile Tiefgaragen zur Verfügung, die einen gewissen kurzfristigen Schutz bieten können. Manche Schutzräume existieren zwar noch, sind aber zweckentfremdet und nicht mehr dazu geeignet, über Wochen Menschen unterzubringen. Prominentes Beispiel: Unter dem Ludwigsburger Rathaus gibt es in der Erde einen Bunker für 450 Menschen, gebaut im Kalten Krieg. Dort werden heute Akten gelagert. Es wurde sogar kurz in der Verwaltungsspitze darüber gesprochen, ob man diesen wieder in Betrieb nehmen und modernisieren solle, so berichtet es Robert Nitzsche, der Leiter des Fachbereichs Organisation und Personal. „Aber das steht nicht auf der Agenda.“

Was ist mit ABC-Schutz und Vorräten? Nicht auszuschließen und wohl wahrscheinlicher als ein direkter Angriff mit Bomben und Raketen ist, dass radioaktiver Fallout auch nach Deutschland gelangt und dort niedergeht, etwa nach einem Angriff auf ein Kraftwerk im Ausland. Im Landkreis gibt es zwei sogenannte Gefahrstoffzüge der Feuerwehr, einer in Asperg, einer in Vaihingen/Enz. Zum Messen von Gefahrstoffen und auch Radioaktivität hält zudem die Feuerwehr Ludwigsburg zwei Fahrzeuge vor. Derzeit gebe es übrigens wieder regelmäßige Messungen vom Gammastrahlen, heißt es aus dem Landratsamt, auch vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine. Während Corona waren diese ausgesetzt.

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Zur Dekontamination von Personen kann auf Fahrzeuge in Marbach und Ludwigsburg sowie den schon genannten „Abrollbehälter Notfallstation“ in Kornwestheim zugegriffen werden. Darüber hinaus unterhält der Landkreis Ludwigsburg zwei Lagerhallen (Oberstenfeld, Freiberg) mit Notausrüstung, wenn Menschen versorgt, behandelt und untergebracht werden müssen. Gelagert werden dort etwa Betten, Schutzkleidung, FFP-2-Masken, Desinfektionsmittel und mehr. In Sachen Prävention, beispielsweise bei der Versorgung mit Jod in Tablettenform, das bei atomarer Strahlung gegen die Schädigung der Schilddrüse eingenommen werden kann, würden derzeit häufig irrationale Entscheidungen getroffen, weiß der Mediziner Robin Maitra aus Hemmingen. Maitra, der Mitglied im Vorstand der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges ist, hält Jodkäufe derzeit für übertrieben. Zumal die unkontrollierte Einnahme etwa bei Schilddrüsenerkrankungen ohne ärztlichen Rat gefährlich und keinesfalls „prophylaktisch“ zu empfehlen sei.

Wie sieht es künftig aus? Andy Dorroch sagt, man sei gerade dabei, eine kreisweite Planung aufzustellen. Vor allem das Thema Sicherung der Stromversorgung vor Cyberangriffen beschäftige ihn, hier brauche es mehr IT-Sicherheit und redundante Systeme. Außerdem sollen mehr Vorräte angeschafft werden. Zuständig sind in vielen Bereichen die Kommunen. „Aber wir stimmen uns eng ab, koordinieren, sind auch mit dem Regierungspräsidium im Austausch.“ Es gebe neue Lagen, auch „wenn sie noch abstrakt sind“. Man müsse deshalb nun analysieren: Wo sind Schwachstellen, wo Stärken, wo echte Bedrohungen? „Da sind wir dran.“ Ende dieser Woche solle es eine große Gesprächsrunde mit Vertretern von Landkreis, Kommunen, Feuerwehren, Hilfsdiensten geben. Wichtig sei, sagt Dorroch, vor allem auch die Verantwortung jedes Einzelnen: „Es hat generell Sinn, dass Haushalte selbst Vorräte vorhalten.“