Der Kommandeur des Landeskommandos Michael Giss mahnte im Landtag die Selbstverantwortung der Bürgerinnen und Bürger an. Foto: Markus Lenhardt/dpa

Rollende Panzer in Deutschland, verletzte Soldaten, Flüchtlingswellen – die Szenarien der Nato für einen möglichen Kriegsfall sind düster. Aber wie gut ist der Einzelne auf den Ernstfall vorbereitet?

Die Mahnung, die Michael Giss ausspricht, ist nicht ganz neu, der Ort doch eher ungewohnt. Der Kommandeur des Landeskommandos der Bundeswehr stand am Dienstagabend am Rednerpult des Landtags, als er – man muss schon sagen wieder einmal – mahnte: „Krieg geht alle an.“

Seit Monaten zieht Giss durch die Lande und gibt den Warner: Am Dienstag sprach er beim Sicherheitskonvent der FDP-Landtagsfraktion und dieses Mal ist er nicht alleine. Im gut gefüllten Plenarsaal sind viele Uniformen zu sehen. Das Technische Hilfswerk, das im Bund für den Zivilschutz zuständig ist, ist ebenso vor Ort wie das Deutsche Rote Kreuz, die Feuerwehr, aber auch Uniformierte im Flecktarn. Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke formulierte die Botschaft des Abends: Man dürfe sich nicht nur auf Militär und Blaulicht verlassen. „Bürgerinnen und Bürger müssen auch selbst einen Beitrag leisten.“

Gesamtverteidigung nennt das der Landeskommandeur. Um deutlich zu machen, warum das nötig ist, entwirft der Kapitän zur See das Szenario der Nato, das derzeit im politischen Raum immer Thema ist. Innenminister Thomas Strobl (CDU) hatte Anfang April das Thema auf die Agenda gehoben und Landräte, Bürgermeister und die Bundeswehr zusammengetrommelt, um über das Thema zivile Verteidigung zu sprechen.

Nato hat konkretes Szenario für Deutschland

Würde Russland an der Nato-Ostflanke drohen, wäre Deutschland wichtige Drehscheibe. Allein zur Abschreckung würden hunderttausende Soldaten über deutsche Straßen nach Osten verlegt, würden Krankenhäuser und Versorgungsstrukturen nutzen. Es müsse noch nicht einmal zu Kampfhandlungen kommen – in dem Fall aber müsste Deutschland Verletzte und Flüchtlinge aufnehmen. „Das wird in unser Alltagsleben massiv eingreifen“, sagte Giss. „Eine militärische Auseinandersetzung der Nato mit Russland wird nicht an einem Wochenende erledigt sein.“

Giss geht noch weiter: „Es muss jedem hier klar sein, dass wir in einem Zielland eines Gegners leben.“ Seit Monaten warnt er vor hybriden Attacken. Die jüngsten Cyberangriffe auf die Webseiten mehrerer Großstädte wie Stuttgart, aber auch auf die Stadtverwaltung Ellwangen, für die prorussische Hacker verantwortlich gemacht werden, sind spürbare Beispiele.

Giss plädiert, sich darauf einzustellen: „Machen Sie sich darauf gefasst, dass wir irgendwann keinen Strom haben, kein Wasser haben, keinen Doktor haben und so weiter“, sagte er. Im Ernstfall wäre hierzulande nicht in erster Linie die Bundeswehr gefragt, sondern der Zivilschutz und die dafür zuständige Bundesbehörde – das Technische Hilfswerk mit seinen großteils ehrenamtlichen Einsatzkräften.

Der stellvertretende Landesbeauftragte des Technischen Hilfswerks, Jens Olaf Sandmann, nahm das Beispiel dankend auf. Es müssten noch nicht einmal Raketen auf Deutschland fallen. In einer Krise könnte es schon reichen, wenn der Strom und Internet ausfielen. Sandmann erinnerte an die Checklisten des Bundesamts für Katastrophenschutz und mahnte, sich im Ernstfall nicht zu sehr auf den Staat zu verlassen, „auch wenn wir es uns in den letzten Jahren in einer Vollkaskomentalität bequem gemacht haben“. Es gehe darum, sich selbst, aber auch seinem Nachbarn helfen zu können. Die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung müsse wieder aktiviert werden, sagte er. Denn die Maßnahmen der Behörden seien vom Gesetzgeber nur als Ergänzung gedacht. „Wer weiß, wie man eine Wunde versorgt, hat schon viel gewonnen“, mahnt der Heilbronner Notarzt Mark Glasauer. Der FDP-Abgeordnete Nico Weinmann forderte, das Thema Katastrophenschutz stärker an den Schulen zu verankern.

Bevölkerung soll sich selbst helfen können

Auch Landeskommandeur Giss plädierte dafür, die Bevölkerung noch stärker zu aufzuklären: „Es ist ziemlich leicht unsere Gesellschaft an den Anschlag zu bringen“, sagte er. „Damit mal umzugehen und nach einem Schreckmoment ins Handeln zu kommen, das ist gesellschaftliche Resilienz und da müssen wir hinkommen.“