Lena Stamm rennt gegen die Erinnerung an. Foto: Björn Klein - Björn Klein

Mit starkem Körpertheater und feinem Gespür für Heinrich von Kleists zerklüftete Sprache setzt Zita Gustav Wende die Novelle „Die Marquise von O....“ in Szene.

StuttgartDass ihre Mutter vergewaltigt worden ist, hat das Leben der Kinder zerstört. In der schmuddeligen Wohnung der Geschwister bröckelt der Putz. Auf die Reste der Tapeten sind grüne Heißluftballons gedruckt. Regisseurin Zita Gustav Wende wechselt in ihrer Fassung von Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O....“ die Perspektive. Da blicken die Kinder auf das Leben der Witwe zurück, die ihren Vergewaltiger heiraten musste, um nicht von der Gesellschaft verstoßen zu werden.

Mit klugem Gespür für die Sprünge in der Seele der Halbwüchsigen übersetzt Wende in ihrer Bachelorarbeit an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg Heinrich von Kleists zerbrochene, schroffe und doch so poetische Sprache in starke Theaterbilder. Katharina Grof, die an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart Bühnenbild und Kostüm studiert, hat für die Arbeit im Schauspiel Nord des Staatstheaters einen Bühnenraum geschaffen, der Bewegungsräume öffnet. Übervoll ist der Boden mit Sand. Damit versuchen die Kinder, ihre schrecklichen Erinnerungen wegzufegen, einfach zu vergessen. Doch die Wahrheit kommt immer wieder ans Licht. So wie die kunterbunte Micky-Maus-Figur, die den Geschwistern eine glückliche Kindheit vorgaukeln sollte.

Mit starkem Körpertheater füllen Regisseurin Wende und die drei Schauspieler die Leerstellen, die in Kleists Sprache immer wieder schmerzlich klaffen. Der Dichter, der Zeit seines Lebens an den gesellschaftlichen Bedingungen verzweifelte und der schließlich den Suizid wählte, spricht in der Novelle „Die Marquise von O....“ die Verzweiflung der vergewaltigten Frau nicht offen aus. Doch in der brüchigen Sprache öffnen sich tiefe Wunden.

Wie eine Maschine bewegt sich die Schauspielerin Noelle Haeseling, als sie mit ihrem Bruder spricht. Die Bewegungen korrespondieren nicht mehr mit den Worten. Das Leben der jungen Frau ist aus den Fugen geraten. Krampfhaft sucht das junge Mädchen nach einer Routine, die sie im täglichen Tuba-Spiel findet. Mit einem Tuch schrubbt sie den kalten, metallenen Klangkörper des Instruments. Großartig zeigt die Schauspielerin, wie sich ein junger Mensch in Ersatzhandlungen flüchtet. Als ihr Bruder flüchtet sich Joseph Cyril Stoisits in seine Verklemmungen. Angstvoll kauert er an der Wand. Der Versuch, sich aus der quälenden Routine zu befreien, scheitert am schrecklichen Zustand der Lähmung, die der Schauspieler berührend zeigt.

Aus der Zeit gefallen

In diese verkrampfte Zwangsgemeinschaft im ehemaligen Elternhaus der jungen Menschen platzt die große Schwester. Mit ihrem mitreißenden Temperament bringt Lena Stamm die morbide Gemeinschaft der Geschwister nicht nur durcheinander. Um dem Mief zu entfliehen, holt sie Knabberzeug und Orangensaft „aus der Tanke“. Im rosaroten Negligée, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint, tastet sich die Schauspielerin sensibel an die Familiengeschichte heran, in der Hass und Gewalt unter gesellschaftlichen Normen verschüttet sind.

Nicht nur bei der Arbeit mit den drei experimentierfreudigen Schauspielern, die sich immer wieder an eigene Grenzen peitschen, beweist Zita Gustav Wende ihr faszinierendes Gespür für packende Theaterbilder. In dem verlassenen Kinderzimmer gelingt der jungen Regisseurin ein Theaterabend, der zutiefst berührt. Wenn der Sohn mit einem ausgestopften Greifvogel auf dem Stuhl sitzt und gegen die dunklen Erinnerungen ankämpft, geht das unter die Haut. Die Geschichte der Marquise von O. aus dem Blickwinkel ihrer Kinder zu erzählen, glückt dem Ensemble wunderbar.

Wendes Kunst liegt jedoch gerade darin, dass sie den Text Heinrich von Kleists in seiner ganzen Tiefe erfasst. In das lustvolle Körpertheater, das mit Mitteln der Biomechanik spielt und dabei im besten Sinn verblüfft, flechten die Schauspieler knappe, griffige Erzählpassagen ein. In den erstickenden Sätzen, die das Werk des preußischen Dichters so faszinierend wie unergründlich machen, spüren die drei Spieler der Familiengeschichte nach, die im besten Sinn berührt.

Dass Zita Gustav Wende den Spagat zwischen ihrem unverwechselbaren Regietheater und der Sprache des Dichters in seiner Zeit so virtuos meistert, macht den großen Reiz ihrer Abschlussarbeit aus. Der Text aus dem Jahr 1808 erscheint in ihrer Fassung zeitgemäß und faszinierend aktuell, ohne dass der historische Kontext dabei verloren gehen würde.

Weitere Termine im Schauspiel Nord des Staatstheaters Stuttgart: 29. und 31. Oktober sowie 2., 3. und 5. bis 7. November.

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