Eine erste Fotomontage: So könnte sich der Neubau einfügen. Foto: asp-Architekten - asp-Architekten

Wieder einmal werden am Stadion die Bagger auffahren. Für die Fußball-EM 2024 wird die Mercedes-Benz-Arena erneut geliftet, gestrafft und aufgehübscht.

StuttgartDer Zahn der Zeit nagt nicht nur an Opernhäusern, auch die Anforderungen an ein Stadion wandeln sich. So hat die Mercedes-Benz-Arena im Laufe der vergangenen 86 Jahre nicht nur immer wieder ihren Namen, sondern auch ihr Gesicht verändert. Nun soll die Haupttribüne umgebaut werden. Was man dazu wissen muss.

Die Historie: 1928 tauscht die Stadt ihre Flächen auf dem Burgholzhof gegen das 139 Hektar große Gelände auf dem Wasen, das bis dato dem Staat Württemberg gehört. Der Gemeinderat stellt 2,35 Millionen Reichsmark für den Bau eines Stadions bereit. Architekt Paul Bonatz plant es für 35 000 Zuschauer. Am 23. Juli 1933 wird es eingeweiht und Adolf-Hitler-Kampfbahn getauft. 1935 werden Wälle aufgeschüttet, die Kapazität auf 70 000 Zuschauer erhöht. 1963 wird die erste deutsche Flutlichtanlage eingeweiht. Für die WM 1974 wird für 24 Millionen Mark die Haupttribüne neu gebaut, die Gegengerade überdacht, eine Anzeigetafel errichtet. Zur Leichtathletik-WM 1993 wird die Arena umgetauft. Mercedes kauft das Namensrecht für 10 Millionen Mark; das Stadion heißt nun Gottlieb-Daimler-Stadion, vormals Neckarstadion. Es wird überdacht, die Haupttribüne umgebaut. Sieben Jahre später wird für 51 Millionen die Haupttribüne durch einen zweiten Rang erweitert. Dort entsteht ein Vip-Bereich mit 44 Logen, 1500 Business-Seats. Für die WM 2006 folgt der Umbau der Gegengerade für 51,253 Millionen Euro. Von 2009 an wird die Laufbahn herausgerissen, das Stadion heißt nun Mercedes-Benz-Arena. Die Kosten betragen knapp 63 Millionen Euro.

Das Konstrukt: Eigentümer ist seit dem letzten Umbau nicht mehr die Stadt, sondern die Stadion Neckarpark GmbH. An dieser sind die Stadt Stuttgart mit 60 Prozent und der VfB mit 40 Prozent beteiligt. Der VfB zahlt statt 5,6 Millionen Euro im Jahr derzeit nur drei Millionen Euro fixe Pacht an die Gesellschaft. Das ist der Zweitligabonus, den die Stadt gewährt. Dazu kommt eine variable Pacht, die an die Zuschauerzahlen geknüpft ist; das waren in der Vergangenheit rund 1,2 Million Euro. Ist zudem der Umsatz deutlich höher als kalkuliert, kommen eine Million Euro obendrauf. Mit der Pacht wird der jährliche Erbbauzins fürs Grundstück an die Stadt in Höhe von 800 000 Euro bezahlt und der Kapitaldienst für das Stadiondarlehen, der 4,5 Millionen Euro im Jahr beträgt. Darüber hinaus übernimmt der VfB Betriebs- und Wartungskosten in Höhe von drei Millionen Euro je Jahr. Diese trug früher die Stadt.

Die EM 2024: In Deutschland werden 2024 die Fußball-Europameisterschaften ausgetragen. Teilnehmen werden 24 Mannschaften. 14 Städte hatten sich als Austragungsorte beworben, der Deutsche Fußballbund hat zehn Städte ausgewählt, darunter Stuttgart. Das heißt, hier werden vier bis sechs Spiele stattfinden. Wie viele Spiele das sind, und ob womöglich ein Halbfinale in Stuttgart stattfindet, hat auch mit der Qualität des Stadions zu tun, sagen VfB und Stadt unisono. Und da gab es im Prüfbericht einiges zu bemängeln.

Die Mängel: Der untere Teil der Haupttribüne wurde 1974 gebaut. So ist auch der Standard. Für die EM genügt vieles den Maßstäben nicht mehr. Die Umkleiden sind zu klein. Am augenfälligsten ist dies bei den Kabinen der Schiedsrichter. Früher pfiffen drei Schiedsrichter, heute kommt ein Sextett. Zudem sind Frauen dabei, sie brauchen eigene Umkleiden und Duschen. Aufwärmräume fehlen. Die Stufentiefe ist zu gering, das heißt, die Stufen auf der Tribüne sind zu schmal. Der Pressebereich ist zu klein, die Anzahl der Kioske zu gering. Zudem müssen die Spielerbusse unter der Tribüne parken können. Das funktioniert nicht mehr, weil die Busse höher geworden sind. Ferner muss das Flutlicht mit LED ausgestattet werden, es braucht eine neue Beschallungsanlage und neue Sicherheitstechnik an den Eingängen.

Der Umbau: Im Januar 2022 soll mit dem Abriss des unteren Teils der Haupttribüne begonnen werden. Der Neubau nach den Plänen von asp-Architekten aus Stuttgart beginnt im April. Im August 2023 soll dann der Neubau stehen. Im Erdgeschoss soll die Fläche von 3400 Quadratmeter auf 6250 Quadratmeter erhöht werden. Im ersten Stock erhöht sich die Fläche von 2200 Quadratmeter auf 3000 Quadratmeter. Küchen und Kioske sollen dort entstehen. Und ein Umlauf, der die Wege für Besucher und Beschäftigte trennt. Und 550 zusätzliche Businessplätze. Das sind jene roten Sessel, die bequem, aber auch teuer sind.

Die Finanzierung: Die Kosten betragen 65 Millionen Euro. Die Stadt steuert 20 Millionen Euro bei, der VfB zahlt 22,5 Millionen Euro aus Eigenmitteln. Die Stadiongesellschaft bringt per Darlehen ebenfalls 22,5 Millionen Euro auf. Der Kredit soll über 30 Jahre getilgt werden. Dafür wird die Fixpacht des VfB um eine Million erhöht. Das Problem hierbei: Bleibt der VfB dauerhaft in der zweiten Liga, funktioniert die Finanzierung so nicht. Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann sagt dazu: „Die Verwaltung steht dem positiv gegenüber, mein Eindruck ist, auch die Stadträte sehen das überwiegend so.“ Aber man werde im Frühjahr entscheiden, und dann hoffentlich sehen, wo der Weg des VfB hingehe. Sollte der nicht in Liga eins führen, behält die Stadt sich vor, dass nur die für die EM notwendige Sanierung vorgenommen wird.

Der Nutzen: Ist letztlich simpel. „Wir wollen mehr Geld verdienen, als wir jetzt reinstecken“, sagt VfB-Finanzvorstand Stefan Heim. Dafür brauche man eine wettbewerbsfähige Spielstätte. 550 neue Business Seats bringen bei einer kalkulierten Auslastung von 40 Prozent 4,1 Millionen Euro mehr pro Saison. Auf dem neuen Unterrang können 8000 Menschen sitzen. Auf Plätzen, die besser sind als die bisherigen. Von den ersten fünf Reihen ist bisher der Blick aufs Feld nicht sonderlich gut. Man sieht die Reservebänke besser als das Geschehen auf dem Rasen. Zudem werde das Stadion durch die Umbauten attraktiver für andere Veranstaltungen. Man habe etwa 200 im Jahr, darunter sind viele Firmenveranstaltungen und Messen, aber auch Konzerte, kommendes Jahr fünf an der Zahl. Rammstein, die Fantas und Iron Maiden treten auf. Heim: „Wir investieren in Steine, um die zusätzlichen Erlöse in Beine investieren zu können.“ Sprich, die Mannschaft soll teurer und damit besser werden. So der Plan.

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