Auch in der Abstrichstelle am Stuttgarter Neckarpark wird auf das Coronavirus getestet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die steigenden Corona-Infektionszahlen haben auch mit der höheren Testintensität zu tun, sagte der Gesundheitsminister Jens Spahn am Donnerstag. Unsere Analyse zeigt: es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor.

Berlin - Die zuletzt kontinuierlich steigende Zahl amtlich erfasster Corona-Infektionen sowie die Demonstrationen gegen Maßnahmen wie eine Maskenpflicht haben eine neue Diskussion angefacht: Wie schlimm ist die Lage wirklich? Das Robert-Koch-Institut (RKI) bezeichnet die Entwicklung im aktuellen Lagebericht schließlich als „beunruhigend“. Der RKI-Präsident Lothar Wieler richtete vergangene Woche einen Appell an die Bevölkerung, sich wieder vermehrt an Abstands- und Hygieneregeln zu halten und Masken zu tragen.

Am Donnerstag trat der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor die Presse. Er sprach über die verpflichtenden Corona-Tests für Rückkehrer aus Risikogebieten, gab zu, dass auch ihn die Maske manchmal nerve (er sie aber zum Schutz seiner Mitmenschen trotzdem trage) – und erklärte, dass ein Teil der zuletzt steigenden Infektionszahlen mit der ebenfalls höheren Anzahl von Corona-Tests zu tun habe. Bei 100 000 zusätzlichen Tests pro Woche, rechnete Spahn vor, ergäben sich bei dem aktuellen Anteil von einem Infizierten je 100 Getesteten zusätzlich 1000 erkannte Fälle. Infektionen zu entdecken, sei freilich gut, „weil wir damit mehr Infektionsketten unterbrechen können“.

Mehr Tests – mehr Infektionen? Ja, aber . . .

Dennoch stellt sich damit erneut die (zuletzt häufiger vorgetragene) Frage nach dem Zusammenhang von Tests und gefundenen Infektionen. Sind die steigenden Fallzahlen bloß das Ergebnis einer verstärkten Testintensität? Das vermuten Menschen, die die Warnungen der Politik für überzogen halten.

Der Blick in die Daten kann eine Antwort geben. Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht immer mittwochs Daten zu den Corona-Tests in Deutschland. Diese können um die wöchentlich erkannten Coronainfektionen ergänzt werden und man kann die Entwicklung der Werte vergleichen. Das folgende Diagramm gibt die Werte wochenweise wieder:

Es zeigt sich, dass die Zahl der Tests seit der Kalenderwoche 24, also seit Anfang Juni, kontinuierlich steigt. Die Zahl der gefundenen Infektionen springt in der Kalenderwoche 25 wegen des Ausbruchs in der Fleischfabrik bei Tönnies hoch, fällt anschließend wieder und legt seit Kalenderwoche 28 (also Ende Juni) konstant zu.

Der entscheidende dritte Faktor

Während zwischen Tests und gefundenen Infektionen kein eindeutiger Zusammenhang erkennbar wird, lohnt der Blick auf den dritten Faktor im Diagramm, die Positivenrate. Das ist der Anteil derjenigen Corona-Tests, die positiv ausfallen – bei denen also eine Infektion gefunden wird. Die Entwicklung von Positivenrate und Fallzahlen verläuft sehr ähnlich.

Mit zwei weiteren Schaubildern wird dieses Ergebnis noch anschaulicher. Wir zeichnen dafür sogenannte Scatterplots: Im folgenden Schaubild wird von links nach rechts die Zahl der Tests abgetragen und von unten nach oben die Zahl der dabei gefundenen Infektionen. Für jede Kalenderwoche lässt sich ein entsprechender Punkt eintragen. Das sieht dann so aus:

Je weiter oben ein Punkt eingetragen ist, desto mehr Infektionen wurden in der jeweiligen Kalenderwoche gefunden. Hinge die Zahl der Tests mit der Zahl der Infektionen direkt zusammen, so würde im Schaubild eine Linie erkennbar – in diesem Fall von links unten nach rechts oben. Das ist aber nicht der Fall, stattdessen wurden zu Beginn der Pandemie (Kalenderwoche 12 bis 17) mit relativ wenigen Tests relativ viele Infektionen gefunden – und seither mit relativ vielen Tests eher wenige Infektionen.

Ein wichtiger Zusammenhang

Dieses Ergebnis hat, wie unschwer zu erraten ist, mit der Positivrate zu tun: Wenn wie zuletzt viel getestet aber wenig gefunden wird, ist die Positivrate niedrig. Zu Beginn der Pandemie war sie hoch.

Wir können nun einen zweiten Zusammenhang auf einem Scatterplot betrachten: den von Positivenrate und gefundenen Infektionen. Wenn wir wieder Kalenderwoche für Kalenderwoche die Werte im Diagramm eintragen, ergibt sich tatsächlich eine Linie von links unten nach rechts oben:

Je höher die Positivenrate, das ist die Aussage dieses Diagramms, desto mehr Infizierte werden gefunden. Man muss dabei berücksichtigen, dass sich möglicherweise die Teststrategie und deren Zielgruppen ändern, dass also etwa Bayern anlasslose Tests erlaubt oder Baden-Württemberg gezielt in Einrichtungen testet, wo ein Corona-Ausbruch vermutet wird. Auch wurde am Anfang der Pandemie anders getestet als im April und Mai, als etwa Altersheime besonders im Fokus standen. Jetzt werden wie im März wieder viele Reiserückkehrer getestet – deshalb trat ja Jens Spahn am Donnerstag vor die Presse.

Positivenrate steigt ebenfalls an

Dennoch ist der auch über den relativ langen Zeitraum seit Anfang März konstante Zusammenhang von Positivenrate und registrierten Infektionen bemerkenswert. Der Anteil der gefundenen Corona-Infektionen unter den getesteten Proben kann also ein Anhaltspunkt dafür sein, ob die Pandemie hierzulande unter Kontrolle ist. Seit Ende Juni lag der Anteil bei 0,6 Prozent, in den vergangenen zwei Wochen ist der auf 1 Prozent gestiegen. Deutlich über 1 lag er zuletzt Mitte Mai, bei damals ähnlich vielen registrierten Infizierten pro Woche. Damals hielten sich aber noch (fast) alle an die Abstands- und Hygieneregeln, die derzeit infrage gestellt werden.

Es wird sich zeigen, ob die Zahl der Infizierten in Deutschland weiter steigt – sei es, weil sie sich im Inland angesteckt haben oder im Ausland, wo zuletzt jede fünfte Infektion herkam. Zur Einschätzung der Zahlen wird die Positivrate in den kommenden Wochen vermutlich noch hilfreich sein.

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