„Es geht wieder aufwärts.“ Wolfgang Rehm ist froh, dass die schwierigste Zeit überstanden ist. Foto: Tom Weller - Tom Weller

Schwierige Zeiten hat der Wursthersteller Rehm aus Aichwald hinter sich. Das Insolvenzverfahren ist zwar noch nicht ganz abgeschlossen, aber der Familienbetrieb ist wieder in der Spur.

AichwaldAls gäbe es nicht schon genug Probleme, hat das Sturmtief „Sabine“ den Werbebanner vor dem Betriebsgelände im Aichschießer Gewerbegebiet zerfetzt. Wolfgang Rehm sieht das alles andere als ein böses Omen. Eher stehe der Vorfall für den frischen Wind, der mittlerweile wieder im Betrieb herrsche. Nach der Insolvenz habe sich das Unternehmen, die bislang als Eugen Rehm Esslinger Fleischwaren GmbH & Co. KG firmierte, wieder aus der Krise herausgekämpft. „Wir haben alle Prozesse durchleuchtet und einiges verändert. Jetzt sind wir wieder gut unterwegs“, sagt der 47-Jährige. Das bestätigt auch Uwe Kassube, der im Auftrag des Insolvenzverwalters so gut wie jeden Tag im Betrieb ist, um den Zahlungsverkehr zu steuern. In den vergangenen Monaten habe man einiges umstrukturiert und das Unternehmen wieder auf gesunde Füße gestellt, berichtet Rehm. Die Mitarbeiter stünden in dieser bislang schwierigsten Phase der 82-jährigen Firmengeschichte zusammen und bewiesen eine hohe Motivation. Auch auf Kundenseite habe er durchweg positive Reaktionen erlebt. Dafür sei er sehr dankbar, sagt der Firmenchef.

Schweinepreis extrem gestiegen

Bald acht Monate ist es her, dass Wolfgang Rehm als Geschäftsführer des traditionsreichen Aichwalder Familienunternehmens vor dem Esslinger Amtsgericht ein Insolvenzverfahren beantragte. Wegen Zahlungsproblemen hatte sich der 47-Jährige damals in Absprache mit den übrigen Gesellschaftern für den Schritt entschieden. Alle seien wie gelähmt gewesen, erinnert er sich. Ein wesentlicher Faktor sei gewesen, dass der Preis für Schweinefleisch massiv nach oben geklettert war. Innerhalb kurzer Zeit um bis zu 30 Prozent. Die Folge war eine bilanzielle Überschuldung, was nicht gleichzusetzen sei mit einer Zahlungsunfähigkeit, wie Rehm betont. Das Amtsgericht bestimmte Ende Mai 2019 den Stuttgarter Rechtsanwalt Tibor Braun, einen in solchen Fragen erfahrenen Mann, zum Insolvenzverwalter. Für die Steuerung der Liquiditätsströme vor Ort ist seither dessen Mitarbeiter Uwe Kassube verantwortlich.

Ab 1. April wird der Geschäftsbetrieb der bisherigen Eugen Rehm Esslinger Fleischwaren GmbH & Co. KG von der Rehm Fleischwaren GmbH übernommen. Hinter dieser neu gegründeten Unternehmung steckt, wie Rehm betont, kein fremder Investor. „Wir sind und bleiben ein Familienbetrieb.“

Die Zahl der Mitarbeiter ist seinen Angaben zufolge weitgehend gleich geblieben. Es habe nur wenige Kündigungen gegeben. Bislang waren in der Produktion rund 85 Mitarbeiter beschäftigt, in der Verwaltung waren es 15. Zur Restrukturierung gehört der Verzicht auf Zeitarbeiter, die bisher, je nach Arbeitsanfall, 10 bis 15 Prozent des Personals ausmachten. „Das machen wir künftig aus eigner Kraft“, erklärt der Firmenchef. Ziel sei es, die eigenen Ressourcen besser zu nutzen.

Umsatz um 15 Prozent gestiegen

Durch die Neuaufstellung des Betriebs sei es gelungen, einige neue Kunden zu gewinnen, berichtet Rehm. Das betreffe sowohl den Lebensmittel-Einzelhandel als auch den Discount-Bereich. Seit Beginn des Insolvenzverfahrens habe man den Umsatz um rund 15 Prozent steigern können. Hinter diesem Erfolg stehe auch eine strategische Neuausrichtung: Man konzentriere sich mehr auf das Kernsortiment, sprich Maultaschen, Konserven und Ofenfleischkäse. Mehr Augenmerk werde man auf die Bioschiene und vegetarische Produkte richten. Außerdem will Rehm seine Aktivitäten auf dem Exportmarkt verstärken. Schon heute gehen viele Wurstkonserven in Länder wie Australien, Georgien, Frankreich oder Italien.

Nichts geändert hat sich an angespannten Marktsituation. Für Schweinefleisch, den wichtigsten Rohstoff bei Rehm, sind nach wie vor extrem hohe Preise zu bezahlen. Hauptgrund dafür ist die Schweinepest in China. Als Folge davon kaufen die Chinesen mehr und mehr Fleisch in Europa, was die Preise in die Höhe schnellen lässt. Unverändert groß ist zudem der Preisdruck bei den Abnehmern der Wurstprodukte. Aber da stelle er als Hersteller langsam ein Umdenken beim Einzelhandel und den Discountern fest, sagt Rehm. Sie hätten mittlerweile erkannt, dass die gestiegenen Rohstoffpreise ein kurzfristiges Handeln erfordern. Trotz niedriger Gewinnmargen kämen sie Lieferanten mit Preisanpassungen entgegen.

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