Er schaut und schaut: Für zehn Euro Eintritt lässt Braco das Publikum an seinen „gebenden Blick“ teilhaben. Foto: Gesa von Leesen

Der Kroate Braco war am Samstag im Quadrium in Wernau zu Gast. Dabei sprach er nicht ein einziges Wort, er schaute nur. Er ließ die 140 Anwesenden an seinem „gebenden Blick“ teilhaben.

Wernau - Er macht nichts. Er guckt nur. Braco. Der Mann aus Kroatien war am Samstag in Wernau im Quadrium, um andere an seinem „gebenden Blick“ teilhaben zu lassen. Sechsmal stand Braco (ausgesprochen „Braßo“) im Stundentakt auf der Bühne und hat geguckt. Sechs Minuten lang. Dabei haben ihm jeweils bis zu 140 Menschen zugeschaut und waren danach mehr oder weniger beseelt. Von „großer Wärme“ ist die Rede, „Liebe“ und „Energie“.

Konkret läuft das so ab: Menschen, in der Mehrheit Frauen, kommen ins Quadrium, viele mit Blumen im Arm, bezahlen zehn Euro Eintritt und können erstmal im Foyer den Verkaufsstand inspizieren. Dort liegen Bücher auf Deutsch und serbo-kroatisch aus sowie diverse DVD über Braco, der seit 1995 weltweit unterwegs ist und, so wird in den diversen Veröffentlichungen stets betont, keinerlei Philosophie oder Weltanschauung vertritt. Den längsten Teil der Verkaufstheke nimmt der Schmuck ein: mehrzackige goldene Sonnen in unterschiedlich aufwendigen Ausführungen als Anhänger, Ohrringe, Fingerring. „Die Sonne hat Braco selbst entworfen“, erklärt eine mittelalterliche Dame mit ernstem Blick. „Das ist eine direkte Verbindung zu Braco.“ 190 Euro koste die günstigste Sonnen-Version. Das Geschäft läuft sichtlich gut.

Kurz vor der vollen Stunde ertönt über Lautsprecher eine freundliche Frauenstimme. Nun gehe es gleich los, man möge seine Handys abstellen und könne sich in den Saal begeben. Fast alle der 140 Stühle sind besetzt. Ein mittelalterlicher, braungebrannter Mann tritt mit Mikro vor die Besucher. Etwa 20 Minuten lang wird er, der seinen Namen auch später auf Nachfrage nicht nennt, den Braco-Anhängern vor Augen führen, was für ein großartiges Ereignis ihnen bevorsteht, wie unerklärlich Bracos Gabe ist, aber man eben auch nicht negieren könne, dass Menschen nach einer Begegnung mit Braco von Krankheiten geheilt wurden. Dabei betont der Moderator, der von sich selbst sagt, er sei Arzt: „Braco ist kein Heiler.“ So steht es auch auf dem Werbeflyer und auf der Braco-Webseite. Vielleicht, weil es juristische Probleme geben könne, wenn ein Mann, der nur guckt, von sich behaupten würde, er heile Menschen von Krankheiten. Also: Braco ist kein Heiler und wenn Menschen trotzdem durch/von/wegen ihm gesunden – umso besser. Jedenfalls erzählt der Moderator eine Menge über „Reinheit“, „Materie“, „Liebe“. Öfters taucht das Wort „Wissenschaftler“ auf. Die könnten das Braco-Phänomen nicht erklären, aber es gebe einen Wissenschaftler, der sage, wir befänden uns auf der nächsten Stufe der Evolution und, so der Moderator, „dass wir als Menschen zusammenwachsen zu einem Organismus. Ja, das ist eigentlich die einzige Möglichkeit.“ Das reichlich zusammenhangslose Reden stört das Publikum offenbar nicht. Ergriffen lauscht es einer Besucherin, die vom Moderator angesprochen wird: Sie sei 2001 zum ersten Mal bei Braco gewesen, ihrer behinderten Tochter hätten die Ärzte damals keine Zukunft vorausgesagt und als sie, die Mutter, wieder nach Hause kam, habe die Tochter mit ihr gesprochen. „Vorher konnte sie nur ein, zwei Worte.“ Es folgt eine ausladende Erzählung, von wie vielen Krankheiten Tochter und Mutter geheilt wurden und wie bedeutend dafür die goldene Sonnenkette war. Applaus.

Passend folgt ein kurzer Werbefilm, in dem Menschen aus aller Herren Länder berichten, wie wichtig für sie der goldene Sonnenschmuck ist, dazwischen geschnitten sind Bilder von Braco wie er aufs Meer, auf Berge oder auf Wiesen guckt.

Nun solle man mal alle Gedanken und Sorgen beiseitelassen, Braco komme, kündigt der Moderator an. Wie im Gottesdienst erhebt sich das Publikum. Mehrere Menschen halten vor ihrer Brust Fotos, damit Bracos Blick auch die dort abgebildeten Menschen trifft. Das funktioniert nämlich auch. Braco kommt, stellt sich auf die Bühne, aus den Lautsprechern ertönt eine süßlich säuselnde Esoterikmusik und Braco guckt. Langsam wendet er den Kopf von links nach rechts und nach links und nach rechts und nach links. Dann verschwindet er hinter dem Vorhang.

Stille. Setzen. „Darf ich fragen, wie es war?“ spricht der Moderator eine junge Frau an. „Eine große Ruhe, man hat sich umhüllt gefühlt. Viele Liebe, eine mächtige Kraft, die durch den ganzen Körper ging.“ Das hört sich doch gut an und der Moderator ermuntert die Menschen, mit Braco verbunden zu bleiben mithilfe der Bücher, DVD, der Sonne und auf der Homepage könne man demnächst wieder gratis per live-stream Braco erleben.

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