Die Aichwalder Flüchtlingskoordinatorin Martina Wendt (Bildmitte), hinten Mitte Walter Knapp vom AK Asyl Aichwald, rechts Bürgermeister Andreas Jarolim, der die Zertifikate überreichte. Foto: Katja Eisenhardt - Katja Eisenhardt

Sieben Flüchtlinge aus Aichwald haben in einem Kurs gelernt, was bei der Wohnungsuche wichtig ist. Sie wissen nun, wie man Annoncen liest und sich richtig vorstellt.

AichwaldStolz halten Rahaf Khaled aus Syrien und Aden Mohamed Hassan aus Somalia ihren „Wohn-Führerschein“ in den Händen. Eben haben sie mit weiteren Geflüchteten, die in Aichwald leben, die Führerschein-Prüfung bestanden und das Zertifikat von Bürgermeister Andreas Jarolim überreicht bekommen. Vier Abende lang hat die Gruppe unter der Leitung der Aichwalder Flüchtlingskoordinatorin Martina Wendt fleißig gebüffelt und in einem Mix aus Theorie und Praxisübungen viele wichtige Informationen rund um das Thema Wohnungssuche und das Verhalten als Mieter gelernt.

Derzeit leben Rahaf Khaled und Aden Mohamed Hassan noch in der Gemeinschaftsunterkunft. Die Zeit dort ist allerdings begrenzt. „Nach zwei Jahren muss man raus und wird in der Anschlussunterbringung für maximal drei Jahre irgendwo im Landkreis untergebracht, sofern man in der eigenen Gemeinde keine Wohnung findet“, erklärt Walter Knapp vom AK Asyl Aichwald. Eine eigene Wohnung zu finden, sei jedoch sehr schwer, zumal nicht ausreichend Wohnraum angeboten werde, obwohl es Leerstände gebe. So auch in Aichwald, wie Andreas Jarolim weiß: „Die Zahl der leer stehenden Wohnungen bewegt sich im höheren zweistelligen Bereich.“ Häufig gebe es bei den Vermietern aber Bedenken, unter anderem hinsichtlich der gesicherten Mieteinnahmen.

Vorbehalte überwinden

Die Mietzahlungen samt Übernahme der Nebenkosten seien bei Menschen mit geringem Einkommen aber durch das Jobcenter sowie das Landratsamt sichergestellt, betont der Bürgermeister. Im Falle der Geflüchteten soll zudem der Nachweis des bestandenen Wohn-Führerscheins dabei helfen, Vorbehalte zu überwinden. „Wir haben viel gelernt, so fühlt man sich jetzt bei der Wohnungssuche sicherer“, sagt die 15-jährige Rahaf Khaled, die nach den Ferien die 8. Klasse der Zollberg-Realschule besucht. Vieles sei völlig neu für sie gewesen, erklärt die junge Syrerin, die den Workshop gemeinsam mit ihrer Mutter besucht hat. „Wir haben zum Beispiel gelernt, welche Fragen man bei einer Wohnungsbesichtigung stellen sollte. Oder dass man dem Vermieter die Hand gibt zur Begrüßung. Das ist in meiner Heimat, besonders in den Großstädten, als Frau nicht erlaubt“, erzählt Rahaf.

Neuland sei für sie alle auch die schwäbische Kehrwoche oder die Mülltrennung gewesen, ergänzt Aden Mohamed Hassan. „In Somalia gibt es auch keine schriftlichen Vereinbarungen wie den Mietvertrag. Da wird alles mündlich verhandelt.“ Beide sprechen ein sehr gutes Deutsch, was bei dem Thema Wohnungssuche und im Umgang mit Vermieter und Nachbarn laut Martina Wendt essentiell wichtig ist. So gehe es um den kulturellen Austausch, darum, aufeinander zuzugehen und durch den Kontakt Vorurteile abzubauen, indem man sich über die jeweiligen kulturellen Begebenheiten austauscht.

Zum Konzept des „Wohn-Führerscheins“ hat die Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo mit Hauptsitz in Stuttgart gemeinsam mit der Stabstelle Integration der Stadt Ostfildern den mehrtägigen Workshop entwickelt. Alle Interessierten, etwa Vertreter der Gemeindeverwaltungen, können an einer Multiplikatorenschulung teilnehmen und die Inhalte danach an Kursteilnehmer vermitteln.

Rollenspiel Besichtigung

Im April hat die Aichwalder Flüchtlingskoordinatorin Martina Wendt dieses Angebot wahrgenommen und das Gelernte jetzt an eine siebenköpfige Gruppe Geflüchteter weitergegeben. „Wir haben uns an vier Abenden für je drei intensive Stunden getroffen. Neben der Theorie standen viele Praxisübungen, wie das Durchspielen einer Wohnungsbesichtigung auf dem Programm“, berichtet Wendt. Es geht auch darum, Anzeigen richtig lesen und verstehen zu können, die Prüfung der individuellen finanziellen und rechtlichen Möglichkeiten, die persönliche Vorstellung der Familie beim Vermieter sowie die Wohnungsbesichtigung samt Abschluss eines Mietvertrags. „Wichtig ist besonders der Umgang mit den neuen Nachbarn und das Verhalten als Mieter an sich. Dazu gehören Themen wie Ordnung, Sauberkeit, Mülltrennung, Lärm und Energiesparen“, erklärt Martina Wendt. Am Ende der Schulung wartet eine schriftliche Prüfung auf die Teilnehmer. Wer sie besteht, bekommt das Zertifikat „Wohn-Führerschein“ überreicht, der künftigen Bewerbungsunterlagen beigefügt werden kann. Von der Aichwalder Gruppe haben alle bestanden.

Um den Flüchtlingen zu helfen, hat die Gemeinde Aichwald außerdem gemeinsam mit den beiden Kirchengemeinden sowie dem AK Asyl die Aktion „Wohnraum gesucht“ ins Leben gerufen. Diese soll sowohl für Wohnungseigentümer als auch Wohnungssuchende eine Hilfestellung bieten.

Mehr Infos für Aichwalder Wohnungseigentümer bei Martina Wendt, Telefon: 0711/36 909-26 oder per Email: martina.wendt@aichwald.de und bei Walter Knapp, Telefon: 0711/36 3426 oder per Email: arbeitskreis.asyl@aichwald.de

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