Obwohl allein die Erschließung des Acht-Hektar-Areals einen Millionenbetrag verschlingt, sprechen die Vermarkter des Wohn-Schwerpunkts in Kernen von gesunkenen Kosten.
Mit einer symbolischen Rohrverlegung statt mit dem sonst üblichen Spatenstich sind in Kernen (Rems-Murr-Kreis) die Erschließungsarbeiten auf der Hangweide offiziell gestartet worden. Bis Ende 2027 soll auf dem acht Hektar großen Areal zwischen den beiden Teilorten Rommelshausen und Kernen ein Wohnquartier für bis zu 1500 Menschen aus dem Boden wachsen.
Geplant sind etwa 650 Wohneinheiten, annähernd ein Drittel der ausschließlich im Geschossbau erstellten Appartements soll dank einer reduzierten Miete auch für Durchschnittsverdiener erschwinglich sein. Einfamilienhäuser wird es auf der Hangweide nicht geben, auch das klassische Reihenhaus ist auf dem ehemals von der Diakonie Stetten genutzten Gelände nicht vorgesehen.
Bei den Erschließungsarbeiten sparen die Projektpartner viel Geld
„Mit der Entwicklung der Hangweide schaffen wir nicht nur dringend benötigten Wohnraum, sondern auch ein inklusives Quartier, das Raum für Begegnung und Gemeinschaft bietet – mitten in unserer Kommune“, betont Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch. Er nennt den Bauauftakt für die Erschließung „den wichtigsten Meilenstein für das Projekt“.
Allein der Abriss der in den 1950er Jahren als Wohnquartier für Menschen mit Behinderung erstellten Bestandsbauten zog sich über einen Zeitraum von fast einem Jahr hin – nicht zuletzt, weil bei den Arbeiten versucht wurde, recycelbare Baustoffe gesondert aufzubereiten. Auch das erklärte Ziel, den anfallenden Bauschutt schon aus Kostengründen von Problemstoffen zu trennen, schluckte Zeit.
Geld sparen die Projektpartner – neben der Gemeinde Kernen die Kreisbaugruppe und eine Immobilientochter der Landesbank Baden-Württemberg – jetzt bei den Erschließungsarbeiten. Es ist kein Geheimnis, dass die für den Straßenbau und die Verlegung von Abwasserleitungen absehbaren Kosten niedriger ausfallen werden als im Vorfeld kalkuliert worden war. „Wir profitieren von fallenden Baupreisen“, sieht sich Kernens Rathauschef als Nutznießer der Konjunkturdelle.
Obwohl viele Baufirmen durch die Krise auf dem Immobilienmarkt händeringend nach Aufträgen suchen, wird allein die Erschließung der Hangweide mehr als 15 Millionen Euro verschlingen. Bis alle geplanten Bauprojekte auf dem Acht-Hektar-Areal verwirklicht sind, werden mehr als 200 Millionen Euro in das Wohnquartier fließen.
Bereits mit einer fast fertiggestellten Fassade versehen ist beispielsweise das viergeschossige Mehrfamilienhaus, das die Gemeinde Kernen selbst verwirklichen lässt. Dank vorgefertigter Hybrid-Elemente ist das von der Holzbau-Tochter des Baukonzerns Züblin verwirklichte Gebäude in Rekordzeit in die Höhe gewachsen. Über den 34 Wohnungen sind begrünte Dächer und eine Photovoltaikanlage geplant, die Baukosten stellen mit 12,5 Millionen Euro trotz aller Spareffekte einen finanziellen Kraftakt für die Kommune dar.
Ebenfalls in Holzbauweise geplant ist ein Gebäude, in dem die Kreisbaugruppe 50 Mietwohnungen, drei inklusive Wohngruppen sowie eine sechsgruppige Kindertagesstätte unterbringen will. Der Rems-Murr-Landrat Richard Sigel nennt die Investition in bezahlbaren Wohnraum und soziale Infrastruktur eine strategische Aufgabe für den Landkreis. Wohnungsbau für Fachkräfte, junge Familien und Menschen mit mittleren oder niedrigen Einkommen sei unabdingbar. Neben den insgesamt 120 Kreisbau-Wohnungen auf der Hangweide hat der Landrat das Klinik-Areal in Waiblingen und das Karls-Quartier in Schorndorf als Schwerpunkt-Standorte ausgerufen.
Über die Landesbank ebenfalls mit im Bauherrenboot ist die Baugenossenschaft Zuffenhausen. Das Unternehmen plant 225 Wohnungen und vier Gewerbeeinheiten, außerdem 125 Einheiten in einem Boardinghouse. „Wir haben im Rems-Murr-Kreis eine sehr konstruktive Zusammenarbeit und vor allem schnelle und qualifizierte Entscheidungswege erlebt – das kenne ich aus Stuttgart so nicht“, sagt Vorstand Björn Schnake.
Das Leitbild für die Bebauung der Hangweide soll trotz mehrgeschossiger Wohnblocks eine dörfliche Struktur mit Nachbarschaftshöfen und einem zentralen Platz sein. Baumgruppen, Wasserlauf und eine barrierefreie Dorfpromenade sollen das autofreie Quartier gliedern. Pkw-Stellplätze und Sharing-Lösungen werden im „Urbanen Dorf“ auf der Hangweide in zwei sogenannten Mobility-Hubs untergebracht.