So ein Architektenhaus für unter 200 000 Euro – das klingt wie ein Traum. In Gerabronn in der Region Hohenlohe wurde er wahr. Foto: Michael Meyer

Das erste Projekt des Stuttgarter Architekten Michael Meyer war der Hausbau für seinen Bruder. Einfach, kompromisslos und richtig günstig sollte es sein. Geht das? Ja, und wie. Zu Besuch in einer echt coolen Edelscheune in Gerabronn.

Von der Architektur wird immer wieder Bescheidenheit und vor allem Angemessenheit erwartet. Doch wie denn so ein bescheidenes, mit angemessenen Mitteln erbautes Gebäude ausschauen soll, auf diese Frage erhält man nur selten eine befriedigende Antwort. Die meisten Häuser, zumal Einfamilienhäuser werden heute immer noch nach dem Maximierungsprinzip geplant: ein Maximum an Komfort soll das Gebäude bitte schön bieten, und das bei Einhaltung des Budgets. Der Architekt soll bei seiner Planung tunlichst weder bei der Wohnfläche sparen noch auf eine zeitgemäße technische Ausstattung verzichten. Verzicht ist auch so eine arg strapazierte Vokabel unserer Zeit. Alle sprechen davon, aber kaum jemand hat Lust darauf.

Konzentration aufs Notwendige

Ein Grund mehr, sich so ein Haus, wenn es dann doch gebaut wird, genau anzuschauen, wie beständig auch solch ein Entwurf ist. Als vor gut zehn Jahren Michael Meyer sein erstes Projekt als frisch examinierter Architekt planen durfte, bestand seine Bauaufgabe vor allem darin, sich aufs Notwendige zu konzentrieren. Das allein war schon schwierig genug. Dass der Bauherr sein älterer Bruder war, dem nach einer Scheidung nicht nach goldenen Wasserhähnen zumute war, machte den Job nicht leichter.

Und dann sollte das neue Domizil auch noch auf dem Grundstück der Großeltern und Eltern entstehen, genau dort also, wo einst der Bauernhof stand. So etwas nennt sich dann: eine Herausforderung. „Ja, dass man für die Familie auf einem heimatlichen Grund bauen durfte, ist schon etwas Besonderes – und ist natürlich auch schön“, sagt Michael Meyer, der mittlerweile mit seinem Büro Meyer Architekten zahlreiche prämierte Projekte realisiert hat und zudem eine Professur in Stuttgart innehat.

Die Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ und eine Nominierung für den „DAM Preis 2019“ gab es für den Bau des Hotels Kitz in Metzingen. Foto: Michael Meyer

„Aber so einfach war es dann auch nicht. Architektur setzt ja bestenfalls Emotionen frei, in unserem Fall Erinnerungen und Erwartungen aus dem familiären Umfeld. Und auch damit muss man als Planer umgehen können. Das war ein Lernprozess, keine Frage.“

Maximum an Privatheit

Klingt schön, doch in der Realität musste Meyer seine eigenen formalen Ansprüche an das vorhandene Budget anpassen. Und das lautete: 180 000 Euro für ein schlüsselfertiges Haus. Das war auch schon vor zehn Jahren eine extrem sportliche Unternehmung. „Die Bauaufgabe lautete also: Das Volumen des Gebäudes optimiert durch seine Ausrichtung auf dem Grundstück sollte ein Maximum an Privatheit für zwei Personen ergeben“, sagt Michael Meyer.

Ein Jahrzehnt später steht man vor dem Haus von Frank Meyer in Gerabronn, einer Kleinstadt in der Region Hohenlohe und denkt bei sich: So einfach geht gute Architektur, warum nicht immer so? „Ich komme immer wieder gerne zu Besuch nach Gerabronn“, sagt Michael Meyer, was einerseits am offensichtlich herzlichen Verhältnis zum Bruder liegt, andererseits am Objekt selbst. Frank Meyer bringt es auf den Punkt: „Ich finde das Haus nach wie sehr gelungen, weil es radikal runtergebrochen ist.“ Ja, der Bungalow ist radikal gezeichnet, und doch ist er beileibe kein Fremdkörper in dieser von kleinen Weilern und Wäldern geprägten idyllischen Gegend.

Bis Schwäbisch Hall sind es mit dem Auto eine gute halbe Stunde, hier riecht es eindeutig nach Land. Der Entwurf fügt sich demzufolge ganz selbstverständlich in die rurale Umgebung ein. Dafür hat Michael Meyer typische Reminiszenzen an die Gebäudeform der Scheune aufgenommen und zeitgemäß interpretiert.

Die Außenfassade, deren Schalung aus sägerauen Lärchenplanken besteht, ist wie bei einer alten Feldscheune schwarz lasiert. Das Dach? Aus schwarzen Betondachsteinen. Die Holz-Aluminiumfenster und pulverbeschichteten Aluminiumteile am Dach- wie auch im Sockelbereich geben dem Bau eine formale Strenge, die sich in den Innenräumen fortsetzt.

Klare Ästhetik, gutes Handwerk

Der Ess- und Wohnbereich ist an Wänden und Decken mit Sperrholzplatten ausgekleidet, die bodentiefen, überaus dezent gesetzten Einschnitte ins Gebäude lassen viel Tageslicht hinein. Ein anthrazitfarbener Industrieboden passt wunderbar zur schlichten wie klaren Ästhetik und sieht auch heute noch ziemlich unbeschadet aus.

„Der Bau sollte so einfach wie möglich sein, aber ohne Kompromisse beim ästhetischen und architektonischen Anspruch. Daher wurde es eben auch kein Low-Budget-Projekt“, sagt Michael Meyer und streicht mit der Hand über die Sperrholzplatten an der Küchenwand, als müsste er die Teile prüfen. Er scheint überaus zufrieden zu sein. Die Spaltmaße zwischen den Elementen sind gleichmäßig und klein, was für die Qualität der Schreinerarbeit spricht.

Nur gut, wenn die einfachen und daher oft etwas günstigeren Baumaterialien in der Anschaffung mit Sorgfalt verarbeitet werden. „Der Zimmerermeister ging mit mir in die Schule“, sagt der Bauherr lächelnd. Auch das ist kein Geheimnis: Will man gut und günstiger bauen, sollte man möglichst kompetente Handwerker auf der Baustelle haben.

Und einen Planer, der weiß, wie man ein Haus ohne Firlefanz konstruiert und realisiert. Der Verzicht auf Unnötiges bedingt eine komplett andere Sicht auf alles, was und wie man es besitzt. „Plötzlich stellt man sich die wirklich schwierige Frage: Was benötige ich wirklich?“, erinnert sich Frank Meyer. Die Wohnfläche? 110 Quadratmeter, barrierefrei, mehr nicht. Es reicht – sehr gut.

Der Bauherr musste einiges aussortieren, keine Frage. Und doch nimmt er das inflationär verwendete Wörtchen Minimalismus nicht in den Mund. Frank Meyer arbeitet als Banker, ein sympathischer Skeptiker, so scheint es, der nicht jedem Trend, nicht jeder Mode hinterherläuft. Obwohl er damals schon etwas gemacht hat, was sich jetzt gerade so viele wünschen.

Sein schwarzer Bungalow wird nämlich durch Erdwärme mit einer Sole-Wasser-Wärmepumpe beheizt. Die und der vorbildliche Dämmstandard sowie die dreifache Verglasung gewährleisten eigentlich einen energieeffizienten Gebäudebetrieb. Dazu hat Michael Meyer zur Stichstraße hin eine geschlossene Nordseite vorgesehen, das wärmende Licht kommt bei Bedarf von der Südseite.

Wie ein Ferienhaus im Süden

Doch Frank Meyer fuchst es immer noch, dass sowohl die Investitionskosten für eine derartige Heizung im Vergleich zu anderen Ländern als auch die Preise für den benötigten Strom in diesem Land dermaßen hoch sind. Verständlich. Dass der Bauherr sich selbst Grenzen gesetzt hat, führte fast zwangsläufig zu einem ökologischeren Lifestyle. Der lässige Charakter dieses außergewöhnlichen Hauses hat schließlich auch etwas mit seiner unmittelbaren Umgebung zu tun. Wie ein Ferienhaus im Süden besteht der Garten lediglich aus alten Bäumen, einer Wiese und Naturhecke.

Kein Tor, keine Garage: der unter anderem als private Parkmöglichkeit benutzte Vorplatz kommt ohne funktionale und sichtbare Begrenzung aus, wodurch dem Anwesen das optische Gleichgewicht zwischen Privatsphäre und Offenheit gelingt. Das bedeutet auch: Die Versiegelung beschränkt sich auf die Wohnfläche des Bungalows. Dass dieses Wohnkonzept nicht jedem im Ort gefiel, kann man sich ausmalen. „Klar, der Bungalow hat in Gerabronn schon für Gesprächsstoff gesorgt. Aber das war schon okay so. Mittlerweile ist das anders, das werden wir schon kopiert“, sagt Frank Meyer.

Reduzierter Lifestyle

Was man nachvollziehen kann. Ein Haus auf dem Land klingt immer supercool, aber an der geschmackssicheren und bezahlbaren Realisierung scheitern viele. So ein Bungalow, das wär’s. Die hiesige Architektenkammer hat das seinerzeit auch so gesehen und zeichnete den Holzbau mit dem Preis Beispielhaftes Bauen aus.

Frank Meyer ist mit seinem reduzierten Lebenskonzept immer noch einverstanden, auch weil ihn der Bau finanziell nicht ruiniert hat – und trotzdem ein echter Blickfang ist: „Ich will kein Haus, in das ich rein muss, weil ich mir kein anderes leisten kann.“ Der Planer nickt. Schön, wenn sich Architekt und Bauherr auch noch nach zehn Jahren einig sind.