In „Heute weder Hamlet“ spielt Martin Theuer an der Esslinger Landesbühne einen gescheiterten Schauspieler, der doch noch zu seinem großen Auftritt kommt.
Der Lappen muss hoch, sonst gibt’s keine Vorstellung. So betrachtet ist Ingo Sassmann der wichtigste Mann im ganzen Theater, der Vorhangzieher. Heute aber, wo tatsächlich gar nichts hochgeht, denn der Hamlet-Darsteller hat sich das Bein gebrochen, tritt Sassmann, der große Unsichtbare, ins Rampenlicht. Zum ersten Mal, seit vor vielen Jahren seine hoffnungsvolle Karriere als Schauspieler hochnotpeinlich und völlig unverschuldet scheiterte. Dabei will er doch nur einen Stuhl von der Bühne räumen, wird aber vom ausharrenden Publikum ertappt, das weder „Hamlet“ noch sonstwas zu sehen bekommt. Sondern Sassmann.
„Heute weder Hamlet“ von Rainer Lewandowski trägt einen vielsagenden Untertitel: „Ein Stück Theater“. Kein Theaterstück. Coram publico schwingt sich Sassmann in einen Monolog, der von der obersten Macht über Sein oder Nichtsein handelt: dem Theater. Ihn selbst hat es nicht sein lassen, was er sein wollte, seit er zusammen mit dem Intendanten auf der Landesbühne stand und diesem im dramatischen Wortwechsel das Gebiss aus der Mundhöhle direkt an den Bühnenrand fiel. Prompt feuerte der Theaterchef den Jungschauspieler, der doch partout nichts dafür konnte.
Scheitern ist eine Glanzrolle
„Das ist grotesk zugespitzt, spiegelt aber die realen Hierarchien am Theater“, sagt der Esslinger Landesbühnenintendant Marcus Grube, der übrigens kein Gebiss trägt. Dafür „Heute weder Hamlet“ im Esslinger Schauspielhaus inszeniert. Wobei das „ein zu großes Wort“ sei, sagt er. „Bei so einem Solostück geht es nicht um Regiekonzepte, sondern um Freiraum für den Darsteller. Ein Tisch, ein paar Stühle, einige Requisiten – das genügt.“ Denn der gescheiterte Schauspieler ist allemal eine Glanzrolle für einen ungescheiterten: In Esslingen ist es Martin Theuer, großer Charakterzeichner und Spezialist für Komik mit melancholischem Unterton. Diesen Gegenklang birgt auf tragische Weise auch der Lebensweg Sassmanns: Seine Frau, ebenfalls Schauspielerin, konnte nach einem Bühnenunfall nicht mehr auftreten, verfiel in Depressionen und beging Suizid. Tja, die Macht des Theaters über Sein oder Nichtsein.
„Man erfährt das eher nebenbei“, sagt Grube. „Das Ganze ist ein leichter Abend, weder befrachtet mit traumatischem Schicksal noch mit Blicken in menschliche Abgründe wie Süskinds ,Kontrabass’.“ Doch auch der Bühnenunfall kommt nicht von ungefähr, ist durchaus allgegenwärtige Theater-Realität. Erst recht gilt das für den „Sack voller Anekdoten“, den Sassmann vor dem Publikum ausschüttet: „Das stimmt alles, das könnte tatsächlich so gewesen sein“, versichert Dramaturgin Anna Gubiani. Und das Genörgel über die jungen Kolleginnen und Kollegen, die dies und das nicht mehr können, vor allem nicht mehr sprechen; über miese Stücke und Regiemoden und Künstlerticks: alles ein wahrhaftiges Stück Theater.
Notausgang ins Nichts?
Und: eine Hommage ans Theater, dem Sassmann bei allem Scheitern nicht entkommt. Oder? Der Giftmord an Hamlets Vater, der das Drama in Gang bringt, hat ihn nie überzeugt. Jetzt aber schwenkt er selbst die Phiole mit dem tödlichen Bilsenkraut, am Ende trinkt er sie aus. Also doch durch den Notausgang raus ins Nichts, wo keine Bretter mehr die Welt bedeuten? Von wegen. Es ist beileibe nicht sein letztes Wort.
Die Premiere beginnt an diesem Freitag, 27. Juni, um 19.30 Uhr im Esslinger Schauspielhaus. Die nächsten Vorstellungen folgen am 3. und 20. Juli sowie nach der Sommerpause in der neuen Spielzeit.