Der Wissenschaftler Niko Paech fordert radikales Umdenken. Foto: Marcus Sümnick - Marcus Sümnick

Gegen die Zerstörung der Umwelt erhebt der Volkswirt Niko Paech seine Stimme. Beim Kunstverein Neuhausen war der Wissenschaftler zu Gast, der an der Uni Siegel lehrt.

NeuhausenDie Konsumenten will der Volkswirt Niko Paech dazu bewegen, sich dem Wirtschaftswachstum zu verweigern. Und da spart der Professor, der unter anderem über Postwachstumsökonomie forscht und an der Universität in Siegen lehrt, nicht mit griffigen Thesen. „20 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche sind genug“ blickt der 58-Jährige in die Zukunft. Dafür sollten sie Menschen weniger verdienen, damit sie auch weniger ausgeben können. „In der freien Zeit darf sich jeder für die Gemeinschaft engagieren.“ Da denkt der Ökonom an Einsätze in kollektiven Gärten, Näharbeiten oder Reparaturen.

„All you need is less“ (deutsch: Alles, was Sie brauchen, ist weniger) lautete der Titel seines Vortrags beim Kunstverein Neuhausen. Eingeladen hatte der Innovationsclub, dessen Leiterin Brigitte Pihulak immer wieder inspirierende Redner in die entweihte Jesuitenkapelle in der Rupert-Mayer-Straße holt. Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft in einen fruchtbaren, manchmal auch streitbaren Dialog zu bringen, das liegt der Unternehmensberaterin am Herzen. Für Paech ist der Vortragsraum ein besonderer Ort: „Gott ist es egal, ob die Kapelle entweiht ist oder nicht“, merkte er an.

Eine Kultur der Nachhaltigkeit

Zwischen Visionen von Räumen der Zukunft von Künstlern aus ganz Deutschland und Österreich, die bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Ausstellung des Kunstvereins zu sehen waren, lauschte das Publikum den Thesen des Wissenschaftlers, die alles andere als rosig sind. Denn die Wirtschaft, so rasant wie sie jetzt wachse, zerstöre die Erde. In diesem Ökosystem könne es nicht so weitergehen wie bisher. Die sogenannte Postwachstumsökonomie will den Konsumrausch stoppen.

Paechs Thesen, die er in Neuhausen vorträgt, sind radikal. Und es kommt aus seiner Sicht auf jeden Konsumenten an, inne zu halten und umzudenken. „Mein Jackett trage ich seit etlichen Jahren“, plädierte der Wissenschaftler für eine Kultur der Nachhaltigkeit. Statt sich immer wieder Kleidung zu kaufen, die in aller Welt unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird, setzt er auf nachhaltigen Konsum. Die Wegwerfgesellschaft ist aus seiner Sicht am Ende angekommen. Selbst den Klimaschützern fehle es an Konsequenz. Die Demonstrationen gegen den Klimawandel „immer nur freitags“ allein reichten nicht, „wenn man alle zwei Jahre ein neues Handy kauft und das alte dann achtlos entsorgt.“ Da sieht er nicht nur bei der jungen Generation erhebliche Defizite.

Mit vielen Statistiken und anschaulichen Zahlen führt Paech den sichtlich schockierten Zuhörern vor Augen, wie zum Beispiel das Fliegen das Klima schädige. Er zeigt eine Karte, die den weltweiten Flugverkehr an nur einem Tag abbildet. Unzählige gelbe Punkte zeigen, wie dicht sich die Maschinen am Himmel drängen. „Wir zerstören auf immer ruinösere Weise unsere ökologischen Lebensgrundlagen.“ Für den Ökonomen geht es darum, dass jeder einzelne seinen Kohlendioxid-Verbrauch radikal einschränkt. Was würde dieser Entwurf konkret für den Alltag bedeuten? „Keine Flugreisen, keine Kreuzfahrten, und das Auto nur im Notfall nutzen. Keine zu große Wohnung und sparsam heizen“, fasst Paech die Konsequenzen für jeden Konsumenten zusammen. Er selbst ist viel auf Vortragsreisen in Deutschland und darüber hinaus unterwegs, nutzt dann aber die Bahn. Auch den Fleischkonsum müsse man einschränken, höchstens 24 Kilo im Jahr. Mit mehr als 60 Kilo sei die deutsche Gesellschaft davon noch weit entfernt.

Grüner Ablasshandel

Dass alle über Nachhaltigkeit reden, die wenigsten aber selbst im Alltag Konsequenzen ziehen, ist Paech bewusst. Mit einem abfotografierten Holzschnitt aus dem Mittelalter zeigt er den mittelalterlichen Ablasshandel der Kirche – und sieht da Parallelen zum Greenwashing (deutsch: Grünwaschen), das nicht nur in der Politik voll im Trend liegt. Was unter dem Deckmäntelchen der Nachhaltigkeit verkauft werde, sei oft nur eine Marketingstrategie. Oft sind die Parallelen, die der Ökonom zieht, äußerst provokant. Sein kritischer Blick ist aber oft nicht von der Hand zu weisen.

„Wie wollen Sie das denn in der Realität umsetzen?“ fragte ein Besucher am Ende des Vortrags in Neuhausen. Da setzt Wissenschaftler Paech, der an der Universität Siegen Studierende ausbildet, zunächst auf Öffentlichkeitsarbeit und auf Aufklärung. Dass seine Forderungen in der heutigen Marktwirtschaft vielfach utopisch klingen, ist ihm bewusst. Dass Fliegen zum in der globalisierten Welt längst zum Alltag gehört, stelle keiner der Politiker in Frage. Dennoch sieht Paech Chancen, „wenn jeder im Alltag umdenkt.“

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