Von der Küferstraße sollen künftig wichtige Impulse für Gründergeist und Innovation ausgehen. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Wirtschaft und Gesellschaft erleben einen rasanten Wandel – auch in Esslingen. Deshalb haben Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing unter der Dachmarke „MachES!“ eine Reihe gemeinsamer Gründer- und Innovationsprojekte auf den Weg gebracht.

Esslingen Die Zukunft hat längst angefangen, doch viele Kommunen tun sich in Zeiten von wirtschaftlichem Strukturwandel, Digitalisierung und Klimaveränderungen schwer, den Herausforderungen der Zukunft mit den richtigen Konzepten zu begegnen. Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing in Esslingen wollen den rasanten Wandel beherzt anpacken und in den Herausforderungen der Zukunft neue Chancen entdecken. Gemeinsam haben sie die Dachmarke „MachES!“ entwickelt, unter der verschiedene Gründer- und Innovationsprojekte vereint werden. Über allem steht eine entscheidende Frage, die die Kommune auch mit ihrem Stadtkompass 2027 zu beantworten versucht: „Wie können wir Esslingen auf die Welt von morgen vorbereiten?“ Im Verwaltungsausschuss des Esslinger Gemeinderats haben Marc Grün, der Chef des städtischen Amtes für Wirtschaft, und Michael Metzler, der Chef der Esslinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH (EST), ihr Konzept nun vorgestellt. Die verschiedenen Projekte sollen rasch Wirkung zeigen.

Für Marc Grün ist es ein Gebot der Stunde, den fundamentalen Strukturwandel in Einzelhandel, Industrie, Dienstleistung und Handwerk konstruktiv mitzugestalten: „Wir wollen die Stadtgemeinschaft aktivieren und den Menschen Möglichkeiten geben, sich mit ihren Ideen und ihrem Engagement einzubringen. Aktiv werden, Ideen bündeln, Ausprobieren und Mitmachen – das sind unsere Leitlinien.“ Metzler, Grün und ihre Mitarbeiter haben zunächst versucht, den konkreten Bedarf der Gründungs- und Innovationsfreudigen für Beratung und Unterstützung zu ermitteln. Immer wieder begegnete ihnen der Wunsch, Netzwerke zu schaffen und auszubauen, Räume bereitzustellen, in denen Neues gedeihen kann, und die Lust aufs Gründen zu beflügeln. „Wir wünschen uns, dass Ideen produziert und nicht nur konsumiert werden“, betont Marc Grün. „MachES!“ soll dafür die nötigen Voraussetzungen schaffen.

Dafür wurde einiges angestoßen: Es gab vier Gründer-Talks in Zusammenarbeit mit der Hochschule. Drei Gründer-Treffs und drei Themenworkshops wurden angeboten, ein Austausch mit Israel unter der Flagge der „Mobility Pioneers“ wurde ebenso angestoßen wie die interkommunale Vernetzung mit Städten wie Kirchheim, Nürtingen und Filderstadt, die Küferstraße soll zur Innovationsmeile werden, mit dem Business-Wettbewerb „Stadt up!“ gibt es ein weiteres Förderinstrument. Und über allem steht das Ziel, Gründungen und Innovationen den Weg zu ebnen und Macher mit Ideen untereinander und mit Unternehmen zu vernetzen.

Innovationsmeile Küferstraße: Dieses Projekt wurde im Frühjahr 2019 vom Verwaltungsausschuss des Gemeinderats bewilligt und soll „Menschen mit Ideen und Innovationen eine zentrale Anlaufstelle bieten, Gründer fördern und die östliche Altstadt als innovativen Impulsgeber etablieren“. Nachdem das Konzept inzwischen mit Vertretern der Gründer- und Innovationsszene weiterentwickelt und auf die Bedürfnisse von Machern ausgerichtet wurde, soll es Esslingens Ruf als „Stadt der Innovationen“ unterstreichen. Insgesamt stehen dafür 280 Quadratmeter zur Verfügung – das Wolfstor bietet Platz für Workshops, die Räume in der Küferstraße sind für Begegnung und Arbeit vorgesehen. Derzeit wird in den neuen Räumen in enger Abstimmung mit Gründern und Nutzern die nötige Infrastruktur geschaffen, am 2. April soll Einweihung gefeiert werden. Dann sollen Gründer zunächst ein niederschwelliges und partizipatives Angebot erhalten, um ihre Ideen zu konkretisieren, in einer zweiten Stufe werden die Voraussetzungen für günstiges Probieren zusammen mit Gleichgesinnten geschaffen. Und wenn die Gründer die nächste Stufe auf dem Weg zur Selbstständigkeit angehen wollen, werden sie nicht alleingelassen, weil mit „Stadt up!“ ein weiteres Förderprojekt wartet.

Stadt up!“ ist ein Programm zur Unternehmens- und Innenstadtförderung, das der Aufsichtsrat der EST im Herbst beschlossen hat. Dahinter steht ein Business-Wettbewerb für Existenzgründer, für den sich Jungunternehmen und bestehende Unternehmen vom 2. April bis 31. Juli mit ihren innovativen Geschäftsideen bewerben können – die besten fünf Bewerberinnen und Bewerber erhalten gezielte fachliche Förderung durch ein Netzwerk von Esslinger Unternehmen, die Sach- und Beratungsleistungen im Gesamtwert von 120 000 Euro zur Verfügung stellen. Der Wettbewerb soll in diesem Frühjahr starten und anschließend in regelmäßiger Folge – vermutlich alle zwei Jahre – angeboten werden. „Wir loben bewusst keine freien Geldleistungen aus, sondern Prämienpakete“, erklärt EST-Chef Michael Metzler. „In Gesprächen mit Gründern haben wir immer wieder erfahren, dass gerade im ersten Jahr der Geschäftstätigkeit branchenübergreifende Hilfestellung und Beratung nötig ist.“ So kann etwa ein Versicherer die Unternehmens-Haftpflicht im ersten Jahr übernehmen, ein Steuerberater kann die erste Steuererklärung und eine Werbeagentur die erste Werbekampagne sponsern, Banken können mit günstigeren Krediten helfen und die Eßlinger Zeitung ist ebenfalls mit im Boot und hilft nicht nur, das Projekt „Stadt up!“ publik zu machen, sondern steuert auch technisches Know-how und Werbeleistungen bei. „Solche Unterstützung hilft nicht nur ganz konkret im ersten Jahr der Unternehmensgründung, sondern hilft auch, dauerhafte Kontakte herzustellen“, sagt Grün. Dass mit dieser Förderung der Wunsch verbunden ist, die Altstadt zu beleben, liegt für Metzler auf der Hand: „Solche Ansätze müssen wir verfolgen, um gerüstet zu sein, wenn die Vorhersagen zutreffen, dass der innerstädtische Handel durch die Digitalisierung seine absolut bestimmende Rolle nicht im gewohnten Umfang halten kann.“

Es kommentiert: Alexander Maier

Mut zu Neuem

Wer die vergangenen Jahre Revue passieren lässt, wird staunend feststellen, wie sehr sich unser Leben verändert hat – im privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Bereich. Die Welt ist im Wandel, und sie scheint sich immer schneller zu drehen. Manches hat Vorteile, Anderes verlangt einen genaueren Blick, damit man erkennt, wenn der Fortschritt durch allzu große Nachteile erkauft wird. Wir müssen den rasanten Wandel nicht nur hinnehmen, sondern so weit wie möglich gestalten. Sonst darf man sich nicht wundern, wenn der Zug in Richtung Zukunft vorüberfährt.

Deshalb ist die Stadt Esslingen gut beraten, wenn sie rasch die Weichen auf dem Weg in die Welt von morgen stellt. Wer durch die Innenstadt geht, sieht den Wandel auf Schritt und Tritt. Geschäfte, die der Stadt Flair geben, verschwinden. Und längst nicht überall tut sich ein neues attraktives Fenster auf. Ein differenziertes Konzept wie „MachES!“ kann viel bewirken. Vor allem kann es jungen Leuten Mut zur Zukunft machen. Doch bei aller Förderung des Neuen muss auch die Sicherung des Bestehenden im Fokus bleiben. Händler und Gastronomen müssen spüren, dass sie willkommen sind. Sie müssen Unterstützung erfahren und erleben, dass man ihnen hilft, ihre Anliegen im Rahmen des Möglichen und Sinnvollen zu unterstützen. Die Küferstraße als Innovations meile ist eine wunderbare Idee, doch wir dürfen darüber zum Beispiel nicht den Händler oder Gastronomen vergessen, dem schon etwas mehr Unterstützung und weniger Bürokratie bei der Möblierung vor dem Haus hilft. Und vor allem: Jeder hat die Möglichkeit, wertvolle Strukturen zu erhalten – indem er sein Einkaufsverhalten hinterfragt und überlegt, ob man alles im Internet kaufen muss.

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