Vieles dreht sich ums Geld: Für insolvente Unternehmen werden Investoren gesucht. Foto: imago/Wolfgang Maria Weber

Autokrise, US-Zolldrohungen, internationale Probleme: Die Wirtschaft steckt in der Klemme. Die Zahl der Insolvenzen steigt. Auch im Kreis Esslingen ist die Spitze des Eisbergs nach Ansicht von Experten noch nicht erreicht.

Unternehmen wie Matec in Köngen sind in die Insolvenz geraten. Doch das muss nicht das Ende sein. Ein Gespräch mit den Insolvenzverwaltern Dietmar Haffa und Markus Schuster, die beide regelmäßig im Kreis Esslingen tätig sind.

Sie wollen insolvente Unternehmen retten. Was passiert, wenn das nicht gelingt?

Markus Schuster: Dann fließt bei den Beschäftigten nachvollziehbarerweise schon mal die eine oder andere Träne. Wir versuchen aber alles, um ein insolventes Unternehmen zu erhalten und so viele Arbeitsplätze wie möglich zu bewahren. Gelingt das nicht, richtet sich die Enttäuschung aber meistens nicht auf uns, sondern auf die Unternehmensführung, die für die Situation verantwortlich gemacht wird.

Dietmar Haffa: Die meisten Beschäftigten haben Verständnis für uns. Sie wissen, dass wir auch nicht zaubern können und wir – wenn ein Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen nicht erhalten werden kann – zumindest unser Möglichstes getan haben.

Ist die Zahl der Insolvenzen im Kreis Esslingen gestiegen?

Dietmar Haffa: Die bundes- und landesweiten Entwicklungen können auch auf den Kreis Esslingen heruntergebrochen werden. Von 2008 bis 2022 ist die Anzahl der Insolvenzen rückläufig gewesen. In den letzten beiden Jahren aber hat es auch in Baden-Württemberg einen starken Anstieg gegeben. So gab es 2024 in unserem Bundesland 2445 Unternehmensinsolvenzen – im Vergleich zu 2023 ein Anstieg von über 30 Prozent. Wobei man auch sehen muss, dass wir von einem niedrigen Insolvenz-Niveau kommen und wir uns auch noch nicht auf dem Niveau der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 bewegen.

Bei der Firma Matec in Köngen gingen 60 Arbeitsplätze verloren. 40 konnten erhalten werden. Foto: Ines Rudel

Woran liegt dieser Anstieg?

Dietmar Haffa: Gründe für den Anstieg bei den Insolvenzzahlen sind die Transformationsprozesse in vielen Branchen, beispielsweise im Automotivebereich der Umstieg von Verbrenner- auf E-Autos, steigende Kosten etwa für Energie oder Probleme mit den Lieferantenketten. Während Corona hatten sich durch die staatlichen Subventionen auch Insolvenzen verschoben. Nach dem Auslaufen der Zahlungen, die ja zudem auch zurückgezahlt werden müssen, sind ohnehin schon gefährdete Unternehmen in Turbulenzen geraten.

Welche Branchen im Kreis Esslingen sind besonders insolvenzgefährdet?

Dietmar Haffa: Die Automobilindustrie ist allgemein gefährdet – auch weil weniger E-Autos nachgefragt werden als ursprünglich angenommen.

Markus Schuster: Bestimmte Bereiche des Einzelhandels vor allem im Bereich Textil. Und die Gastronomiebranche. Angesichts der unsicheren Wirtschaftslage überlegen es sich die Konsumenten gut, ob sie Geld dafür ausgeben.

Arbeitsplätze und Insolvenzen

Wie groß sind die Chancen, Arbeitsplätze eines insolventen Unternehmens zu erhalten?

Dietmar Haffa: Während meiner etwa 20-jährigen Tätigkeit als Insolvenzverwalter konnte ich mehr als 50 Prozent der in Insolvenz geratenen Unternehmen retten, sodass sie die Tore nicht dicht machen mussten. Das ist beispielsweise bei dem Köngener Maschinen- und Anlagenbauer Matec gelungen. Der Standort und 40 Arbeitsplätze konnten erhalten werden. Doch 60 Mitarbeitenden musste gekündigt werden. Häufig können nicht alle Arbeitsplätze, aber zumindest ein Teil davon erhalten werden.

Foto: Schultze und Braun

Warum gehen Arbeitsplätze bei Insolvenzen verloren?

Dietmar Haffa: Es gibt ja einen Grund für eine Insolvenz – und dieser Grund kann meist nur durch den Einstieg eines neuen Geldgebers und eine Reduzierung der Kosten beseitigt werden – mitunter verbunden mit einem Abbau von Arbeitsplätzen. Oft nutzt ein Investor nach der Übernahme eines insolventen Unternehmens auch Synergieeffekte und baut zum Beispiel Doppelstrukturen in bestimmten Bereichen der Verwaltung ab.

War das auch bei Unternehmen im Kreis Esslingen der Fall?

Dietmar Haffa: Ja, so war es. Für Matec etwa haben wir einen Investor gefunden, der die Mitarbeitenden im Servicegeschäft und in damit verbundenen Abteilungen übernommen hat. Die Matec-Maschinen müssen bei den Kunden ja weiterhin gewartet, repariert, auf den neuesten Stand gebracht und mit Ersatzteilen versorgt werden. Im Fall von Pfletschinger & Gauch, einem insolventen Spezialisten für Werkzeug- und Formenbau in Plochingen, konnten mein Team und ich im Oktober letzten Jahres durch den Einstieg zweier Investoren den Standort mit 25 Arbeitsplätzen erhalten. Doch die Personalstärke musste an die veränderte Auftragslage, die auch ein Grund für die Insolvenz war, angepasst und 22 Arbeitnehmer entlassen werden.

Gründe für eine Insolvenz sind Zahlungsunfähigkeit, Überschuldung oder eine drohende Zahlungsunfähigkeit. Foto: 1/nmann77 - stock.adobe.com

Erhalten die Arbeitnehmer während der Insolvenzphase weiterhin ihr Gehalt?

Markus Schuster: Bei einer Insolvenz wird derzeit das gesamte Bruttogehalt bis zu einer Obergrenze von 8050 Euro pro Monat, die Beitragsbemessungsgrenze zur Pflege- und Arbeitslosenversicherung, für bis zu drei Monate nach dem Insolvenzantrag über das sogenannte Insolvenzgeld gesichert, das von der Agentur für Arbeit übernommen wird.

Bezahlen das die Steuerzahler?

Markus Schuster: Nein, es handelt sich dabei nicht um Steuer- oder Arbeitslosengeld. Das Insolvenzgeld wird aus einem Topf bezahlt, in den alle Unternehmen in Deutschland einbezahlen. Nach Ablauf des Insolvenzgeldzeitraums sollte das Unternehmen idealerweise wieder so aufgestellt sein, die Gehälter aus dem laufenden Geschäftsbetrieb bezahlen zu können. Das ist etwa der Fall, wenn ein Investor gefunden wird, der das insolvente Unternehmen übernimmt.

Wie versuchen Sie, insolventen Unternehmen zu helfen?

Dietmar Haffa: In der Regelinsolvenz werde ich bei Unternehmen aus dem Landkreis vom Amtsgericht Esslingen als vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Wir stabilisieren dann das Unternehmen, führen es fort und suchen parallel nach Investoren für das in die Insolvenz geratene Unternehmen – bei größeren Unternehmen auch mit Unterstützung von sogenannten M&A-Agenturen, die mögliche Investoren identifizieren und kontaktieren.

Foto: Schultze und Braun

Sind gerettete Unternehmen wie Matec nach einer überstandenen Insolvenz erneut insolvenzgefährdet?

Markus Schuster: Die Gefahr, erneut in eine Insolvenz zu geraten, ist bei geretteten Betrieben auch nicht größer als bei allen anderen Unternehmen. Wenn man bundesweite Statistiken und eine eigene Umfrage unserer Kanzlei anschaut, dann gehen 95 bis 98 Prozent einmal insolventer Unternehmen kein zweites Mal in die Insolvenz. Unsere Untersuchung über einen Zeitraum von fast zehn Jahren zeigt, dass sowohl Regelinsolvenzverfahren als auch Eigenverwaltungen und Schutzschirmverfahren für nachhaltige Unternehmenssanierungen stehen.

Ist aus Ihrer Sicht mit einem Anstieg der Insolvenzen im Kreis Esslingen zu rechnen?

Dietmar Haffa: In der Vergangenheit haben sich Anstiege und Rückgänge von Insolvenzen periodisch abgewechselt. Eine Phase dauerte immer rund sieben bis acht Jahre. Seit zwei Jahren beobachten wir einen Anstieg der Insolvenzen. In zwei, drei Jahren dürfte der Gipfel erreicht sein. Allerdings hatten wir 2008 bundesweit über 30 000 Unternehmensinsolvenzen. Und weil die Zahlen in den letzten beiden Jahren angestiegen sind, rechnen wir 2025 mit etwa mehr als 20 000 Insolvenzen.

Wie wirken sich mögliche US-Zölle aus?

Dietmar Haffa: Durch die Zölle werden Einfuhren in die USA teurer, die Preise steigen für die Verbraucher in den USA und es werden deshalb weniger Produkt aus Deutschland nachgefragt. Die Produktionszahlen dürften daher sinken – das könnte die Anzahl der Insolvenzen erhöhen.

Markus Schuster: Die Marktunsicherheit und die fehlende Planungssicherheit stellt Unternehmen vor zusätzliche Herausforderungen.

Zahlen und Personen

Insolvenzgründe
Es gibt laut Dietmar Haffa drei Insolvenzgründe. Einmal sind das Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung. Unternehmen müssen bei Zahlungsunfähigkeit innerhalb von drei Wochen, bei Überschuldung innerhalb von sechs Wochen einen Insolvenzantrag stellen. Der dritte Insolvenzgrund ist eine drohende Zahlungsunfähigkeit. Sie liegt vor, wenn ein Unternehmen in den kommenden 24 Monaten voraussichtlich bestehende Zahlungsverpflichtungen zum Zeitpunkt ihrer Fälligkeit nicht erfüllen kann.

Zahlen
Laut Amtsgericht Esslingen nahmen die Unternehmensinsolvenzen im Kreis Esslingen in den letzten Jahren zu: Von 238 im Jahr 2020 stiegen sie auf 285 im Jahr 2021, 295 im Jahr 2022, 374 im Jahr 2023 und 361 im Vorjahr an. Dabei spielten laut Amtsgericht auch der Einsatz und Wegfall der Corona-Hilfsmaßnahmen eine Rolle.

Dietmar Haffa
Der 54-jährige promovierte Rechtsanwalt, Betriebswirt und Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht wird am Amtsgericht Esslingen und an weiteren Gerichten in Baden-Württemberg als Insolvenzverwalter bestellt. Er ist Leiter der Niederlassung Stuttgart der bundesweit tätigen, auf Restrukturierung und Insolvenz spezialisierten Wirtschaftskanzlei Schultze & Braun.

Markus Schuster
Der 37-Jährige promovierte Rechtsanwalt und Betriebswirt arbeitet am Stuttgarter Standort von Schultze und Braun. Er hat in Augsburg neben Rechtswissenschaften auch informationsorientierte Betriebswirtschaftslehre studiert und war promotionsbegleitend als wissenschaftlicher Mitarbeiter in verschiedenen international ausgerichteten Wirtschaftskanzleien tätig.