Die IG Metall warnt: Mit dem Stellenabbau geht auch viel Know-how in den Unternehmen verloren. Foto: imago/Rupert Oberhäuser

Gleich mehrere Industrieunternehmen im Kreis Ludwigsburg wollen Stellen abbauen. Die Gewerkschaft in der Region sorgt sich vor einem „zweiten Detroit“ – nennt aber auch Wege, wie die Mittelständler wieder auf die Beine kommen.

Sie habe in den kommenden Monaten fast kein freies Zeitfenster in ihrem Kalender, sagt Susanne Thomas, erste Bevollmächtigte des IG Metall-Bezirks Ludwigsburg und Waiblingen. In gleich mehreren Industrieunternehmen kämpft sie um den Erhalt von Arbeitsplätzen, „und ständig kommen neue hinzu“. Die fünf wichtigsten Botschaften aus einem Gespräch über Leberkäswecken und illusorische Gewinnziele.

1. Vor allem Mittelständler betroffen

Die IG Metall kämpft im Bezirk Ludwigsburg und Waiblingen aktuell um 1700 Arbeitsplätze, berichtet Thomas. Die Verunsicherung in den Belegschaften ist groß. Besonders betroffen sind mittelständische Autozulieferer wie Lear in Besigheim, Nidec in Bietigheim sowie Dräxlmaier und Feintool in Sachsenheim. Auch der Werkzeughersteller Flex aus Steinheim plant Personalabbau. Die Abbaupläne betreffen jeweils zwischen 90 und 400 Stellen.


Teilweise sollen so viele Stellen abgebaut werden, dass die Leistungsfähigkeit der Betriebe infrage steht, erklärt Thomas. Die IG Metall versucht, den Abbau zu bremsen oder sozial verträglich zu gestalten. Vor allem will die Gewerkschaft die Unternehmen davor warnen, das Know-how der Beschäftigten zu verlieren, betont Thomas.

Susanne Thomas: „Die IG Metall wird um jeden einzelnen der 1700 gefährdeten Arbeitsplätze kämpfen.“ Foto: Simon Granville

2. Die Probleme in der Industrie treffen alle

Die Lage im Kreis Ludwigsburg sticht in der Region Stuttgart hervor. Einerseits sitzen hier viele mittelständische Autozulieferer, die unter den Umwälzungen der Branche besonders leiden. Zweitens ist die Wirtschaft im Kreis im besonderen Maße von der Industrie abhängig. Handwerk, IT-Firmen, Personaldienstleister, Beratungsunternehmen, Reinigungskräfte und Hotels verlassen sich auf die Aufträge der Industrie.

Vor kurzem habe sie mit Betriebsräten bei Leberkäswecken zusammen gesessen, sagt Thomas. „Da ist uns aufgefallen, dass der Personalabbau im Betrieb auch ein schwerer Schlag für den Stammmetzger wäre.“ Thomas hält die Gefahr einer wirtschaftlichen Bruchlandung der ganzen Region für realistisch. „Die Sorge, dass wir ein zweites Detroit erleben, muss man ernst nehmen.“

3. Die Probleme sind zuweilen auch hausgemacht

Die angespannte Lage der Autozulieferer hat mehrere Ursachen. Große Autobauer setzen ihre Zulieferer seit Jahren unter Druck. Laut Presseberichten werden in Verhandlungen teils Vergleichsangebote aus China auf den Tisch gelegt, damit die deutschen Zulieferer die Preise herunterschrauben.

Durch den Preisdruck sind die Eigenmittel vieler Unternehmen im Keller, das Geld für notwendige Transformationen fehlt. Und auch bei Kreditgebern hätten es mittelständische Autozulieferer immer schwerer, sagt Thomas. Die Banken erkennen das Risiko und schrauben die Zinsen hoch.

Doch auch die geopolitische Situation belastet die Unternehmen. Konkurrenz aus China, ein unberechenbares Amerika und deutsche Regierungen, die sich nicht auf eine Elektrozukunft festlegen, verschärfen die Lage. Einige Unternehmen in der Region haben mutig in die Elektromobilität investiert und sind nun in der Bredouille, so Thomas.

Die prekäre Situation sei aber auch selbst verschuldet, sagt die Gewerkschaftschefin. Teilweise sei zu lange an alten Geschäftsmodellen festgehalten worden, Belegschaften wurden nicht in Transformationen einbezogen. Einige Unternehmen würden zudem unter ihren eigenen, illusorischen Gewinnerwartungen leiden. Obwohl Kosten für Personal und Energie steigen, erwarten Mutterkonzerne Gewinnsteigerungen im zweistelligen Prozentbereich. Wenn diese nicht erreicht werden, folgen Sparprogramme. Die Gewinnerwartung würde jedoch weiterhin hochgesteckt und im nächsten Jahr wieder verfehlt werden, erklärt Thomas. Ein Teufelskreis.

4. Ein schlechtes und ein gutes Beispiel

Sinnbildlich berichtet Thomas von einem Unternehmen aus der Region, das an der Produktion von Verbrennerkolben festhält – eine „Last-Man-Standing-Strategie“. Laut Thomas sei es der Betriebsrat gewesen, der erkannte, dass das nicht lange gut gehen kann und die Geschäftsführung unter Druck setzt, neue Geschäftsfelder zu bearbeiten. Es gebe aber auch positive Beispiele, wie Unternehmen die die Transformation aktiv vorantreiben und sich fit für die Zukunft machen. Bei Valeo Wischersysteme aus Bietigheim-Bissingen hätten Betriebsrat und Management beispielsweise gemeinsam an einem Direktvertrieb ihrer Scheibenwischer gearbeitet.

5. Lösungen gegen ein „Detroit 2.0“

Susanne Thomas hat mehrere Ansätze, wie das Horrorszenario eines zweiten Detroits abgewendet werden kann. Staat und Unternehmen sollten mehr in Umschulungen und Weiterbildungen investieren. „Die Politik hofft, dass neue Arbeitsplätze entstehen, wenn alte verschwinden – so einfach ist es nicht“, sagt Susanne Thomas. Lernen müsse fester Bestandteil der Arbeit werden. Das helfe den Betrieben und schütze vor der Arbeitslosigkeit.

Zweitens müssen die Belegschaften besser eingebunden werden. Thomas kennt laut eigener Aussage etliche Unternehmen, die ihre Mitarbeiter nach Produktideen, Stärken und Schwächen des Betriebs gefragt und einen Aufwind erfahren hätten. „Es geht aber darum, den Betrieb als Gesamtorganismus zu sehen.“

Wie die Arbeitgeber fordert auch die IG Metall die Landes- und Bundesregierung auf, dringend in digitale Infrastruktur, öffentliche Verkehrsmittel und Transportwege zu investieren. „Wenn wir an der schwarzen Null festhalten, hinterlassen wir unseren Kindern vielleicht keine Schulden – dafür eine kaputte Wirtschaft.“