Über Jahre bekommt unser Redakteur Phillip Weingand immer wieder kritische E-Mails von einem Mann aus Winnenden. Eines Tages trifft er ihn – und erlebt eine Überraschung.
Seine erste Mail an mich kommt im Jahr 2018. „Ist das nicht ein wenig schwach für einen Journalisten?“, will Werner Butzko aus Winnenden wissen. Es geht um eine Formulierung in einer winzigen Polizeimeldung, in der sich Einstiegssatz und Überschrift doppeln. Der Mail folgen sehr viele weitere – Herr Butzko bleibt im Kampf gegen Schreib- und Grammatikfehler beharrlich, über Jahre hinweg. In der Redaktion ist er dafür bekannt.
Wer mag dieser Mensch sein, der wegen eines Schönheitsfehlers so viel Zeit aufwendet?, frage ich mich. Bestimmt ein pensionierter Studienrat, vielleicht eine anstrengende oder verbitterte Persönlichkeit. Trotzdem fehlt mir das Hin und Her, als ich einige Monate nichts von ihm höre. Auf meine Nachfrage verrät Herr Butzko mir: Er sei erstens 95 Jahre alt und habe hin und wieder mit entsprechenden Zipperlein zu tun. Und zweitens gefalle ihm mein Schreibstil, und ich hätte in letzter Zeit so wenige Fehler gemacht. Das Ego ist geschmeichelt, meine Neugier geweckt: Dieser Herr hat doch bestimmt etwas zu erzählen.
Eine Visite beim kritischsten aller Zeitungsleser
Einige Wochen später öffnet mir ein hagerer, groß gewachsener Mann mit wachem Blick, sonorer Stimme und Ruhrpott-Zungenschlag seine Haustür. Von Bitterkeit keine Spur, stattdessen ein herzliches Willkommen. Drinnen ist es aufgeräumt, aber gemütlich. Butzko dirigiert mich zum runden Esstisch: „Hier ist mein Stammplatz, dort sitzt der Besuch.“ „Und das hier“, er deutet auf einen Zeitungsstapel auf dem Stuhl dazwischen, „muss ich noch abarbeiten.“
Fast ein Jahrhundert an Erfahrungen sitzt mir gegenüber. Immer wieder habe er Glück gehabt, sagt Werner Butzko. „Hätte der Zweite Weltkrieg nur ein paar Wochen länger gedauert, wäre ich in den Einsatz gekommen.“ Wie man eine Panzerfaust abfeuert und Handgranaten wirft, hatte er schon mit 15 Jahren gelernt. Nach Kriegsende musste er sich aus der Steiermark nach Hause durchschlagen, durch ein sich auflösendes Land.
Ein Leben voller Abenteuer und jeder Menge Glück
Seine Odyssee in den Ruhrpott könnte glatt verfilmt werden. Er erzählt von einer Gruppe Heimkehrer, der er sich anschloss. Vom Aufspringen auf fahrende Züge, von Fahrten auf offenen Güterwaggons, unter Brettern versteckt wegen des Regens, und von der Übernachtung bei einer hilfsbereiten, wildfremden Frau. Und schließlich von dem Ruf eines Nachbarkinds: „Frau Butzko, der Werner kommt.“ Seine Eltern hatten zuvor monatelang nichts von ihm gehört.
Butzko erzählt noch viel mehr aus seinem Leben. Von seinen Kindern und Enkeln, wie es ihn aus dem Ruhrpott in das hübschere Winnenden verschlug. Dass er immer ein paar Müsliriegel dabei hat, falls er ein „braves Kind“ sieht. Und immer wieder spricht er vom Glück. „Irgendwann hört das Glück auf – dann muss man eben selbst etwas tun“, ist er überzeugt.
Jeder Fehler in der Tageszeitung wird eingekringelt
Dann macht er sich an die Arbeit. Neben der ausgebreiteten Zeitung liegen ein Smartphone und ein Laptop; Butzko ist alt, aber nicht von gestern. Zuerst ist ein Sudoku dran. Logisch denken und dann Zahlen genau dort eintragen, wo sie hingehören. Genau sein Ding. „Man muss das Hirn doch auch ein bisschen anstrengen“, meint er. Der Kugelschreiber ist auch beim Zeitungslesen immer zur Hand. „Ich suche keine Fehler“, sagt er, „aber sie springen mich geradezu an.“ Um jeden Fehler macht er einen Kringel.
Butzko sagt, er wolle sich mit seinen Zuschriften und Leserbriefen nicht in den Vordergrund spielen. „Es ist eben mein Naturell – wenn ich etwas mache, muss das schon richtig sein.“ Schon früher im Job sei es ihm wichtig gewesen, Dinge zu verbessern. Butzko, so erfahre ich, war nie wie vermutet Lehrer, sondern hat nach seinem Mittelschulabschluss einen kaufmännischen Beruf gelernt und jahrzehntelang vor allem in EDV-Abteilungen gearbeitet. Das Optimieren liegt ihm noch immer im Blut. Neulich hat er einen Leserbrief geschrieben, mit dem Vorschlag, die Abseitsregel im Fußball abzuschaffen.
Ästhetikverstöße sind ihm auch ein Dorn im Auge. „Das hier zum Beispiel“, sagt er und kringelt ein eingeblocktes, rotes Zitat ein. „Direkt daneben steht noch einmal genau dasselbe“ – Kringel im Fließtext. „Das muss doch nicht sein.“ Auf der nächsten Seite erregt eine Polizeimeldung seine Aufmerksamkeit. In der Überschrift steht der Täter fest, im Text darunter ist die Sache schon weniger klar. Kringel. Der Kollege oder die Kollegin bekommt jetzt vielleicht eine Mail, denke ich mir. Am Ende bekomme ich zum Abschied eine Umarmung – und gehe mit der Gewissheit: Die nächste E-Mail kommt bestimmt.