Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Licht der Halbkugellampe im Backnanger Kino Universum Foto: Gottfried Stoppel

Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist nur noch ein paar Wochen im Amt. Im Backnanger Kino Universum hat er eine Philosophiestunde zu seiner Lieblingsautorin gegeben.

Dieser Mann kann so manche Superlative vorweisen: Er ist der lebens- und dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland, mit seinen demnächst 15 Jahren im Amt hat er gar seinen CDU-Vorvorvorgänger Erwin Teufel überflügelt (der kam auf 14 Jahre), und er ist einziger Grüner Regierungschef in einem deutschen Bundesland.

Im Mai nun wird Winfried Kretschmann, 78, – in dem Alter denken nicht alle, speziell aus dem aktuellen Weltgeschehen, ans Ende ihrer Macht. Doch der gebürtige Spaichinger mit seinem eher konservativ-pragmatischen Ökoprofil, ohne den die Grünen gerade in Baden-Württemberg kaum diese Erfolge hätten verbuchen können, befindet sich in diesen wenigen Wochen vor der Wahl seines Nachfolgers quasi auf Abschiedstournee.

Gedankenaustausch im Backnanger Kinosaal

Auch der Rems-Murr-Kreis gehört zu den Goodbye-Stationen – wo es natürlich trotzdem Bestandteil des Wahlkampfes ist, wenn „Kretsche“, wie am Donnerstagabend auf Einladung des Backnanger Landtagsabgeordneten Ralf Nentwich zu Gast im Kino Universum ist. Dort kann er beweisen, dass er auch mit seinen grundlegenden Gedanken über Leben und Politik nicht zur stromlinienförmigen Kaste seiner Zunft gehört.

Denn der frühe Abend entwickelt sich zu einer gut einstündigen Philosophiestunde. Der Kinosaal mit seinen 120 Plätzen ist restlos belegt, auf den Stufen der seitlichen Treppe stehen oder sitzen noch rund zwei Dutzend weitere Interessenten. „Wir mussten leider wegen Überfüllung schließen und konnten einige, die unten noch gewartet haben, nicht reinlassen“, berichtet Nentwich zu Beginn.

Ralf Nentwich bei der Begrüßung der Gäste im Kinosaal Foto: Gottfried Stoppel

Kretschmann hat für den Abend, der deutlich erkennbar großteils unter Meinungsfreunden stattfindet, auf die sonst häufig in grüner Anmutung ausgewählte Krawatte verzichtet. „Lieber Winfried, du hast eine heimliche Liebe neben deiner Gerlinde“, gibt Nentwich Einblicke in Kretschmanns innerste Gefühlsregungen preis – „nämlich Hannah Arendt“.

Die Philosophin, eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, sei „dein politischer Leitstern“, weiß der einstige Deutschlehrer Nentwich, der vor seiner Abgeordnetentätigkeit mehrere Jahre das Kreismedienzentrum Rems-Murr leitete. Und Arendt-Zitate und ihre Aphorismen lässt der MP offenkundig auch mit Vorliebe bei den grünen Fraktionsversammlungen einfließen.

Folgerichtig ist im Kinosaal Kretschmanns im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ über Hannah Arendt die Grundlage für den Gedankenaustausch mit der Moderatorin Gabriele Renz, Pressesprecherin der Architektenkammer Stuttgart.

Mit der für ihn typischen heiseren, gelegentlich krächzenden Stimme, an der auch das von einer Besucherin in der ersten Reihe gereichte Halsbonbon wenig ausrichten kann – der Bodyguard schreckt bei dieser Szene ein wenig auf – erläutert Kretschmann seine literarische Beziehung zur Philosophin. An der Uni habe er als Maoist „zu den 68ern“ gehört, die „das Versprechen eines Freiheitsrausches“ vorgaben, aber dann in Richtung Sekte abdrifteten und „durch Argumente nicht mehr beeinflussbar“ waren.

Mit Moderatorin Gabriele Renz im Gespräch Foto: Dirk Herrmann

Die Lektüre der Schriften Arendts habe ihn von diesem Weg abgebracht. In den 1970ern habe er dann „die Idee der Natur als Politik“ forciert, „das gab’s noch nie in der Geschichte der Menschheit“, und er gehörte zu den Mitbegründern der neuen Partei, den Grünen.

2016: Kretschmanns Audienz bei Papst Franziskus

Weitere Themen des anekdotenreichen Abends drehen sich um seinen auch durch Fukushima begünstigten politischen Erfolg oder auch die 30-minütige Privataudienz des Katholiken im Jahr 2016 im Vatikan bei Papst Franziskus: „Und wonach fragt der mich? Nach Stuttgart 21.“

Oder er warnt vor Künstlicher Intelligenz, die Filme hervorbringt: „Da kann man heute einen Ministerpräsidenten Sachen sagen lassen, die er nie so geäußert hat, und keiner erkennt es – und es geht in Sekundenschnelle viral.“

Der Ministerpräsident beim Büchersignieren im Foyer Foto: Dirk Herrmann

Im Sinne von Hannah Arendt wirbt Kretschmann am Ende für „den Dialog – das meint nichts Betuliches, sondern ist der Streit auf Grundlage von Argumenten“, dies sei „der Kern der Demokratie“. Es gehe auch um den Kompromiss, „und wenn die Mühsal des Aushandelns nichts mehr bedeutet, dann ist das das Ende der Freiheit“. Das Ideal: „Zuhören anstatt urteilen; erklären, anstatt aufzuhetzen.“

Viele Fans wollen eine Kretschmann-Signatur

Nach rund 70 Minuten ist der öffentliche Gedankenaustausch zu Ende. Anschließend bildet sich im Foyer neben einem altertümlichen Riesenprojektor eine lange Schlange von Menschen, die sich ein Buchexemplar signieren lassen will.

Der letzte öffentliche Auftritt im Landkreis als Chef of „The Länd“ ist das Backnanger Gastspiel übrigens doch nicht. Am politischen Aschermittwoch, an dem die christdemokratische Konkurrenz bereits morgens in der längst ausgebuchten Alten Kelter Fellbach ihren Frontmann Manuel Hagel als ministerpräsidententauglich feiern möchte, hat Kretschmann fürs abendliche grüne Pendantevent zugesagt: In Schorndorf ist der baldige Elder Statesman an jenem 18. Februar Stargast, neben der Bundesvorsitzenden Franziska Brantner. Beginn in der Barbara-Künkelin-Halle ist um 19 Uhr, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.