Dialog und Austausch an Infoständen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung in der Herrenberger Stadthalle. Foto: /Stefanie Schlecht

Volle Halle, viele Informationen, respektvolle Diskussion: Verschiedene Gruppen stehen bei der Herrenberger Veranstaltung zur Windenergie Rede und Antwort – und locken viele Interessierte. Nach den Sommerferien geht die Info-Offensive weiter.

Das Thema Windkraft bewegt die Gemüter landauf, landab – umso mehr, wenn die Wahrscheinlichkeit steigt, dass in direkter Nähe des eigenen Wohnorts ein Windpark entstehen könnte. Dies ist in Herrenberg der Fall.

Dort hat der Gemeinderat bereits im vergangenen Jahr ein Interessensbekundungsverfahren auf den Weg gebracht. Und zwar für städtische Flächen im Haslacher und Kuppinger Wald nahe der Jettinger Gemarkungsgrenze, die Teil eines möglichen Vorranggebietes sind. Die Energiegenossenschaft Prokon als Siegerin hervorgegangen ist.

Kontroverse, aber sachliche Debatten

Um darüber zu informieren, wie es jetzt weiter geht und um offene Fragen zu klären, hatte die Stadtverwaltung Herrenberg am Donnerstag zu einem Informationsabend eingeladen. Den Projektentwickler bereits vor dem Bürgerdialog auszuwählen „war uns ein besonderes Anliegen“, weil es so möglich sei, den Projektierer konkret um Auskunft zu bitten, erklärte Herrenbergs Baubürgermeisterin Susanne Schreiber zu Beginn. Anschließend übernahmen Sarah Albiez und Michel-André Horelt vom Forum Energiedialog Baden-Württemberg die Moderation.

Dass die Stadthalle trotz schönsten Sommerwetters seht gut besucht war, zeigte denn auch, dass es in der Bevölkerung großen Informations- und Redebedarf gibt. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, hatte sich die Stadtverwaltung für ein Veranstaltungsformat entschieden, das Dialog und Austausch an Infoständen in den Mittelpunkt rückte und viel Platz für Fragen im Plenum ließ. Die Bitte von Herrenbergs Baubürgermeisterin Susanne Schreiber, „respektvoll und sachlich“ zu diskutieren, beherzigten die Anwesenden, auch wenn an den Infoständen teilweise äußerst kontrovers debattiert wurde.

Vertreter von sieben eingeladenen Institutionen und Akteursgruppen standen Rede und Antwort. Der Verband Region Stuttgart war ebenso personell vertreten wie das Landratsamt Böblingen, das die Themen Forst und Genehmigungsverfahren nach Bundesimmissionsschutzgesetz beleuchtete. Die Stadt Herrenberg informierte unter anderem über den beschlossenen Klimafahrplan. Außerdem konnten die Teilnehmer Wünsche äußern, von welchen Geländemarken aus der Ausblick auf den Windpark visualisiert werden soll. Zudem waren mit „Windkraft Böblingen“ und „Freie Horizonte Herrenberg“ sowohl Befürworter als auch Gegner vertreten. Die Vertreter des Dialogforums Energiewende und Naturschutz von Nabu und BUND gaben Einblicke über deren Position im Spannungsfeld zwischen Windenergie und Artenschutz.

Die beiden Projektentwickler von Prokon, Kevin Lehn und Manuel Wagner, hatten zusätzlich die Gelegenheit, wie bereits zwei Tage zuvor im Gemeinderat, die Energiegenossenschaft und den aktuellen Planungsstand des Herrenberger Windparks im Plenum zu präsentieren. Demnach sollen insgesamt sieben Windräder mit einer Nabenhöhe von 199 Metern, einer Gesamthöhe von 285 Metern und einem Rotordurchmesser von 172 Metern entstehen. Rechnerisch könnte der Windpark so rund 40 000 Haushalte mit Strom versorgen.

Technische Details, unter anderem zur Fundamentgründung, Zuwegung, Betriebsdauer und dem Rückbau der Windkraftanlagen kamen in der anschließenden intensiven Fragerunde ebenso aufs Tapet deren Wirtschaftlichkeit und die finanzielle Beteiligung der Kommune. Auch Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger vor Ort kamen zur Sprache.

Visualisierungstour geplant

Prokon sieht dort zwei Optionen vor: Die Beteiligung durch eine Energiegenossenschaft an der Betreibergesellschaft oder die komplette Übernahme eines Windrades nach dessen Fertigstellung. Auch allgemeine Fragen zur Energiewende wurden thematisiert, ebenso ganz Grundsätzliche, so zum Beispiel, ob der Gemeinderat überhaupt frei in seiner Entscheidung sei, wenn die Verwaltung eine Drucksache vorlegt: „Natürlich“, bekräftigte Susanne Schreiber.

Der Infoabend war ein Baustein des Bürgerdialogs, den das Forum Energiedialog Baden-Württemberg in den Sommermonaten mit unterschiedlichen Formaten durchführt. Anfang Juli machten Veranstaltungen in Haslach und Kuppingen den Auftakt. Nach der Sommerpause sind unter anderem die zweite Infoveranstaltung in Kuppingen sowie eine Visualisierungstour geplant. Die genauen Termine stehen noch nicht fest.

Bis zum Bau würden Jahre vergehen

Nach dem Abschluss des Bürgerdialogs trifft der Gemeinderat Ende dieses Jahres oder Anfang 2025 die Entscheidung, ob die städtischen Waldflächen an Prokon verpachtet werden. Falls dieses Votum positiv ausfällt, bereitet der Projektentwickler die notwendigen Unterlagen zur Einreichung beim Landratsamt vor, inklusive der notwendigen Gutachten unter anderem zu Wasser- und Artenschutz, die dieser bei Fachbüros in Auftrag gibt.

Erst wenn das Landratsamt grünes Licht gibt, kann mit dem Bau des Windparks begonnen werden. Prokon rechnet frühestens in drei bis vier Jahren damit.

Windkraft nach Plan

Vorgaben
 Auf mindestens 1,8 Prozent der baden-württembergischen Landesfläche sollen Vorranggebiete für Windkraftanlagen ausgewiesen werden. So lautet die gesetzliche Vorgabe der Landesregierung.

Verfahren
Deshalb schreibt der Verband Region Stuttgart, zu dem der Landkreis Böblingen gehört, aktuell den Regionalplan fort. Im Zuge des Verfahrens sollen geeignete Flächen festgelegt werden, die zukünftig vorrangig als Standorte für Windräder genutzt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass dort überall automatisch welche gebaut werden.

Ausnahme
Nur wenn die Flächenvorgaben erreicht werden, bleibt der Bau von Windkraftanlagen auf diese Gebiete begrenzt. Ansonsten würde die sogenannte „Superprivilegierung“ greifen. Dann wären Windräder im Außenbereich überall zulässig, sofern alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.