Christoph Binder (links) und Hermann Beck stöbern in Erinnerungen. Foto: Rudel - Rudel

Einst waren der TV Hegensberg und der TV Liebersbronn Konkurrenten. Heute haben sie eine erfolgreiche Handball-Spielgemeinschaft und feiern 125 Jahre Vereinsgeschichte.

EsslingenDass die beiden Vereine TV Hegensberg und TV Liebersbronn einmal gemeinsame Sache machen, ein Jubiläumsjahr zusammen feiern und eine erfolgreiche Handball-Spielgemeinschaft haben würden, das hätten sich die Gründerväter vor 125 Jahren sicher nicht ausgemalt. Denn die Gründung beider Vereine im selben Jahr (1894) ist aus der Konkurrenzsituation der damaligen Dörfer Hegensberg und Liebersbronn entstanden. „Wir haben damals zwei unterschiedlichen Staaten angehört“, sagt Christoph Binder, Vorsitzender des TVL seit 2017. Liebersbronn gehörte zur freien Reichsstadt Esslingen, das Dörfchen Hegensberg war württembergisch. „Das war schon immer ein besonderes Verhältnis“, erklärt Hermann Beck, seit 27 Jahren TVH-Vorsitzender, „wenn die einen was machen, müssen die anderen nachziehen. Das ist eine tolle Konkurrenz.“ Dieser Wettstreit zieht sich durch die ganze 125-jährige Vereinsgeschichte. Eines wurmt beide Vereine: Es gibt kein Dokument, das belegt, welcher Verein bei der Gründung die Nase vorn hatte. „Die Altvorderen bei uns sagen: Egal wann die anderen gegründet wurden, wir waren eine Woche vorher dran“, sagt Binder. Dasselbe sagen sie natürlich auch in Hegensberg.

Sport im Garten

Ein Meilenstein für Beck war, dass 1919, ein Jahr nach Einführung des Frauenwahlrechts, beim TVH Frauen Mitglied werden durften. „Sie waren dann auch stimmberechtigt bei den Mitgliederversammlungen und haben die Frauen-Abteilung gegründet “, berichtet Beck. „Das finde ich rasch für die Provinz.“ Ab 1920 zog der TVL nach, eine eigene Frauen-Abteilung gab es dort aber erst 1987.

Ebenfalls früher dran war der TVH bei der Fahnenweihe (1904), der TVL feierte diese 1905 – immerhin mit einer Festrede von Theodor Georgii, dem Gründer der Deutschen Turnerschaft, Vorgänger des Deutschen Turner-Bundes. Damals turnten die Mitglieder beider Vereine in Gärten. Die Liebersbronner im Garten des Hotels Traube, später im Hotel-Festsaal, die Hegensberger auf dem Acker und im Garten eines Vereinsmitgliedes. 1927 wurde in Liebersbronn die erste vereinseigene Turnhalle gebaut. „Wie in Hegensberg“, sagt Beck.

Zeitgleich (1923) wurden die beiden Handballabteilungen gegründet. Im 60. Vereinsjahr der Spatenstich zur Liebersbronner Vereinsgaststätte Dulkhäusle. Im selben Zeitraum bauten die Hegensberger einen Anbau an die Turnhalle, aus dem Gymnastikraum wurde später die Vereinsgaststätte.

In den Anfängen machten die Hegensberger und Liebersbronner beide auf dem Sportplatz an der Römerstraße Sport. „Abwechselnd, natürlich!“, bekräftigen beide Vorsitzenden.
Etwas, das dem TVL 1987 gelang, scheitere beim TVH: die Gründung einer Tennisabteilung. Der TVH-Vorstand war dafür, auf einer bis dahin noch nie so gut besuchtes Mitgliederversammlung lehnten die Mitglieder das ab. Zu laut war ihnen das Ballspiel auf den Plätzen. „Das war das einzige Mal, dass ein Vorstand sich nicht durchsetzen konnte“, sagt Beck, der sein Amt seit 1992 inne hat.
Stolz ist Beck darauf, dass der TVH 1992 als erster Verein im ganzen Turngau den „Pluspunkt Gesundheit“ vom DTB verliehen bekommen. „Wir haben ihn natürlich auch bekommen, aber später“, wirft Binder ein.

Getrennt voneinander feierten die beiden Vereine ihr 100-jähriges Bestehen, die 125 Jahre zelebrieren sie gemeinsam. Denn in den vergangenen Jahren sind die Vereine zu „HeLi“ zusammengewachsen. Das erste große gemeinsame Projekt war die Gründung der Spielgemeinschaft im April 2000. In Liebersbronn war dies ein Umbruchsjahr, 20 Handballer hörten altersbedingt auf. „Gemeinsam ist man stärker“, sagt Binder. Aus Konkurrenten wurde ein Team.

Warten auf die Halle

Die SG war eine logische Konsequenz, denn die strikte Trennung der zwei Dörfer in zwei Staaten gab es längst nicht mehr. Räumlich sind die Orte zusammengewachsen, statt Feldern sind dort Häuser, keine Grenzen. Die Liebersbronner wurden einst im reichstädtischen St. Bernhardt begraben, mittlerweile teilen sich die beiden Orte Kirche, Friedhof, Grundschule und Feuerwehr.

Das große Highlight war der langersehnte Bau der Sporthalle Römerstraße. 40 Jahre lang kämpften beide Vereine um eine Halle auf dem Berg. „Es ging immer um Geld“, sagte Beck. 2012 gab es endlich das Happy-End. Der Bau kam nur zustande, da die Vereine zusammen eine Hallen-GbR gründeten. Das schweißt zusammen.

Und macht attraktiv: Allein in der Handballabteilung ist die Mitgliederzahl seither um 80 Prozent gestiegen, beide SG-Teams spielen in der Württembergliga. „Jeder vierte Bewohner in Liebersbronn ist Mitglied beim TVL, das ist konstant“, sagt Binder. „Vereine haben eine Bindungswirkung für die Gesellschaft“, ergänzt Beck, „je schneller das Leben geht, umso mehr braucht es Ruhepunkte, jeder Mensch braucht seinen Platz, wo er sich geborgen fühlt und weiß: Da gehöre ich dazu. Und das können Vereine leisten.“ Binder fasst es zusammen: „Der Berg lebt.“

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