Zwei Stuttgarter gründen eine Online-Plattform. Sie soll Christen bei der Wohnungssuche helfen. Konstantin sucht dort nach einem christlichen Mitbewohner – findet aber das Gegenteil.
Wie jedes andere ist dieses Wohnzimmer nicht. Vor der Couch steht eine Gebetsbank, auf dem Kalenderblatt ein Psalm, im Regal liegt das Brettspiel „Sola Fide“ – Spieler müssen dabei in die Rolle historischer Katholiken und Protestanten schlüpfen und die Reformation entweder durchboxen oder verhindern. Hier wohnt Konstantin, er ist Christ. Gerne hätte er einen Mitbewohner gehabt, der seinen Glauben teilt. Nun lebt er mit Onur in dieser Tübinger Wohnung. Und Onur ist alles andere als christlich.
Konstantin ist 30, evangelisch und Pfarrerssohn, seinen Nachnamen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. Er stammt aus Westfalen, nach Tübingen ist er vor Jahren gekommen, um evangelische Theologie zu studieren. Sein Glauben, sagt er, sei mehr das Ergebnis persönlicher Entscheidung als elterlicher Sozialisation. Nach Stationen in England, Leipzig und Bielefeld zog er berufsbedingt erneut nach Tübingen. Als Regionalreferent eines Verbandes begleitet er heute christliche Studierendengruppen, führt Gespräche, hält Vorträge – von Karlsruhe bis Konstanz. Er brauchte einen verkehrsgünstig gelegenen Wohnort mit Hochschule.
„Gerne darf ein gemeinsames geistliches WG-Leben entstehen“
Ein Freund, ebenfalls evangelischer Theologe, suchte zeitgleich eine Wohnung in Tübingen. „Ich finde Wohngemeinschaften nice“, sagt Konstantin. Also warum nicht einfach mit dem Kumpel zusammenziehen? Über eine Anzeige in der Lokalzeitung wurden sie fündig. Im März 2024 bezogen sie eine Altbauperle in Innenstadtnähe. Hohe Räume, Fenster mit Gartenblick, Riesenküche, weiß lasierte Holztüren, alles schick. Bis Konstantins Mitbewohner heiratete und mit seiner Frau zusammenzog.
Konstantin wollte die 120 Quadratmeter große Wohnung halten, aber ungern allein finanzieren. Er suchte einen neuen Mitbewohner. Bitte Nichtraucher, grob im gleichen Alter und im besten Fall wieder ein Gleichgesinnter. „Gerne darf ein gemeinsames geistliches WG-Leben entstehen, muss aber nicht“, schrieb er in seiner Annonce und schaltete sie auf Home4Churchies.
Home4Churchies (auf Deutsch „Zuhause für Kirchgänger“) ist eine Online-Plattform. Sie soll Christen bei der Suche nach Wohnungen und Mitbewohnern helfen. Auf der Website können sie Inserate aufgeben oder durchforsten, die Wohnangebote kommen aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Eine Berliner Mutter mit Sohn und Hund sucht bei Home4Churchies einen christlichen Hausmitbewohner für ihr Villa-Kunterbunt-Lookalike, eine christliche Mehrfamilienhausgemeinschaft in Oberbayern will ein Dachgeschoss an ein christliches Paar vermieten, eine Schweizer Wohngemeinschaft am Bodensee sucht Menschen, „die Jesus lieben“, die „Teil einer Community sein“ und „Jüngerschaft leben“ wollen. Seit knapp zwei Jahren ist die Website online. Gegründet haben sie zwei Stuttgarter: Marc Bossert und David Federer, beide Anfang 30. „Ein spontanes Spaßprojekt“, sagt Bossert.
In Wohngemeinschaften spielen sich Dramen ab. A hört gern nachts um drei Lorenz Büffels beste Ballermann-Hits, B frisst sich ungefragt durch den Vollnussschokoladenbunker der anderen, C saut regelmäßig das Bad mit seiner Mountainbikemontur ein. Mitbewohner können Monster sein. Ist es da nicht smart, bei der Suche nach dem perfekten Neuen nur in der eigenen Bubble zu gucken? Oder aber ziemlich kleingeistig?
Bossert versteht sich als „lebendiger Christ“
Marc Bossert und David Federer sind Christen, natürlich. Sie kennen sich seit dem Teenie-Alter. Damals besuchten beide eine über die evangelische Landeskirche organisierte Skiausfahrt. Inzwischen sind sie Mitglieder in unterschiedlichen Freikirchen, Bossert in der City Chapel Stuttgart, Federer in der ICF Karlsruhe, wo er inzwischen wohnt. Gottesdienste sehen dort aus wie Pop-Festivals, bei denen junge Menschen, die wie Fashion-Influencer angezogen sind, in bunten Scheinwerferkegeln vor Bühnen tanzen. „Wir sind keine klassischen Sonntagskirchgänger“, sagt Marc Bossert. Stattdessen versteht er sich als „lebendiger Christ“. Er glaube an das, was in der Bibel stehe und integriere das in seinen Alltag.
Für die Grundausstattung solcher Christen-Alltage sorgen Bossert und Federer nun selbst. Die Idee kam während der Corona-Pandemie. Sie gründeten mookho, einen Online-Shop für christliche Marken. Christliche Marken? Gibt es zahlreiche. Christliche Mode, christliche Wohnaccessoires, christliche Schreibwaren, ein ganzer Kosmos für Menschen, die ihre Überzeugung auch auf Gebrauchsgegenständen kundtun möchten.
Die Gründung war nicht so schwer, Marc Bossert ist Webdesigner, David Federer ist Grafiker und arbeitet im Marketing, sie kennen sich aus. Nun lassen sich auf mookho Bleistifte shoppen, auf denen „Halleluja“ steht, pastellige Shirts mit „I belong to Jesus“-Print und Holzschneidebretter im Boho-Chic mit Bibelvers drauf. Hier hat Christsein nichts mit Kirchen voller Barockschwulst und knittrigen Gesangbüchern zu tun. Hier ist Christsein Lifestyle.
Dann folgte Home4Churchies. Laut Bossert veröffentlichen zwar einzelne Kirchengemeinden auf ihren Websites Wohnungsinserate, die beziehen sich dann aber nur auf den jeweiligen Ort. Eine Plattform, die überregional WG-Gesuche für Christen listet, gab es zuvor noch nicht. Bossert selbst hat nie in Wohngemeinschaften gelebt, aber Geschichten aus seinem Freundeskreis gehört. „Wir Christen müssen auch unter Nicht-Christen unterwegs sein“, sagt er. „Aber Christen wollen unter Christen wohnen und eine Gemeinschaft unter Christen leben.“
Gute Erfahrungen im Zusammenleben mit anderen Christen
Es sei beispielsweise bereichernd, wenn man am Esstisch über den letzten Gottesdienst sprechen könne. Nicht-Christen hätten vielleicht keine Lust auf so ein Thema, ein Austausch sei da schwieriger, Werte von Christen und Nicht-Christen seien in einigen Punkten oft nicht deckungsgleich, findet Bossert. Die Website war rasch zusammengebastelt, zuletzt waren dort rund 200 Inserate veröffentlicht.
Konstantin hat gute Erfahrungen im Zusammenleben mit anderen Christen gemacht. Im theologischen Studienhaus hat er sich eine Zehner-WG mit christlichen Kommilitonen geteilt und sie haben sich regelmäßig zum Beten getroffen. In England hat er über eine Nischenplattform eine christliche WG gefunden, deren Mitglieder ihn mit in die dortige Gemeinde genommen haben. Er hat allerdings auch schon in ganz gemischten WGs gewohnt.
Christlicher Mitbewohner, guter Mitbewohner? „Ich will da nicht pauschalisieren“, sagt Konstantin. „Christsein verbindet“, das findet er schon. Eine gemeinsame Weltanschauung kann seiner Einschätzung nach ausschlaggebend sein, mit zunächst Fremden zusammenzuziehen. Kann, muss aber nicht. Sein frei gewordenes Zimmer inserierte er auch auf anderen Portalen. Denn ausgerechnet über Home4Churchies bewarb sich niemand darum. Auf der Allerweltsplattform WG-gesucht.de dagegen meldeten sich gleich mehrere Interessenten. Konstantin lud einige zum Kennenlernen ein. Am Ende entschied er sich für Onur. „Er ist im gleichen Alter, auch eher ruhig, die persönliche Chemie hat gepasst“, sagt Konstantin.
Onur ist 29 Jahre alt, in der Türkei aufgewachsen, türkischer Staatsangehöriger. Konstantin und er unterhalten sich ausschließlich auf Englisch. Onur stammt aus der Volksgruppe der Tscherkessen, von denen viele Muslime sind. Onur versteht sich aber weder als Muslim noch sonst wie religiös, sondern als Agnostiker. Die Existenz eines Gottes hält er für unnachweisbar. Während Konstantin früher zum Konfirmandenunterricht und in evangelische Jugendgruppen ging, hat Onurs Kindheit keine geistliche Rahmengeschichte. Er ist säkular aufgewachsen. In Tübingen ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut, auf das Leben schaut er durch eine naturwissenschaftlich-technische Brille.
„Ich glaube, dass Gott sich mitteilt“
Das warf Fragen auf. Konstantin hat sich dafür interessiert, wie sich sein Gegenüber denn Welt und Wirklichkeit erklärt. Vor allem in der Anfangszeit der neuen WG-Besetzung haben sie öfters über solche Sachen gesprochen. Ergebnis: „Wir können nur wissen, was wir messen können“, sagt Onur. „Ich glaube, dass Gott sich mitteilt“, sagt Konstantin. Grob heruntergebrochen. Klar beeinflussen ihre Sichtweisen ihre Gespräche. Konstantin findet Onurs Perspektive spannend. „Die religiöse Schublade spielt für mich dabei weniger eine Rolle, aber sie kommt natürlich durch.“
Konstantin ist oft unterwegs im Land, auch Onur arbeitet viel, meistens laufen sie sich in der Küche über den Weg und reden über ihren Tag. Onur wirft gern Nudeln mit Pesto in den Topf, Konstantin schabt auch schon mal Spätzle zu Rouladen, manchmal essen sie gemeinsam. Seine jetzige Wohnsituation habe mehr Zweck-WG-Charakter als all jene davor, sagt Konstantin. „Aber das Zusammenwohnen ist sehr entspannt und geprägt von gegenseitigem Respekt.“