Vor dem Tiny House kam das Winy House ins Remstal. Die Architektin und Wengertertochter Anja Oesterle-Kieweg aus Weinstadt hat einen Bildband über Wengerterhäusle veröffentlicht.
Wer das Remstal kennt, kennt auch sie – die typischen Wengerthäusle, die den Schaffern im Weinberg zur Sommerzeit Schutz vor der Hitze und winters einen Platz zum Aufwärmen bieten. In Anja Oesterle-Kiewegs Kindheit spielten diese Minihäuser eine wichtige Rolle. „Zur Mittagszeit hat man dem Vater das Vesper in den Wengert gebracht und im Häusle seine Hausaufgaben gemacht“, erzählt die Tochter eines Wengerters aus Weinstadt-Schnait (Rems-Murr-Kreis).
Etliche Jahre später, Anja Osterle-Kieweg studierte da bereits Architektur, erteilte ihr der Vater mit fünf Worten den Auftrag, ein solches Häusle für seinen Weinberg in der Schnaiter Halde zu entwerfen: „Machsch mr mol en Pla“. Das tat Anja Oesterle-Kieweg – und weiß seitdem, dass die Auflagen für den Bau solcher spezieller Tiny Houses ausgesprochen streng sind. Nur Vollerwerbsbetriebe dürften sie überhaupt errichten, sagt sie. Der Weinberg muss eine bestimmte Größe haben, damit ein Bau erlaubt ist. Keller und Terrassen sind tabu und die Ausmaße der Häuschen ganz genau festgelegt.
Tiny Houses im Weinberg – Faszination Wengerthäuser
Mit seinem Auftrag habe der Vater wohl in ihr die Faszination für Wengerthäusle geweckt, vermutet Anja Oesterle-Kieweg. Irgendwann hat sie damit begonnen, die Exemplare, die ihr auf Radtouren und bei Spaziergängen auffielen, zu fotografieren. Nach und nach entstand so eine Sammlung von Bildern, auf denen die verschiedensten Typen zu sehen sind. Die Fotos hat Anja Oesterle-Kieweg nun zusammen mit vielen Informationen, Anekdoten und Erinnerungen in einem Bildband veröffentlicht. „Wengerthäusle. Kleine Gebäudekunde für Baukulturinteressierte, Wengerter und Weinfreunde“, ist der Titel des Buchs, das im Waiblinger Iris Förster Verlag erschienen ist.
Unter anderem weil viele der alten Holzhäuschen der Rebflurbereinigung in den 1970er-Jahren zum Opfer gefallen sind, greift Anja Oesterle-Kieweg auf einige historische Fotos von Richard Lenz und Jürgen Rieger zurück. Ihr Buch zeigt die ganze Bandbreite der Häuschen im Remstal – von Stetten bis Schwäbisch Gmünd. Manche Exemplare sind mit viel Liebe hergerichtet, andere von Grünzeug überwuchert oder halb verfallen.
Wengerthäuser – so unterschiedlich wie Tiny Houses
Es gibt Häusle aus Backsteinen und Beton, aus Holz und im Fachwerkstil. Und skurrile Beispiele, so etwa eines mit Stahlfundament – hier kam ein Teil eines Überseecontainers zum Einsatz. „Manche sind liebevoll dekoriert“, weiß Anja Oesterle-Kieweg, die jede Menge Details festgehalten hat: einen Wetterhahn auf dem Dach, alte Steintafeln mit teils kuriosen Inschriften, rostige Schlösser, ein Hirschgeweih aus Plastik oder einen Holzschlitten, der als Weinregal dient. Auf den Seiten tauchen auch Fotos von beeindruckenden Ausblicken ins Tal, bunten Blumen, Rebstöcken mit knorrigen Stämmen und Nahaufnahmen wie die einer an Trauben naschenden Wespe auf.
Anja Oesterle-Kieweg erklärt kurzweilig die Baugeschichte der Wengerthäusle. Die ersten Unterstände in den Weinbergen waren Gewölbebauten aus Natursteinen, in denen die Wengertschützen Unterschlupf fanden. Später gab es richtige Häuschen, die aus Holz und Feldsteinen errichtet wurden und im 20. Jahrhundert Backsteinbauten wichen. Die Endersbacher Firma Ritter entwickelte Betonhäusle, die laut Werbeanzeige mithilfe eines Autokrans „schlüsselfertig im Weinberg aufgestellt“ wurden. Im Preis von 7300 Mark waren der Transport und sogar das Versetzen im Weinberg in einem Umkreis von 15 Kilometern enthalten.
Tiny House im Weinberg: Betonhäusle wurden schlüsselfertig angeliefert
Aus Beton gefertigt war auch oft das „Bassei“ genannte Behältnis, in dem Wasser gesammelt und die sogenannte „Bordeaux-Brühe“ angerührt wurde. Mit der Mischung aus Wasser, Kalk und Kupfervitriol wurden die Reben gegen den Falschen Mehltau gespritzt. Sie hinterließ eine türkisblaue Schicht im Behälter – was die Kinder aber nicht daran hinderte, diesen als Badewanne zu nutzen. Für Anja Oesterle-Kieweg, Jahrgang 1964, war der Wengert ein großer Abenteuerspielplatz: Trockenmauern zum Klettern, die über den Rebstöcken verlaufenden Wasserleitungsrohre wurden verbotenerweise als Turnstange genutzt, der Dachfirst des Häuschens diente als Pferderücken beim Cowboy-Spiel.
Für das vom Papa gewünschte Wengerthäusle hat Anja Oesterle-Kieweg damals viele Pläne gezeichnet. Über die Frage, wo im Haus die Tür und wo die Fenster sein müssen, waren Vater und Tochter sich nicht einig – da prallte Tradition auf Innovation. „Ich hatte die Tür an der Seite und das Fenster vorne geplant. Mein Vater hat es dann genau andersherum gebaut“, erzählt Anja Oesterle-Kieweg und lacht: „Mein Vater hatte eben die Typologie eines Remstäler Wengerthäusles genau im Kopf.“
Anja Oesterle-Kiewegs „ Wengerthäusle“ ist im Iris Förster Verlag erschienen. Es hat 128 Seiten, einen festen Einband und kostet 24 Euro. ISBN 978-3-938812-63-1.