Er hat 2015 mit 20 Jahren die DTM-Serie gewonnen – nun ist Pascal Wehrlein auf einem Porsche Weltmeister der Formel E geworden. Für den Rennfahrer ist das nach einigen Aufs und Abs eine besondere Genugtuung.
Als Feierbiest ist er nicht bekannt – und doch hat auch der frisch gekürte Champion beim Galadinner zum Abschluss der zehnten Saison der Formel E sowie auf der Siegerparty des Teams Tag Heuer Porsche freudig mit angestoßen. Danach aber hat Wehrlein noch ein paar Tage London drangehängt, ehe man ihn im Verlauf der Woche in der Denkfabrik seines Arbeitgebers Porsche in Weissach als ersten deutschen Weltmeister gebührend empfangen möchte.
Denn anders als meist üblich, sind auch die Partnerin Sibel sowie die Tochter Soleya des Rennfahrers aus dem Kreis Tuttlingen in die britische Hauptstadt gereist, wo am Wochenende das Finale der Formel E mit zwei Rennen ausgefahren wurde. Nun gilt es für Wehrlein inmitten einer elektrisch angetriebenen Vollgasbranche, welche die Piloten bei weltweit 16 Rennen zwischen Sao Paulo und Shanghai in Atem hält, auch mal die gemeinsame Zeit zu genießen. „Ein Frühstück mit der Familie zum Beispiel, das ist mir wichtig“, sagt Wehrlein.
Auf der Zielgeraden vorbeigezogen
Bei Rührei und Toast darf der 29-Jährige nun zufrieden auf das Erreichte zurückblicken. Als Drittplatzierter der Formel-E-Fahrerwertung waren Wehrlein und Porsche nach London gereist, wo ihr bestes Ergebnis bis dahin der fünfte Platz gewesen war. „Das ganze Team hat ein vorbildliches Wochenende abgeliefert – und das unter diesem Druck“, findet Wehrlein, der mit seinen Plätzen eins und zwei in den beiden Londoner Rennen auf der Zielgeraden noch an den Neuseeländern Nick Cassidy und Mitch Evans vom Team Jaguar TCS Racing vorbeizog – und sich nun Weltmeister der Formel E nennen darf.
„Es ist definitiv der schönste Titel meiner bisherigen Karriere. Weltmeister zu sein, dieses Gefühl ist ganz besonders“, sagt Wehrlein, der seit vier Jahren für Porsche in der Formel E fährt – und sich über die Jahre mit den Abschlussplatzierungen 11, 10, 4 und nun 1 konstant verbessert hat: „Wir hatten in den Saisons zuvor unsere Ups und Downs – und nicht immer die nötige Konstanz. Diesmal haben wir unser Paket so zusammen bekommen, dass wir den Titel verdient haben.“
Für Wehrlein ist der Erfolg auch eine persönliche Genugtuung. Mit 20 Jahren avancierte er 2015 als aufstrebender Mercedes-Pilot zum jüngsten Sieger des Deutschen Tourenwagen Masters (DTM), doch er hat auch eher schwierige Zeiten erlebt: Etwa in seinen Rennjahren 2016 und 2017, als er bei den Teams Manor und Sauber in nicht konkurrenzfähigen Formel-1-Boliden saß.
Vergleicht Wehrlein nun den DTM-Titel von 2015 mit seinem aktuellen Formel-E-Triumph, so sei das ein wenig wie mit dem Vater und seinen zwei Kindern, sagt er, die er doch beide gleich liebe. „Als ich die DTM gewonnen habe, war ich allerdings sehr jung“, ergänzt der Rennfahrer: „Jetzt kann ich besser beurteilen, wie viel Teamarbeit hinter so einem Titel steckt.“ Obendrein hat der jüngste Erfolg seine Besonderheiten: „Das Tolle an der Formel E ist, dass sie ist für die Fahrer eine sehr faire Rennserie ist“, sagt der gelernte Feinmechaniker, dessen Mutter aus Mauritius stammt. Sprich: Das Können der Piloten auf der Rennstrecke rückt klar in den Fokus.
Schließlich kann in der Formel E jeder Hersteller zwar Komponenten entwickeln und modifizieren, wie den Antriebsstrang, die Software oder das Setup – vieles andere ist aber standardisiert: die Reifen etwa. Zudem sind das Chassis und damit die Aerodynamik Einheitsbauteile. „Daher sind alle Teams konkurrenzfähig“, sagt Wehrlein, der die Unterschiede zwischen Formel 1 und E als Fahrer beider Serien kennt: „Wir müssen nicht schalten – auch der Sound ist ein anderer“, so der 29-Jährige. Doch vieles sei gleich: Die Sitzposition, die Geschwindigkeit, der Wind im Cockpit. Auch von der Beschleunigung her befänden sich beide Serien auf demselben Niveau. „Irgendwann wird der Grip das Limit – und nicht die Power“, sagt Wehrlein.
Spannende Entwicklung
Aktuell sind in der Formel E die Rennwagen der vierten Generation in der Entwicklung, die 2025 auf die Strecke kommen sollen. „Sie werden von der Beschleunigung her deutlich schneller sein als Formel-1-Autos“, sagt Wehrlein, für den die Formel E eine coole, spannende Rennserie ist. „Wir haben zudem eine Botschaft: umweltfreundlicher Rennsport auf Stadtkursen, direkt bei den Menschen – das ist die DNA der Formel E.“
Seit man im September 2014 auf Jungfernfahrt ging, sind mit Mercedes, Audi und BMW allerdings mehrere deutsche Hersteller wieder ausgestiegen. Doch Pascal Wehrlein ist sich sicher: „Die Rennserie sitzt auf einem aufsteigenden Ast. Das Interesse, sei es von TV-Stationen, Zuschauern oder auf Social Media, steigt von Saison zu Saison stetig an.“