Die zehnjährige Marleen (links) und ihre Medi-Patin Annika haben während der Krebstherapie viel zusammen gemalt. Foto: Uniklinik Tübingen/privat

Wenn Kinder wie Marleen an Krebs erkranken, stehen ihnen lange Krankenhausaufenthalte bevor. In Tübingen bringen Studierende ihnen mehr Freude in den Klinikalltag.

Wenn Marleen nach ihren Wünschen gefragt wird, so denkt die Zehnjährige am liebsten an eine Drohne. Eine, die sie zu ihren Freunden fliegen lässt, um diese per Videokamera zu besuchen. „Wir könnten uns Botschaften übermitteln“, sagt Marleen. Sie hätte das Gefühl, wieder dabei zu sein. Denn oft war Marleen nicht dabei, wenn ihre Freundinnen zusammen gespielt haben – weil sie aufgrund ihrer Krebstherapie mal wieder im Krankenhaus war oder weil sie Abstand halten musste. Ihr von der Therapie geschwächtes Immunsystem würde keinen noch so kleinen Infekt verkraften. „Das war nicht so schön“, sagt Marleen.

Es war Annika, die sie in der Zeit von Chemotherapie und Bestrahlung über die Langeweile und Einsamkeit hinweg getröstet hat. Die mit Marleen gebastelt und gemalt hat. Die ihr aus Büchern vorgelesen oder mit ihr gespielt hat. Mindestens einmal die Woche ist die junge Medizinstudentin zu der Zehnjährigen während der Krebstherapie ins Zimmer der Uniklinik Tübingen gekommen – als ihre persönliche „MEDI Patin“.

Rund 150 Studierende sind Paten für krebskranke Kinder

Es habe zwischen ihnen gleich gut funktioniert, sagt Annika. „Für Marleen war ich eine gelungene Abwechslung in dem durchgetakteten und oft öden Klinikalltag.“ Und auch ihr selbst tue der Austausch gut: „Man kommt anders mit dem Thema Krebs in Berührung und hat nicht nur die medizinische Sicht auf die Krankheit.“ Und noch etwas habe sie erfahren dürfen: Wie sich der Klinikalltag für Familien anfühlt, die aufgrund einer Krebserkrankung oft wochenlang im Krankenhaus bleiben müssen. „Das ist etwas, was im Medizinstudium nicht thematisiert wird.“

Annika ist nicht die einzige „MEDI Patin“ auf der onkologischen Station der Kinderklinik in Tübingen. Rund 150 Studierende sind Teil des Projekts an der Uniklinik, das auch schon an anderen Kinderkliniken Schule macht: In den Unikliniken Heidelberg und Augsburg beispielsweise, seit knapp einem Jahr auch an der Uniklinik in Zürich. „Das Ziel unserer Initiative ist ganz einfach“, sagt Linda Maschke, angehende Ärztin und Initiatorin der „MEDI Paten“. „Wir wollen als Medizinstudierende einfach mehr Freude in den Klinikalltag der Kinder und Jugendlichen bringen.“

Das Spielen mit krebskranken Kindern nicht zu kurz kommen lassen

Krebserkrankungen bei Kindern sind nicht nur medizinisch eine große Herausforderung: Anders als bei vielen anderen Krankheiten betreffe Krebs bei Kindern die ganze Familie, sagt Linda Maschke. Die Therapie-Phase dauert oft mehr als ein ganzes Jahr. Immer wieder müssen die Kinder dazu für mehrere Wochen in die Klinik. Dabei werden sie meist von einem Elternteil begleitet, das dem kranken Kind beisteht, während der Partner zuhause mit den Geschwisterkindern den Alltag stemmen muss.

Der Vereinsvorstand von MEDI Paten der Uniklinik Tübingen: Aylin Neyazi, Niclas Wiebe, Linda Maschke und Laura Riedmann (von links) Foto: MEDI Paten

Die Studierende spricht aus eigener Erfahrung: „Ich stehe dem Thema Krebs seit Jahren sehr nahe.“ Im Jahr 2019 hat sie im Rahmen eines Bundesfreiwilligendienstes ein Praktikum auf der Knochenmarkstransplantations-Station der Kinderklinik Tübingen verbracht. „Damals fiel mir schnell auf, wie sehr sich die Kinder freuten, wenn ich mit ihnen spielte – ganz ohne therapeutischen Auftrag“, sagt die heute 24-Jährige. „Gleichzeitig habe ich damit auch die Familie des kranken Kindes entlastet.“

Gründerin der „MEDI Paten“ erkrankt selbst an Krebs

Zusammen mit ihrem Kommilitonen Niclas Wiebe hat sie dann in ihrem Medizinstudium an der Universität Tübingen die Idee einer Patenschaft zwischen Studierenden und krebskranken Kindern entwickelt – die dann im Jahr 2022 umgesetzt worden ist. „Dadurch, dass ich seit fünf Jahren im Register für Seltene Tumorerkrankungen bei Kindern arbeite und in diesem Bereich auch promoviere und mich in der Freizeit für unser Projekt engagiere, habe ich eigentlich meine ganze Zeit dafür aufgewendet, mich um krebskranke Kinder und deren Familien zu kümmern“, sagt Maschke.

Dann aber erkrankte sie selbst: Im Sommer 2024 erhielt Linda Maschke die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. „Das habe ich als schweren Schicksalsschlag empfunden.“ Nun war sie es, die über ein Jahr viele Wochen stationär in der Uniklinik Tübingen verbringen musste. An ihrem Herzensprojekt hielt sie weiter fest – auch weil es sie von ihrer belastenden Behandlung in der Klinik abgelenkt hat. „Während meiner Chemotherapie habe ich die Patenschaft für ein Mädchen namens Florina übernommen und so viele schönen Momente erlebt.“

Das Paten-Projekt für krebskranke Kinder soll ausgebaut werden

Seit dem vergangenen Herbst gilt Linda Maschke als „krebsfrei“, was im Medizinjargon so viel bedeutet, dass sie große Chancen auf eine Heilung hat. Rückblickend sei ihr viel stärker bewusst geworden, wie wichtig es für Krebspatienten und deren Familien ist, in Zeiten der akuten Erkrankung eine Unterstützung zu haben, sagt Maschke. Sie hat ihr Studium wieder aufgenommen und will zusammen mit den Mitstreitern des Leitungsteams der „MEDI Paten“ das Projekt weiter ausbauen – auch international: So sollen weitere Unikliniken im deutschsprachigem Raum einbezogen werden. Auch planen Maschke und ihre Mitstreiter Patenschaften im Rahmen von Auslands-Praktika anzubieten. „Zudem organisieren wir inzwischen Spendenläufe, Blutspendeaktionen und Registrierungsaufrufe für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei DKMS“, ergänzt Sophia Mebold, Leiterin des Patenschafts-Teams.

Inzwischen hat Marleen ihre Krebstherapie abgeschlossen. Sie hat an Gewicht und Muskelkraft verloren und auch ihre Haare. Aber die Zehnjährige hat Ausdauer: Das sieht jeder, der ihr begegnet und miterlebt, wie sei mit dem Rollstuhl durch die langen Gänge der Uniklinik Tübingen wetzt. Ihre Mutter, die versucht Schritt zu halten, ist den „MEDI Paten“ sehr dankbar: „Es ist ein ziemlicher Spagat, den Familienalltag als auch die Behandlungszeit hier in der Klinik zu managen – ohne sich zerreißen.“ Gerade die Zeit mit Annika wären der Familie eine besondere Hilfe gewesen, weil die Eltern so Zeit hatten, auch mal durchzuatmen.

Trotz Krebstherapie viele schöne Erlebnisse gehabt

Marleen hat viele positive Erlebnisse in der Zeit ihres stationären Aufenthalts sammeln können: Etwa den Besuch der 23-jährigen Influencerin Jule Nagel, die selbst im Alter von zwölf Jahren an Krebs erkrankt war. „Wir haben Fotos mit ihr gemacht, und wir durften sie alles fragen, was wir wollten“, erzählt Marleen. Sie erinnert sich auch an Aktionen wie die große Osterfeier, das Sommerfest und an den Laternenlauf, die von dem Klinikteam, bestehend aus Erzieherinnen, Musik- und Kunsttherapeuten, Physiotherapeuten und den psychosozialtherapeutischen Dienst, auf die Beine gestellt werden. „Es war immer viel geboten“, bestätigt ihre Mutter. Doch nun freue sich die Familie auf die Zeit zuhause. Und vielleicht, so hofft Marleen, kommt Annika sie da auch mal besuchen.

Hinweis der Redaktion: Ende Januar 2026 ist Marleen an ihrer Krebserkrankung verstorben. Die Familie ist mit der Veröffentlichung des Artikels einverstanden.

Krebs bei Kindern

Risiko
Krebs bei Kindern ist zum Glück insgesamt selten. Jedes Jahr gibt es rund 2500 Neuerkrankungen in Deutschland. Zum Vergleich: Im Erwachsenenalter sind es im gleichen Zeitraum bundesweit 500 000 Krebsdiagnosen. In der Altersgruppe unter 15 Jahren ist Krebs besonders bösartig: Die Tumorzellen vervielfachen sich rasend schnell. Am häufigsten werden Leukämien (Blutkrebs), Tumoren des Gehirns und des Rückenmarks sowie Lymphknotenkrebs diagnostiziert.

Weltkinderkrebstag
Am 15. Februar ist der internationale Kinderkrebstag, der im Jahr 2002 ins Leben gerufen wurde, um auf krebskranke Kinder und Jugendliche und deren Angehörige aufmerksam zu machen.

MEDI Paten
Das Projekt richtet sich an Medizinstudierende, die eine Patenschaft für ein krebskrankes Kind oder einen krebskranken Jugendlichen in der Zeit seines stationären Aufenthalts übernehmen möchte. Sie sollen dabei Spielgefährten und manchmal auch einfach nur Gesprächspartner auf Augenhöhe sein. Die Initiatoren sind per E-Mail (info@medipaten.de) erreichbar oder über ihre Homepage www.medipaten.de. Sie haben auch einen Instagram-Account: