Sie wollen das mehr als 100 Jahre alte Stuttgarter Opernhaus zu einem Ort für die Gesellschaft von morgen machen: Opernintendant Viktor Schoner (links) und Ballettchef Tamas Detrich. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Eine Milliarde Euro könnte die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses kosten. Die Spartenchefs Viktor Schoner und Tamas Detrich halten einen Neubau für unrealistisch.

StuttgartEine Milliarde Euro für das Stuttgarter Opernhaus? Diese Zahl hat in der Landeshauptstadt erneut die Diskussion über die Dimensionen des Projekts aufflammen lassen. Ein Gespräch über Kürzungsmöglichkeiten, Kreuzbühne, Interim und künstlerische Exzellenz.

Nach Jahren der Diskussion sind die Pläne für die Sanierung des Opernhauses endlich konkret geworden – aber auch viel teurer als erwartet. Wie erleben Sie die öffentliche Debatte?
Detrich: Natürlich gibt es Fragen, wenn es um so viel Geld geht. Aber man muss auch die Dringlichkeit der Sanierung sehen und vergleichbare Zahlen aus der ganzen Republik genau anschauen. Wir bieten künstlerische Exzellenz für unsere Besucher, aber das Haus selbst bricht zusammen. Bei anderen Sanierungsprojekten sind die Kosten am Ende ähnlich hoch, aber im Vorfeld werden keine realistischen Zahlen genannt.

Schoner: Alle Bürger dieser Stadt müssen sich fragen, ob sie wollen, dass der Littmann-Bau in der Mitte der Landeshauptstadt als Wahrzeichen weiter besteht. Wenn man diese Frage mit Ja beantwortet und sich durch die sehr ernsthaften Dossiers und Berechnungen des Amts für Vermögen und Bau durcharbeitet, dann, fürchte ich, muss man die Summe von 550 Millionen Euro plus Puffer plus Inflationsrate als bittere Wahrheit hinnehmen.

Glauben Sie, dass dieses historische Gebäude ein Haus auch für die Gesellschaft von morgen sein kann?
Schoner: Im Gegensatz zu anderen Theaterbauten geht es in Stuttgart um ein denkmalgeschütztes Gebäude, das mal als „schönstes Theater der Welt“ bezeichnet worden ist. Abriss ist hier keine Option. Gleichzeitig haben wir die Aufgabe, aus diesem Gebäude ein pluralistisches Opernhaus zu machen, ein Kommunikationszentrum: Es gibt sehr konkrete Ideen, im Innenhof so etwas möglich zu machen. Es geht bei der Sanierung nicht nur um Brandschutz und um die zurzeit desaströsen Arbeitsbedingungen unserer Mitarbeiter, sondern auch darum, dass auf den Wurzeln von 1912 ein Haus für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts entsteht.

Fußen die Sanierungskosten auf Maximal- oder Minimalforderungen Ihrerseits?
Schoner: Wir haben viele Abstriche gemacht. Allein die Vorgaben des Grundstücks sind so, dass wir gerade so eben die Anforderungen der Arbeitsschutzordnung damit synchronisieren können. Wir belassen unser Kassenbüro am jetzigen Standort, nutzen die Proberäume vom Nord intensiv, und die Räumlichkeiten der Cranko-Schule werden außerdem helfen. Die errechneten Kosten jetzt beinhalten 260 Millionen Euro für die reine Opernhaussanierung, 200 Millionen für Abriss und Neubau der Werkstätten und 90 Millionen für Infrastruktur und anderes. Bei den 260 Millionen wüsste ich nicht, was man da noch einsparen sollte.

Wie sind die Erwartungen der Mitarbeiter im Haus?
Detrich: Alle sind schon ein bisschen nervös, wenn sie jetzt die Reaktionen in der Stadt wahrnehmen. Wir halten zusammen, und wir kämpfen für die 1400 Mitarbeiter, um die Exzellenz der Arbeit weiter zu ermöglichen.

Schoner:Es gibt ein großes Verständnis, dass die Diskussion breit und mit der gesamten Stadtgesellschaft geführt werden muss. Es gibt auch Mitarbeiter, denen der Vorwurf wehtut, wir würden hier nur für die „happy few“ Theater machen – mit gutem Grund: Schließlich haben wir über 400 000 Zuschauer im Jahr.

Die Forderung nach einer Kreuzbühne ist zentraler Teil Ihrer Sanierungspläne. Wie würde sie sich auf Spielplan im Opernhaus und Arbeitsabläufe auswirken?
Detrich: Die Kreuzbühne allein kostet 20 Millionen, macht also nur einen geringen Teil der Kosten aus. Momentan ist es so, dass ich „Dornröschen“ oder „Schwanensee“ nur auf den Spielplan setzen kann, wenn in der Zeit bestimmte Opernproduktionen nicht gezeigt werden, weil auf der Hinter- oder Seitenbühne nicht ausreichend Platz ist. Die Kreuzbühne würde es uns ermöglichen, mehr Vorstellungen anzubieten, was die große Nachfrage an Ballettkarten befriedigen würde.

Schoner: Die Kreuzbühne schafft die Möglichkeit, schneller Kulissen austauschen zu können und so eine Abwechslung im Spielplan zu schaffen, die wir momentan nur mit viel Zeit, großem Personalaufwand und zahlreichen Schließtagen bewältigen können. Auch ökonomisch ist die jetzige Situation eine große Achillesferse unseres Betriebs.

Wie zufrieden sind Sie mit der Interimslösung bei den Wagenhallen am Nordbahnhof?
Detrich: Sehr, weil die bestehenden künstlerischen Einrichtungen dort weiterhin ihrer Arbeit nachgehen können. Dort ist nun Platz für alle. Der Ort ist erschlossen, gut erreichbar. Und ich finde es aufregend zu überlegen, was wir dort fünf oder sieben Jahre machen können.

Schoner: Wir leben heute in einer Zeit, in der man sowohl zu Kraftwerk oder zu Rammstein geht als auch in die Oper. Das Quartier der Wagenhallen ist der beste Ort, um Dinge auszuprobieren und um wichtige Fragen unserer Zeit und Gesellschaft zu stellen.

Wäre im Interim ein Spielplan in ähnlicher Mischung wie bisher realisierbar?
Detrich: Das ist eine Bedingung von mir. Wir müssen einen „Onegin“ und ein „Dornröschen“ dort spielen können, denn diese Stücke sind sehr beliebt. Außerdem können wir nur das hohe technische Niveau der Tänzer halten, wenn sie diese großen Klassiker tanzen.

Was sagen Sie zu dem Vorschlag, die Oper lieber ganz neu zu bauen und im Littmann-Bau nur noch das Ballett auftreten zu lassen und Konzerte zu geben?
Detrich: Dann müssten wir zwei Häuser mit jeweils eigener Infrastruktur unterhalten. Und warum sollten wir das tun, wenn wir mit dem Littmann-Bau ein Juwel haben, das explizit für die Oper gebaut wurde und in dem sich auch das Stuttgarter Ballett wunderbar entwickeln konnte?

Schoner: Ein Konzertsaal hat technisch vollkommen andere Anforderungen als ein Opern- und ein Balletthaus. Wenn man einen erstklassigen Konzertsaal haben will, ist es deshalb auch keine Option, daraus eine Interimsoper zu machen.

Bräuchten Sie für die Sanierung nicht mehr Unterstützer in der Bürgergesellschaft? Im Moment hört man sie nicht.
Schoner: Bislang wussten wir ja gar nicht genau, was im komplexen städtebaulichen Kontext und finanziell denkbar wäre. Jetzt wissen wir es und können konkreter für die Zukunftssicherung der Kunst in dem nachhaltig sanierten Opernhaus im Herzen der Stadt werben. Wir sollten auch nicht vergessen, wie wichtig Bildung und Kunst für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sind.

Das Interview führten Susanne Benda, Andrea Kachelrieß und Tim Schleider.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: