US-Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio positionieren sich für die Präsidentschaftswahlen 2028. Nach Vance 2025 kommt nun Rubio zur Sicherheitskonferenz.
Das KI-generierte Bild zeigt zwei kleine Männer in dunklen Anzügen, die mit entschlossener Mine hinter Donald Trump stehen, der wie ein Feldherr das Sternenbanner auf Grönland errichtet. Links der vollbärtige JD Vance, rechts daneben der bubenhafte Marco Rubio. Beide reichen dem Präsidenten gerade einmal bis zur Schulter. Das vom Weißen Haus im Januar auf Facebook gepostete Meme sollte die Gebietsansprüche in der Arktis untermauern. Nebenbei führt die Montage Vance und Rubio als Kronprinzen ein. Die Botschaft: Trumps Vizepräsident und Außenminister stehen nicht nur hinter ihm, sondern werden seine „America First“-Politik in Zukunft auch fortsetzen.
Das hatte der 79-jährige Präsident kurz vorher schon an Bord der Air Force One angedeutet. Bei einem Gespräch mit Reportern brachte er die beiden Männer als Nachfolger ins Spiel und lobte sie überschwänglich. „Wir haben den großartigen JD“, verkündete Trump, um dann schnell hinzuzufügen, „Marco ist großartig“. Er glaubt nicht, dass sich jemand wagt, bei den Vorwahlen der Republikaner gegen die beiden anzutreten. „Wenn sie sich zusammentun würden, wären sie nicht zu stoppen.“
Vance hat die Nase vorn
Während die designierten Erben des „Make-America-Great-Again“-Führers bei jeder Gelegenheit beteuern, wie sehr sie einander mögen und durch Dritte versichern lassen, niemals gegeneinander für das Weiße Haus antreten zu wollen, gelten beide schon lange als Konkurrenten um die Macht. Wobei sich Vance im Wettstreit um das Amt des Vizepräsidenten durchgesetzt hatte.
„Das ist ein mythisches Märchen von Romulus und Remus, den Söhnen von MAGA“, beschreibt der ehemalige Trump-Mitarbeiter Matthew Bartlett die Rivalität. Beide stammen aus einfachen Verhältnissen, schafften es schon mit Ende 30 in den Senat und konvertierten zum Katholizismus. Sie gelten als anpassungsfähig, machtbewusst und ehrgeizig genug, ins Oval Office zu streben. Die offene Frage bleibt, wer in dieser Konstellation Romulus und wer Remus ist? Denn letzterer wurde von seinem Zwillingsbruder im Streit erschlagen, bevor der Gründer der Hauptstadt des römischen Imperiums dort über Jahrzehnte herrschte. Der Vergleich hat allerdings seine Grenzen. Rubio ist 13 Jahre älter als Vance, und nicht die politischen Findelkinder schufen das MAGA-Imperium, sondern ihr Ziehvater.
Trump wittert mit dem sicheren Instinkt eines Veranstalters von Preiskämpfen die Konkurrenz der ambitionierten Männer. Wie einst in „The Apprentice“ inszeniert er das Ringen um die eigene Nachfolge wie eine Reality-TV-Show, in der Trump die Wettbewerber um seine Gunst buhlen lässt.
Vance unterstützt die AfD
Eine große Bühne bietet die Münchner Sicherheitskonferenz, die so etwas wie das globale Stelldichein des außen- und verteidigungspolitischen Establishments ist. Als erster durfte Vance hier im vergangenen Jahr für den Präsidenten auftreten. Er führte damals eine beispiellose Abrechnung mit Europa auf.
Der Kontinent werde nicht durch Russland oder China oder einen anderen externer Akteur bedroht. „Die größte Gefahr liegt im Inneren“, erklärte Vance im voll besetzten Saal des Bayerischen Hofs. Er warf den Europäern fehlende Meinungsfreiheit vor. Er kritisierte die „Brandmauer gegen Rechts“ und den Ausschluss von Parteien wie der AfD von der Konferenz. Demonstrativ traf er später die Chefin der deutschen Rechtspopulisten Alice Weidel.
Was Trump sah, gefiel ihm und schockte Europa. Denn Vance nahm vorweg, was im Dezember schwarz auf weiß in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) der USA stehen sollte. Darin wird die Welt, wie im 19. Jahrhundert, in Einflusssphären aufgeteilt. Amerika sieht sich nicht mehr als Führungsmacht des westlichen Bündnisses, sondern als dominante Macht in der westlichen Hemisphäre. Offen bleibt, wo diese endet. Die USA verabschiedet sich aus der Wertegemeinschaft. In der NSS taucht Europa als Kontinent auf, der sich wegen seiner Einwanderungspolitik und liberalen Demokratie im Niedergang befindet.
Diesmal schickt Trump Rubio nach München, um seine „America-First“-Agenda zu verkaufen. Der Chef-Diplomat der USA gilt geschmeidiger als Vance, der das Image eines politischen Rabauken kultiviert hat. Unvergessen bleibt nur wenige Tage nach seiner Rückkehr von der Sicherheitskonferenz sein Frontalangriff auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office.
Europäische Diplomaten sehen in Rubio einen Gesprächspartner, der berechenbarer ist als Vance. Er habe sich in der Ukraine-Krise als Stimme der Vernunft bewährt, heißt es aus diplomatischen Kreisen. So habe er den von Trumps Sonderbeauftragten Steve Witkoff vorgelegten 28-Punkte-Plan erfolgreich entschärft, der wie ein Diktatfrieden aus dem Kreml aussah.
Umgekehrt profilierte sich Rubio als Planer der Militäraktion und Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolas Maduro. Eine Obsession des Ministers, der lange so tat, als sei seine Familie vor den Kommunisten geflohen. Tatsächlich kamen die Rubios längst vor der Revolution als Wirtschaftsflüchtlinge aus Kuba. Trump beauftragte Rubio nach dem Maduro-Coup damit, das Land mit den größten Ölreserven der Welt aus der Ferne zu regieren. Das brachte ihm von der Washington Post den ironischen Titel „Vizekönig von Venezuela“ ein.
Rubio und Trump: Früher Konkurrenten, heute ein Team
Obwohl die Erwartungen an Rubio in München höher sind, gilt auch für ihn: Er muss liefern, wenn er Trump beeindrucken will. Und das will er, um sich seine Chancen als Nachfolger auf dem MAGA-Thron zu bewahren. Kenner Rubios warnen, seine Anpassungsfähigkeit nicht zu unterschätzen. Der frühere Neokonservative vertritt heute den weißen Nationalismus von Trump, der ihn während der Vorwahlen der Republikaner 2016 noch als „little Marco“ verspottet hatte. Trotz dieser Demütigung kam es nach einer langen Phase der Wiederannäherung zur Versöhnung. Rubio kündigte öffentlich an, Trump bei seiner erneuten Kandidatur zu unterstützen. Dieser belohnte ihn mit der Nominierung zum ersten US-Außenminister mit lateinamerikanischen Wurzeln.
Heute trägt Rubio wie selbstverständlich die Uniform der Trumpisten: blauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Das tut auch Vance, dessen Fähigkeit, sich wie ein Chamäleon den Verhältnissen anzupassen, der Rubios in nichts nachsteht. Er wandelte sich von einem unerbittlichen Kritiker zu seinem Wadenbeißer. 2016 nannte Vance den illustren Kandidaten „Opium für die Massen“. Auf Twitter schrieb Vance damals: „Ich schwanke zwischen der Ansicht, dass Trump ein zynisches Arschloch wie Nixon ist, das gar nicht so schlimm wäre, und der Ansicht, dass er Amerikas Hitler ist.“
Zu diesem Zeitpunkt galt der Autor des Bestsellers „Hillbilly Elegy“ als gefragter Deuter der Trump-Wählerschaft. Er beschrieb in dem Buch, wie er als Junge einer drogensüchtigen Mutter und eines abwesenden Vaters unter Hinterwäldlern in Ohio und Kentucky aufwuchs und es nur dank seiner Großmutter aufs College und schließlich nach Yale schaffte. Die Hillbillies vergaß er so schnell, wie er sich später im Silicon Valley von den Ostküsteneliten trennte.
Zum Trump-Gefolgsmann mutierte der Tech-Investor bei seinem Eintritt in die Politik. Vance brauchte seinen Segen, um Senator von Ohio zu werden. Also pilgerte er nach Mar-a-Lago, schloss Freundschaft mit Trumps Sohn Donald Jr. und leistete öffentlich Abbitte. Seinem Aufstieg halfen auch die engen Beziehungen zu Tech-Titanen wie Elon Musk und Peter Thiel. Die Milliardäre warben bei Trump dafür, Vance zum Running Mate zu machen.
Vance liegt vor Rubio
In der Regierung versuchen sich die Kronprinzen in Loyalität zu Trump zu überbieten. Rubio ist sprichwörtlich nur selten im State Department anzutreffen, sondern arbeitet aus einem Büro im West Wing des Weißen Hauses. Er trägt inzwischen auch die Hüte des Nationalen Sicherheitsberaters, des Übergangs-Chefs der abgewickelten Entwicklungsbehörde USAID und des kommissarischen Nationalarchiv-Präsidenten. Seit Henry Kissinger hat kein Außenminister so viel Macht auf sich vereint wie Rubio.
Aber es gibt auch keinen Vizepräsidenten, der so in die Regierungsgeschäfte eingebunden wird wie Vance. Als Chef des Wahlkampf-Finanzkomitees der Republikaner kann er vor den Zwischenwahlen im November seine Netzwerke aufbauen. Dank seiner Rolle muss er öffentlich weniger Rücksicht nehmen als der Außenminister.
Umfragen sehen Vance aktuell bei den Republikanern klar vorn. In einer Erhebung der Atlas-Intel-Gruppe vom Januar 2026 liegt er mit knapp 47 Prozent deutlich vor Rubio, der auf etwa 23 Prozent kommt. Alle anderen potenziellen Bewerber sind weit abgeschlagen.
Vance dürfte genau hinschauen, wie Rubio die Bühne der Münchner Sicherheitskonferenz nutzen wird. Wie auch Trump, der die Rivalität seiner Kronprinzen ausnutzt. Sie verschafft ihm Loyalität und lässt vergessen, dass er selbst ein Auslaufmodell („lame duck“) ist. Die Rede des Außenministers wird sich deshalb vor allem an ein Publikum aus einer Person richten. Und das erwartet klare Ansagen an die Europäer.