Eine Allee nach dem Vorbild der Pariser Prachtstraßen soll die Einkaufsstraße in Endersbach in eine attraktive Flaniermeile verwandeln. Doch was genau steckt hinter diesen Plänen?
Was haben die Champs-Élysées und die Strümpfelbacher Straße in Weinstadt gemeinsam? Bislang wenig bis gar nichts. Mit viel gutem Willen könnte man vorbringen, dass es in Letzterer ebenfalls Läden gibt und sie eine Verkehrsader ist. Doch das soll sich ändern, zumindest optisch. Denn im Zuge der geplanten Sanierung und Umgestaltung, wofür der Gemeinderat jüngst mehrheitlich den Baubeschluss gefasst hat, soll die Endersbacher Einkaufsstraße Alleecharakter bekommen, wie der Baubürgermeister Thomas Deißler erläutert: „Es wird eine ‚fliegende Hecke‘ angelegt, die wie bei der Champs-Élysées auf das Viadukt zuführt.“
Nun ließe sich unken, dass die Endersbacher Bahnüberführung kein Vergleich zum Arc de Triomphe in Paris ist. Doch darum geht es gar nicht, sondern: „Damit soll ein Element geschaffen werden, das jeder, der hierherkommt, wahrnimmt“, sagt Deißler. „Ein Alleinstellungsmerkmal, um im Gedächtnis der Menschen zu bleiben“, ergänzt der Stadtplanungsamtsleiter Dennis Folk.
Mehr Großzügigkeit in Endersbach: Neue Allee geplant
Dazu soll eine Baumallee so gepflanzt und beschnitten werden, dass die Kronen gleich einer Hecke ineinander übergehen. Alle bestehenden Bepflanzungen – Hochbeete und Bäume – müssen weichen, um die Sicht auf die dahinterliegenden Geschäfte freizumachen. „Besucher sollen Großzügigkeit wahrnehmen“ – und als Fußgänger gleichberechtigt mit Autofahrern die Straße nutzen können in einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich. Auf diese Weise will man die Quadratur des Kreises schaffen: den Verkehr einerseits zu reduzieren, um mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen, andererseits ihn nicht ganz auszusperren, damit die örtlichen Einzelhändler, Dienstleister und Gastronomen für ihre Kundschaft gut erreichbar bleiben.
Daher gehört zu der Umgestaltung ein Verkehrskonzept. Durch ein Tempo-20-Limit soll Fußgängern ermöglicht werden, die Straße nicht nur an vorgesehenen Überwegen zu queren, und die Strecke soll für den Durchgangsverkehr unattraktiv gemacht werden. Gleichzeitig soll der Abfluss des Verkehrs durch veränderte Vorfahrts- und Einfahrtsregeln an den Einmündungen der Bahnhofs- und der Waiblinger Straße verbessert werden, auch damit der öffentliche Nahverkehr weiterhin gut durchkommt. Ob das alles wie geplant funktioniert, will man vorab mit einem Verkehrsversuch testen – soweit es ohne die geplanten Umbauten machbar ist.
„Ein wesentlicher Bestandteil ist auch, dass die Parkierung neu geordnet wird“, sagt Folk. So sollen auf den beidseitigen „multifunktionalen Streifen“ zwischen Fahrbahn, Allee und Gehweg Kurzzeitplätze für eine halbe Stunde Parkdauer eingerichtet werden. Zudem sollen die Streifen Raum für Fahrradständer und Gastronomie bieten. Wer länger in der Einkaufsstraße verweilen will, wird per Parkleitsystem zu Stellplätzen hinter der Kreissparkasse und in bestehenden Tiefgaragen gelotst.
„Der Baubeschluss ist ein entscheidender Meilenstein“, sagt Deißler. „Jetzt können die Details geklärt werden.“ Noch unter Jürgen Oswald, der bis Ende 2016 Oberbürgermeister von Weinstadt war, stieß die Vereinigung Weinstädter Unternehmer (VWU) das Sanierungsprojekt an, das Deißler in seinen letzten Amtsjahren begleiten sollte. „Die Finanzierung ist der Knackpunkt. Man hat viele schöne Ideen, aber wenn es an die Finanzierung geht, landet es auf der Wartebank.“
Stadt Weinstadt treibt Sanierungspläne mit Experten voran
So kam erst 2018 seitens der Stadt wirklich Bewegung in die Sache, da man sich mit einem von der Stuttgarter Stadtentwicklungsgesellschaft Steg erarbeiteten Konzept, das neben der Strümpfelbacher Straße auch Teile der Beutelsbacher und der Waiblinger Straße sowie den Kreisverkehr am Viadukt umfasste, um die Aufnahme des Endersbacher Ortskerns in das Landessanierungsprogramm bemühte. 2019 konkretisierten sich die Pläne, indem man sich mit Baldauf Architekten und Stadtplaner aus Stuttgart sowie mit der Ludwigsburger Planungsgesellschaft ISTW gleich zwei Planungsbüros zur Unterstützung ins Boot holte. Im Jahr darauf waren ihre Entwürfe, die sie aufgeteilt in zwei Teilabschnitte erstellten, fertig.
Es folgten Gesprächsrunden mit der VWU, während bereits erste private Maßnahmen im Rahmen des Landessanierungsprogramms starten konnten. Derweil sorgte man von städtischer Seite für Synergien, indem man sich zusätzlich die Sanierung und Erweiterung der unterirdischen Infrastruktur vornahm. „Durch die Beteiligung mehrerer Kostenträger können wir die Maßnahme wirtschaftlicher durchführen“, erklärt Deißler dazu. Ein verständliches Ansinnen der finanziell chronisch klammen Stadt. Zumal die geschätzten Gesamtkosten allein für den ersten Bauabschnitt – vom Viadukt bis zum Café „Die Bohne“ nahe der Abzweigung der Straße Pflaster – rund 6,6 Millionen Euro betragen.
Baustart 2027: Deißler und Folk erleben Projektabschluss nicht
Im Herbst 2026 sollen die Arbeiten nach der Detailplanung ausgeschrieben werden können, 2027 sollen die Baumaschinen anrollen. Die Bauzeit soll geschätzte zweieinhalb Jahre dauern. Den Abschluss des Projekts, das sie so viele Jahre begleitet haben, würden sie daher beide nicht mehr in Amt und Würden miterleben, meint Deißler, der seinem Ruhestand in rund einem Jahr entgegensieht. Derweil wechselt Folk bereits Anfang Februar auf seinen neuen Posten als Technischer Beigeordneter und hauptamtlicher Bürgermeister-Stellvertreter im Rathaus von Kernen.