Die Mitglieder des Vereins zur Förderung des historischen Weinbaus in Plochingen bauen am kleinen Weinberg an der „Nothalde“ sieben Rebsorten an.
Unentwegt fällt der Regen an diesem Vormittag auf die Reben am Weinberg zwischen Plochingen und Altbach. Dennoch stehen einige fleißige Männer und Frauen, ausgerüstet mit Regencape, Gummistiefeln und Rebschere, zwischen den Rebstöcken und trotzen dem Wetter. Schließlich naht der Termin für die Weinlese, und es müssen noch letzte Vorbereitungen getroffen werden. Auch Tage wie diese gehören für die Mitglieder des Vereins zur Förderung des historischen Weinbaus in Plochingen mit dazu. „Wir nehmen es, wie es kommt“, sagt Sabrina Bunge, die im Vorstand des Vereins sitzt. Arbeiten bei schönem Wetter kann schließlich jeder.
Lange Zeit prägte der Weinanbau das Leben in Plochingen. Im Mittelalter war der sogenannte Hansenwein oder auch „kleiner Hans“ bis weit über die Gemarkungsgrenzen hinaus bekannt. Denn schon damals pflanzten die Plochinger Winzer Grünen Veltliner an – außerhalb von Österreich eine wahre Rarität. „Dieser Wein war und ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal“, sagt Bunge. Im 20. Jahrhundert löste dann die Industrie den Weinbau in Plochingen ab, erklärt Oswald Weiss, der im Verein für den Weinberg verantwortlich ist.
Anerkannt als Naturdenkmal
Dass es diesen Weinberg an der sogenannten Nothalde heute wieder gibt, verdankt Plochingen unter anderem seinem historischen Erbe. „Die Eröffnung eines neuen Anbaus war uns eigentlich untersagt“, erklärt Hermann Reiber, der erste Vorsitzende des Vereins. Durch den historischen Beleg für den Weinanbau sei der Weinberg dann jedoch als Naturdenkmal anerkannt worden. Seit 1984 bewirtschaftet der Verein damit nicht nur den Weinberg, sondern betreibt auch aktiv Denkmalpflege.
Insgesamt sieben Rebsorten wachsen auf dem Weinberg. Auch der Grüne Veltliner kehrte wieder nach Plochingen zurück. „Dass es so viele sind, ist für die meisten erst einmal eine Überraschung“, sagt Bunge. Denn die Fläche umfasst gerade einmal 1,1 Hektar. Da gilt es, mit dem verfügbaren Platz gut zu wirtschaften. „Du musst das richtig strategisch planen“, erklärt Bunge. Oftmals würden Zehn-Jahres-Pläne aufgestellt werden, denn erst nach drei Jahren sind die Rebstöcke bereit für die Lese. Auch deshalb sei es wichtig, sich gut zu überlegen, welche Sorten man für Neupflanzungen nehme, erklärt Reiber. „Wir müssen schauen, was wir aus unseren Möglichkeiten hier machen.“ In diesem Jahr ist beispielsweise erstmals der Wein „Violetta“, ein Roséwein aus Dornfelder-Trauben, im Vereinssortiment.
Das Wissen über den Wein, von der Rebe bis zur Abfüllung, haben sich die über 400 Vereinsmitglieder über die Jahre zusammengetragen und erarbeitet – denn Winzer ist von Haus aus niemand. „Dadurch, dass wir so viele verschiedene Mitglieder mit unterschiedlichen Hintergründen haben, kommt da viel zusammen“, sagt Bunge. Bei Anbaufragen werden sie bei im Weinberg vom Teamwerk Esslingen unterstützt. Gekeltert wird der Plochinger Wein auch in Esslingen. Um die Trauben zu verladen, setzt der Verein auf ein ganz besonderes Mitglied. Die Stadt Plochingen stellt Fahrzeuge der Stadtwerke zur Verfügung. „Diese Mitgliedschaft ist etwas Besonderes, denn dadurch hat die Stadt ihren eigenen Wein“, sagt Weiss.
Die mühsame Rebstockpflege, die Logistik, die Vermarktung und auch die Auseinandersetzung mit Winzerthemen wie rechtlichen Verordnungen zum Anbau zeigen: Der Weinanbau ist für die Vereinsmitglieder in Plochingen mehr als nur ein Hobby. „Es ist eine Leidenschaft“, sagt Bunge. Neben der Arbeit zwischen den Rebstöcken, die meist mit einem ordentlichen Vesper am Weinberg beendet wird, sind die Vereinsmitglieder auch auf Plochinger Festen vertreten, veranstalten gemeinsame Weinproben oder hören sich Expertenvorträge über Wein an. „Wir leben Wein“ steht schließlich auch auf den Hansenwein-Flaschen. Dieses Motto soll auch ins Vereinsleben miteingebracht werden. „Es ist mehr als nur lockeres Zusammensitzen. Wir teilen eine Leidenschaft und ein Interesse und wollen deshalb auch dazu beitragen“, sagt Bunge.
Neue Mitglieder und hohe Identifikation
Das Interesse am Wein war für viele auch Motivation, Mitglied zu werden. „Ich wollte einfach mal sehen, wie das geht“, sagt Jürgen Eckert, der auch für den Weinberg verantwortlich ist. Man begleite den Wein von Anfang bis Ende, meist über ein Jahr lang. „Wenn wir im Februar rausgehen, haben wir noch Handschuhe und Mützen auf“, erzählt er. Bis zur Weinlese sei dann meist vieles passiert. Wer den Wein so lange begleitet, identifiziert sich irgendwann auch damit. „Viele Mitglieder sagen dann oft ‚unser Wein‘ oder ‚unser Weinberg‘“, sagt Reiber.
Die Gemeinde gibt die Lese frei
Herbstsatz
Laut Kelterordnung aus dem Jahr 1918 muss der Verein auch heute noch den Plochinger Gemeinderat darüber unterrichten, dass die Weinlese beginnt. Die Gemeinderatsmitglieder geben dann in einem fast schon feierlichen Akt die Lese frei.
Herbstbesen
Im Rahmen des Plochinger Herbsts veranstalten die Vereinsmitglieder am 4. und 5. Oktober den alljährlichen Herbstbesen im Vereinsheim in der Kronenstraße 3/1.
Erlös
Ein Teil des Gewinns aus dem Verkauf des Hansenweins wird für laufende Kosten und Neubestockung zurückgelegt. Der Großteil des Erlöses geht jedoch an die Franz-Öchsle-Stiftung, die die Altenhilfe in Plochingen und umliegenden Gemeinden unterstützt.