Krisenrunde: Eltern beklagen die riesige Versorgungslücke bei der Kinderbetreuung in Ostfildern. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Mehr als 400 Plätze fehlen bei Kinderbetreuung in Ostfildern. Die Eltern wollen diese massive Versorgungslücke nicht hinnehmen und fordern die Stadt zum Handeln auf.

OstfildernVielen Dank im Voraus für Ihr Verständnis und Ihre Mithilfe“ – so endet eine Mitteilung an mehrere Hundert Eltern aus Ostfildern, die die Stadtverwaltung mit „Rückmeldung zu Ihrer Vormerkung“ überschrieben hat. Es ist eine Nachricht, die viel Zündstoff birgt und in den vergangenen Tagen erhebliche Unruhe bei jungen Familien ausgelöst hat. Denn es ist eine Absage, mit der viele nicht gerechnet haben: Die Stadt kann ihnen auf absehbare Zeit keine Plätze für die Kinderbetreuung anbieten. Mehr noch: Wann etwas frei wird, lässt sich im Augenblick nicht sagen. „Wir haben einen massiven Personalmangel“, nennt OB Christof Bolay als Hauptgrund für die Misere. Es sei schwieriger denn je, Fachkräfte für die Kinderbetreuung zu finden.

Das sei ihnen bewusst, sagt Sabrina Werner, eine von mehreren Müttern, die sich in ihrer Not an die EZ gewandt haben. Was sie der Stadtverwaltung vorwerfen, ist vor allem mangelhafte Kommunikation. Außerdem erwarte man sich „wenigstens ein Signal, wann sich die Situation bessert und wann wir verlässlich einen Platz bekommen“. Das sei nicht möglich, so Bolay. In der Vergangenheit sei die Stadt häufig kritisiert worden, weil die Absagen sehr spät gekommen seien. Diesmal habe man den anderen Weg gewählt und habe frühzeitig auf die Defizite hinweisen wollen, sagt der Rathauschef. „Vielleicht hätten wir mehr betonen sollen, dass wir diese Nachricht vorsorglich verschickt haben.“

„Wir fühlen uns so ohnmächtig“

Die Eltern geben sich mit dieser Auskunft nicht zufrieden. Laura Güttler nennt Bolays Begründung „fadenscheinig“. Nach ihren Recherchen gebe es im Scharnhauser Park lediglich in der Kindertagesstätte Baumhain zwei unbesetzte Stellen. Sie wundert sich, dass in der aktuellen Stadtrundschau keine Stellenanzeige für Erzieher zu finden sei. Weil es nach wie vor einen starken Zuzug von jungen Familien in den Scharnhauser Park gibt, sei zu befürchten, dass sich die Situation weiter verschlechtert. Mittlerweile könne nicht einmal für Kinder mit vier Jahren ein Kita-Platz garantiert werden. Mit ihrem Mann ist die Gymnasiallehrerin 2014 in Ostfilderns jüngsten Stadtteil gezogen – im festen Glauben, eine gute Entscheidung getroffen zu haben, zumal die Stadt ausdrücklich mit ihrer Familienfreundlichkeit werbe. Mittlerweile haben Güttlers einen zweieinhalbjährigen Sohn und eine Tochter, die ein Jahr alt ist. Spätestens im September 2020 möchte Laura Güttler wieder in ihrer Schule in Stuttgart unterrichten. Aber im Augenblick sieht es nicht danach aus, als ob sich ihr Plan von einer Rückkehr ins Berufsleben realisieren ließe. Denn sowohl für ihren Sohn als auch für die Tochter hat sich eine Absage erhalten. „Wir fühlen uns so ohnmächtig“, sagt sie. „Man kann nichts planen.“ Alternativen für eine Betreuung sieht die Familie nicht. Überall hat man ihnen gesagt, dass es keine freien Plätze gibt. Und die Option, eine Tagesmutter zu engagieren, kommt für sie nicht in Frage. „Dann müsste sich unser Kleiner noch mal umgewöhnen.“ Die Förderung zusammen mit Gleichaltrigen sei ihr wichtig, sagt Güttler. Deswegen wolle sie von Anfang an einen Kindergartenplatz. „Das ist doch etwas Selbstverständliches. Und darauf haben wir auch einen Anspruch“, sagt die Gymnasiallehrerin. Mit ihrem Mann möchte sie die Sache von einem Anwalt klären lassen. „Unser Problem ist, wir können nicht einmal sicher sein, dass wir ab September 2020 einen Platz bekommen“, sagt Sabrina Werner. Sie arbeitet als Sozialpädagogin und hat momentan noch die Möglichkeit, ihre zweijährige Tochter dabei zu haben. Aber sie möchte aufstocken und dazu bräuchte sie eine Betreuung bis 14.30 Uhr. Ähnlich geht es Mananja Lai. Ab Ende März braucht sie einen Platz für ihren Dreijährigen. Nicht nur für die Familie sei das wichtig, sondern auch für das Kind selbst, betont sie. Ebenfalls vor große Probleme ist Judith Straub aus Scharnhausen durch die Absage der Stadtverwaltung gestellt. Ihren Job in einer PR-Agentur kann sie nur ausüben, wenn sie für ihre beiden Zwillinge, die im Januar drei werden, einen Kindergartenplatz bekommt. „Diese Unsicherheit ist für die ganze Familie extrem belastend“, sagt Straub. „Es ist eine Schande, dass sich die Stadt so wenig um das Problem kümmert.“ Antje Kniesberg, Ärztin und Mutter, hält es für inakzeptabel, „dass man uns nicht die Spur eines Lösungsansatzes aufzeigt. Und wenn es für eine Übergangszeit wenigstens Container wären.“

Keine Abstriche bei der Qualität

Nach Auskunft der Verwaltung sind allein in den städtischen Kitas 16 Fachkraftstellen unbesetzt, davon sieben im Scharnhauser Park und sechs Stellen in der Schulkindbetreuung. Man habe in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen und viel investiert, um die Situation zu verbessern. Seit Jahren gebe es auch eine Bedarfsplanung. Diese basiere auf mittelfristige Prognosen, die aber nie eine hundertprozentige Sicherheit gewährleisten könnten. Laut OB Bolay beruht die gegenwärtige Lücke auch darauf, dass man landesweit von einer niedrigeren Bedarfsquote ausgegangen sei. Das Hauptproblem sei aber der eklatante Fachkräftemangel. Leute mit weniger Qualifikation einzustellen, kommt für ihn nicht in Frage. „Wir setzen auf Qualität, weil wir gerade in diesem Bereich eine hohe Verantwortung haben.“

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