Bernhard Pörksen Foto: Hassiepen - Hassiepen

Der öffentliche Diskurs wird immer respektloser. Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen weist in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ Wege aus der kollektiven Erregung.

EsslingenWenn sich Professor Bernhard Pörksen in unserer modernen Medienwelt umschaut, registriert er einen „kommunikativen Klimawandel“. Die Digitalisierung liefert uns alle erdenklichen Informationen frei Haus, doch diese Flut hat einen Nachteil: Verlässliche Fakten stehen gleichberechtigt neben dem größten Unfug. Wegweiser, die helfen, den Überblick zu behalten, sind rar. Wer wahrgenommen werden will, versucht häufig, lauter, schriller und spektakulärer zu sein als andere. Dass das auf Kosten von Wahrheit und Moral geht, nehmen viele gerade in sozialen Medien billigend in Kauf – schlechte Vorbilder gibt es genug. Die Folgen zeigt Bernhard Pörksen in seinem neuen Buch „Die große Gereiztheit“ (Hanser Verlag, 22 Euro). Der Tübinger Medienwissenschaftler begnügt sich nicht nur mit einer klugen Analyse – er zeigt auch die Folgen der medialen Irrungen und Wirrungen auf. Und er erläutert, wie die „Empörungsdemokratie“, die schleichend, aber effektiv die „Mediendemokratie“ abgelöst hat, wieder in ihre Schranken zu weisen wäre. Darüber spricht Pörksen am 17. November in der Druckhalle des Bechtle-Verlagshauses in der Zeppelinstraße.

Pörksen, der den Titel seines neuen Buches einer Kapitelüberschrift in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ verdankt, zeigt anhand konkreter Beispiele, was schief läuft: Fake-News, die die Meinungen von Millionen Facebook-Nutzern prägen, gedankenlos veröffentlichte Intimitäten, die ganze Existenzen zerstören können, und ein Hang zu immer grelleren Themen und Darstellungsformen. So sind wir nach Pörksens Einschätzung „der Gesamtgeistesverfassung der Menschheit“, der wir dank der zunehmenden Internet-Fixierung immer weniger entgehen können, schutzlos ausgeliefert, während wir angesichts einer zunehmend unkalkulierbaren Welt immer nervöser nach Fixpunkten und Wahrheiten suchen. Der Medienwissenschaftler weist in seinem Buch auch „Wege aus der kollektiven Erregung“: Weil jeder heute zum Nachrichtenproduzenten werden kann, müssten journalistische Standards für alle gelten. Pörksens Vision ist eine „redaktionelle Gesellschaft“ in der jeder genügend Medienkompetenz besitzt, um verantwortungsbewusst beurteilen zu können, was relevante, glaubwürdige, publikationsreife Informationen sind – und was besser nicht veröffentlicht werden sollte. adi

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