Ingrid Poppe inmitten eines kleinen Teils des Tafel-Teams beim Sortieren der geretteten Lebensmittel. Foto: LICHTGUT

Ingrid Poppe hat über 20 Jahre die Rettung von Lebensmitteln und deren Verkauf an bedürftige Menschen gemanagt. Jetzt geht sie in den Ruhestand.

Bei der Abschiedstour durch die Tafelläden gibt es manches feuchte Auge: Ingrid Poppe hat über 20 Jahre lang den Verein Schwäbische Tafel wie einen Tanker durch alle Stürme manövriert. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Mehrmals war der Verein in Gefahr wie die Titanic zu enden, doch immer wieder wurde alles gut, dank des Improvisationstalents der Kapitänin Ingrid Poppe. Zum Beispiel als sie eine ganze Fahrzeugflotte praktisch aus dem Nichts zaubern musste. Die Schwäbische Tafel nutzte ursprünglich ausrangierte Postautos, um nicht verkaufte Lebensmittel bei den Märkten und Einzelhändlern einzusammeln. Als die Stadt die grüne Umweltplakette für alle Kraftfahrzeuge einführte, bedeutete dies das Aus für die alten Posttransporter in Stuttgart. Mit Hilfe vieler Spenden schaffte Ingrid Poppe es, gerade noch rechtzeitig den Fuhrpark zu erneuern – mit Fahrzeugen, die den geforderten Umweltstandards entsprachen.

Plötzlich 90 Mitarbeiter weniger

Auch die Änderungen im Bundesteilhabegesetz vor für Langzeitarbeitslose und für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr Fuß fassen können, brachte vor rund fünf Jahren den Verein in erhebliche Schwierigkeiten. „Plötzlich hatten wir 90 Mitarbeiter weniger“, erinnert sie sich. Der zweite Schlag folgte sogleich: Die Stadt Stuttgart strich die Förderung der Arbeitsgelegenheiten, die über das Jobcenter angeboten werden. Wieder fielen dadurch 70 Helfer und Helferinnen in den Tafelläden weg. „Das konnten wir aber auffangen“, erzählt Ingrid Poppe stolz. Der Verein konnte eine geförderte Stelle für eine Ehrenamtsbeauftragte schaffen, und siehe da: Die meisten der 70 Menschen, die nun keine amtlich betreute Arbeitsgelegenheit bei der Tafel mehr hatten, kamen als Ehrenamtliche zurück, weil sie durch die neue Mitarbeiterin die Unterstützung bekommen, die sie benötigen, zum Beispiel bei Fragen und Problemen mit der Bürokratie.

Kompass steht auf Menschlichkeit

Das rührt Ingrid Poppe bis heute. „Respekt davor, was diese Leute zustande bringen - Leute, denen man in der Öffentlichkeit nichts zutraut.“ Bei der Tafel haben sie nun wieder eine Aufgabe, und die ist mehr als nur ein Job. Es ist mehr eine Tafelcommunity, die immerhin 460 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat, so sieht das Ingrid Poppe. „Unser Kompass war immer auf die Menschlichkeit gerichtet“, betont sie. „So viel Zuversicht wie heute, hatte ich früher nicht. Die habe ich hier gewonnen, durch unsere Arbeit, Lebensmittel zu retten und durch die Menschen, mit denen ich hier zusammen arbeite.“

Bevor sie vom legendären Pfarrer Martin Fritz, dem Gründer der Tafel, als kaufmännischer Profi ins Team geholt wurde, war sie Filialleiterin im Einzelhandel und hatte eine Umschulung zur Speditionskauffrau draufgesetzt, just bevor sie die neue Aufgabe bekam. „Beim Bewerbungsgespräch hat sich bei mir eine kleine Flamme für die Tafel entzündet, daraus wurde ein Feuer, und das brennt bis heute“, erzählt sie. Anfangs hatte sie befürchtet, dass das alles ziemlich traurig werden könne: Lebensmittel retten, die keiner mehr haben will. Die Zusammenarbeit mit Menschen, die weshalb auch immer, gestrandet waren.

Täglich kommen 2000 Kunden

Dann kam alles ganz anders: „Ich habe hier gelernt wie viel Hilfe möglich ist, wie viel bürgerschaftliches Engagement es gibt. Hier habe ich tatsächlich gelernt, an das Gute im Menschen zu glauben,“ sagt sie nach 20 Jahren Tafel-Management. Das begann damit, dass sie Lieferscheine entwerfen musste, dass sie Fahrtenbücher mit Symbolen entwarf, die auch von Fahrern ausgefüllt werden können, die nicht gut Deutsch sprechen. „Es war ja nichts da, als ich angefangen habe“, sagt sie. Auch für andere Tafeln in Baden-Württemberg hat sie logistische Aufgaben übernommen.

Ins Herz geschlossen hat sie auch die Kundschaft: Rund 2000 Menschen warten täglich vor den Türen der vier Tafelläden, um günstige Lebensmittel zu ergattern. „Wer hier ansteht, macht das nicht freiwillig“, weiß Ingrid Poppe. „Man glaubt es nicht, aber hier geht es schon um zehn Cent bei der Kaufentscheidung“, das hat sie immer wieder beobachtet. Und noch etwas: „Wer hier einkauft, kann kochen. Es geht gar nicht anders, denn wir haben keine Fertiggerichte. Wenn wir eine Paprikaschwemme haben, dann wird das Gemüse zuhause eingelegt, eingekocht oder eingefroren. Die Leute wissen, wie man haushaltet.“

Freuen auf die freie Zeit

Sie selbst ist keine Freundin aufwendiger Rezepte: „Ich koche gerne mit fünf Zutaten, mehr ist mir zu viel Aufwand - und ich esse auch mal drei hintereinander dasselbe. Es wird nichts weggeworfen.“

Jetzt freut sie sich darauf, im Ruhestand ohne Zeitdruck zu leben und sich mehr um ihre betagte Mutter kümmern zu können. Hilli Pressel, ihre bisherige Stellvertreterin wird ihre Nachfolgerin als Geschäftsführerin der Schwäbischen Tafel. Vielleicht, so überlegt Ingrid Poppe, sucht sie sich eine neue ehrenamtliche Aufgabe – und das könnte sogar bei der Tafel sein.