Der Esslinger Wasserball-Bundesligist verliert gegen das Kellerteam SG München nach einer 8:1-Führung noch mit 16:17 nach Fünfmeterwerfen. Danach herrschen Ratlosigkeit und Ärger.
Irgendwann sah Gerhard Dierolf den Zeitpunkt gekommen, aktiv zu werden. Doch die legendären „SSV, SSV, SSVEEEE“-Anfeuerungsrufe des Trainer-Urgesteins und Edelfans der Bundesliga-Wasserballer des SSV Esslingen half auch nicht mehr. Der SSVE, immerhin Tabellenführer der B-Gruppe der Liga, brachte tatsächlich das Kunststück fertig, gegen den Vorletzten SG München eine 8:1-Führung aus der Hand zu geben und mit 16:17 (4:0, 4:2, 3:5, 1:5, 4:5) nach Fünfmeterwerfen zu verlieren. Die Mannschaft ließ damit die Reife für eine etwaige Rückkehr in die A-Gruppe vermissen. Das Hinspiel war genau anders herum ausgegangen.
Selbst die Münchner, die ohne ihren bei einer Trainerschulung weilenden Coach Ivan Mikic angereist waren, konnten kaum glauben, was ihnen da widerfahren war. „Wir sind durch Kampfgeist und nichts anderes zurückgekommen“, sagte Kapitän und Antreiber Marko Ristic und strahlte wie ein Kind, das gerade das Weihnachtsgeschenk ausgepackt hatte, auf das es seit Monaten gehofft hatte. Esslingens Coach Miklos Barothy dagegen rang mit der Fassung. „Ich hoffe, dass diese zwei Punkte am Ende nicht fehlen“, sagte er – nachdem er zuerst seiner Ratlosigkeit, dann seiner Enttäuschung und dann seinem Ärger über die Mannschaft freien Lauf gelassen hatte. Das 12:12-Unentschieden am Ende der regulären Spielzeit brachte zumindest einen Zähler.
„Immer wieder die gleichen Spieler“ würden in manchen Situationen falsch agieren, schimpfte er. Schon während des Spiels hatte er dies ihnen am Beckenrand kund getan. Bereits an den letzten drei Trainingstagen vor dem Spiel habe er ein ungutes Gefühl gehabt und die SSVE-Wasserballer davor gewarnt, nach einem möglichen Vorsprung nicht nachzulassen. Barothy muss sich vorgekommen sein wie der Rufer in der Wüste. „Die Mannschaft kann mit einer Führung nicht umgehen“, erklärte der Coach. Die erstaunten Zuschauer hatten es zu sehen bekommen. Barothy war aber auch selbstkritisch. „Es kann sein, dass ich mit meiner Rotation Fehler gemacht habe“, sagte er – und leitete daraus auch seine Enttäuschung über den Auftritt der Spieler aus der zweiten Reihe ab. Überhaupt sei nach dem Seitenwechsel kein Mannschaftsspiel inklusive der Umsetzung des taktisch Besprochenen mehr zu erkennen gewesen.
Münchner entdecken ihr Kämpferherz
In den ersten zwei Spielvierteln sah es nach einem Samstagnachmittagsspaziergang der Esslinger aus. Schnell führten sie mit 3:0, später mit 7:0. Doch der nun zu erwartende Langweiler – es spielte ja der Erste gegen den Vorletzten – wurde es nicht. Die Münchner gaben nicht auf und entdeckten nach dem ersten Nachlassen der Esslinger ihr Kämpferherz. „Wir sind stark und konzentriert ins Spiel gekommen. Dann waren wir uns vielleicht zu sicher“, lautete der Erklärungsversuch von SSVE-Kapitän Valentin Finkes.
Die Münchner, die in der Schlussphase auch frischer als die Esslinger wirkten, erzielten den einen oder anderen – von der lässigen SSVE-Abwehr begünstigten – leichten Treffer und hatten in der einen oder anderen Situation Glück mit einem Pfiff. Wobei die unsicheren Schiedsrichter Bastian Kaiser und Kai Melis zuvor Esslingens Rückkehrer Emmanouil Petikis ein Tor zugesprochen hatten, obwohl der Ball an den Pfosten und nicht ins Netz gegangen war. Auch das ist nicht alltäglich. Die SG kam auf 10:11 heran, Gergö Marnitz traf zum vermeintlich beruhigenden 12:10 für die Esslinger, doch Luc Hirte und Ristic glichen zum 12:12 aus. Im zweiten Durchgang des Fünfmeterwerfens vergab schließlich Marnitz und Wladimir Wiesner, der beim ersten Versuch noch verworfen hatte, ließ die Münchner jubeln.
Barothy wird nun schauen, dass er seinen Ärger gründlich verrauchen lässt. „Ich werde das Spiel analysieren und versuchen, Ordnung in die Köpfe der Spieler zu bekommen“, sagte er im Hinblick auf die nächste Heimpartie am kommenden Samstag (16 Uhr) gegen Bayer Uerdingen. Gerhard Dierolf wird es vermutlich wieder beobachten. Und vielleicht ein bisschen früher eingreifen.
SSV Esslingen: Wildner, Saracut; Szöke (1), Petikis (3), Finkes (3), Dzaja (1), Seifert, Robin Rehm (2), Simon Rehm, Marnitz (3), Papadopoulos (3), Kende, Keresztes.
SG München: Steiner; Perschthaler, Curty Moreno (3), Wiesner (2), Katona, Jovanic (2), Ristic (3), Eördögh (1), Omar Ashraf, Berardi Vittur (2), Ceruti (1), Hirte (1), Roman Ramirez (2).
Schiedsrichter: Bastian Kaiser / Kai Melis.
Zuschauer: 150.
Beste Spieler: Papadopoulos / Ristic, Roman Ramirez.