Lustiges Kerlchen? Wer Waschbären im Dachgeschoss hat, dem vergeht schnell das Lachen. Foto: Jochen Lübke/dpa

2000 Euro Strafe für eine leere Falle – in Backnang helfen jetzt Stadtjäger bei Waschbär-Problemen. Sie dürfen, was andere nicht dürfen. Gratis ist das nicht.

2000 Euro Geldbuße – für eine leere Falle: Ein Grundstücksbesitzer in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) wollte einen Waschbären loswerden und stellte in Eigenregie eine Lebendfalle auf. Diese war nicht zugelassen, der Mann nicht befugt – ein klarer Verstoß gegen das Jagdrecht. Obwohl kein Tier gefangen wurde, verhängte der Richter die empfindliche Strafe. Der Fall zeigt, wie streng der Umgang mit Wildtieren geregelt ist – und wie teuer es werden kann, selbst zur Tat zu schreiten.

Privatleute dürfen keineFallen aufstellen

In Backnang (Rems-Murr-Kreis)will man solche Situationen vermeiden – durch ein eigenes Stadtjäger-Team: vier erfahrene, besonders geschulte Jäger, ausgestattet mit Know-how und der nötigen Ausrüstung. Sie können bei Bedarf gerufen und beauftragt werden – von der Stadt, der Polizei oder privaten Grundstücksbesitzern. Wer Waschbären, Marder und Co. im Haus, Schuppen oder Garten entdeckt und die ungebetenen Gäste loswerden möchte, kann sich an die Profis wenden. Doch auch hier gilt: Nicht jeder Fall erlaubt sofortiges Fangen.

Waschbären: erst putzig, dann Plage

Waschbären galten früher als seltene Exoten – heute sind sie vielerorts zur Plage geworden, schildert Backnangs Oberbürgermeister Maximilian Friedrich. Auch in Backnang häuften sich die Problemfälle, wie Stadtjäger Francesco Basanisi bestätigt: Acht Tiere hätten sich auf einem Dachboden in einem leer stehenden Haus am Plattenwald eingenistet, die Gefache verkotet, Dämmwolle aufgefressen und einen Schaden von rund 45000 Euro angerichtet.

Stadtjäger und Stadtverwaltung: Volker Schwörer, OB Maximilian Friedrich, Christian Klumpp, Stadtkämmerer Alexander Zipf und Francesco Basanisi (v.l.). Nicht im Bild ist Markus Laiblin. Foto: Chris Lederer

Es muss nicht immer so teuer werden, doch die invasiven Bären bedeuten auch für Menschen und Haustiere eine Gefahr für die Gesundheit: nicht selten tragen die Waschbären Parasiten wie Spulwürmer oder Krankheiten wie Staupe mit sich. Neben anderen Kommunen im Landkreis setzt nun auch Backnang auf ein professionelles Modell mit vier Stadtjägern. „Die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt und die Stadtjäger kommen schnell, wenn sie gerufen werden, das erhöht den Service und baut Bürokratie ab“, erklärt der Oberbürgermeister.

Stadtjäger kommen nur, wenn sie gerufen werden

Das Stadtjäger-Team hilft künftig, wenn Wildtiere zur Belastung werden. Zum Einsatz kommen sie, wenn Waschbären in Häuser eindringen, Marder Schäden anrichten oder Füchse sich auffällig verhalten. „Wir laufen nicht Streife, sondern kommen nur, wenn wir gerufen werden“, erklärt Basanisi, der mit seinen Kollegen Markus Laiblin, Volker Schwörer und Christian Klumpp im Einsatz ist. Nicht zuständig seien die vier bei Ratten, Mäusen oder Singvögeln.

Stadtjäger Volker Schwörer stellt eine Lebendfangfalle auf – für Privatleute sind Fallen tabu. Foto: Gottfried Stoppel

Die Einsätze sind kostenpflichtig – die Stadt übernimmt keine Kosten. Die Beauftragung erfolgt immer durch den Grundstückseigentümer selbst. Die Stadtjäger rechnen transparent ab. Eine Beratung kostet 50 Euro, ein typischer Einsatz mit Fang eines Waschbären liege bei durchschnittlich 150 Euro. Der genaue Preis hänge von mehreren Faktoren ab und könne steigen, wenn die Falle mehrfach durch Fehlalarme ausgelöst wird – etwa durch Nachbars Katze oder einen Igel. „Wir nutzen nur Lebendfangfallen, die mit Kameras ausgestattet sind.“ Stadtjäger dürfen in der Regel nicht einfach überall Fallen aufstellen. Bevor sie ein Tier fangen dürfen, verlangt das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz Baden-Württemberg, dass zunächst Präventionsmaßnahmen wie unter anderem Vergrämung versucht werden – also gezielte Methoden, um bereits anwesende Tiere zu vertreiben. Dazu gehören je nach Tierart beispielsweise Licht- oder Tonabschreckung oder abwehrende Geruchsstoffe.

Erst vergrämen, dann fangen

„Wir müssen im Zweifel nachweisen, dass wir es erst mit Vergrämung versucht haben – sonst riskieren wir rechtliche Probleme“, erklärt der Stadtjäger Volker Schwörer. Wie viele seiner Kollegen fordert er deshalb eine Anpassung des Gesetzes: Invasive Arten wie der Waschbär sollten im Stadtgebiet ohne Umweg über die Vergrämung gefangen werden dürfen. Denn: „Ein vergrämter Waschbär sorgt im urbanen Raum ein paar Straßen weiter für den nächsten Ärger.“

Nicht die Dokumentation selbst bereite Probleme – das praktische Dilemma entstehe durch die gesetzlich vorgeschriebene Prävention. Stadtjäger dürften invasive Arten nur dann fangen, wenn Präventionsmaßnahmen zuvor nachweislich gescheitert seien. Würden dennoch mehrere Tiere an einem Ort gefangen, werteten Behörden das mitunter als Hinweis darauf, dass nicht ausreichend vergrämt worden sei.

Stadtjäger fordern Gesetzesänderung

„Das ist die schwierige Lage, in der wir derzeit arbeiten müssen“, sagt Schwörer. „Wenn wir an einem Ort mehrere Tiere fangen, entsteht schnell der Eindruck, wir hätten nicht genug vergrämt. Dabei erleben wir in der Praxis häufig, dass Vergrämung bei solchen Populationen kaum noch Wirkung zeigt.“

Die Stadtjäger fordern daher eine realistischere gesetzliche Grundlage für urbane Räume – insbesondere bei verwilderten oder leerstehenden Grundstücken, auf denen Prävention faktisch kaum möglich ist. OB Maximilian Friedrich unterstützt die Forderung nach einer Gesetzesänderung: „Wir brauchen für den urbanen Raum praktikable Regeln. Die Stadtjäger leisten wichtige Arbeit, aber wir dürfen sie nicht mit Bürokratie lähmen.“

Was können Bürger selbst tun, um Waschbären fernzuhalten? Sie sollten Mülltonnen sichern, beispielsweise mit Riegeln oder einer Steinplatte, Kompost abdecken und keine Küchenreste offen lagern. Auch Katzenfutter sollte abends weggeräumt werden. Fallrohre lassen sich mit Blechmanschetten verkleiden, Dachzugänge abdichten. „Wenn die Tiere einmal Futter gefunden haben, kommen sie wieder – und bringen Freunde mit“, sagt Stadtjäger Basanisi. Und dann werde aus dem scheinbar putzigen Besucher schnell ein größeres Problem.



Infos Weitere Informationen, Kontaktdaten und ein Online-Formular finden sich unter: www.ihr-stadtjaeger.de.