Viele finden ihn niedlich – bis er das Haus verwüstet oder Krankheiten einschleppt. Die Waschbär-Krise im Rems-Murr-Kreis hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Wie konnte es so weit kommen?
Sie kommen nachts, geräuschlos und maskiert. Auf leisen Pfoten dringen sie in Dachstühle ein, plündern Teiche, durchwühlen Gärten – und lassen eine Spur aus Kot, Kratzern und Frust zurück. Die Rede ist nicht von Einbrechern, sondern von Waschbären. Einst aus Pelzfarmen entflohen, haben sich die nachtaktiven Räuber längst in den Siedlungsräumen des Rems-Murr-Kreises eingerichtet. Jetzt formiert sich Widerstand.
Wie das Landratsamt Rems-Murr mitteilt, spitzt sich die Lage zu: Die Population der invasiven Kleinbären wächst rasant. Fast 1300 Tiere wurden im Jagdjahr 2022 allein im Kreis erlegt – Tendenz steigend. Zusammen mit dem Ostalbkreis machen diese beiden Landkreise rund 42 Prozent der sogenannten Gesamtstrecke, also die Zahl der erlegten Tiere in Baden-Württemberg, aus. Und der Frust der Bevölkerung ist spürbar.
Wenn die Natur zu nah kommt
Rund 170 Bürgerinnen und Bürger fanden sich unlängst in der Staufenhalle in Plüderhausen ein – nicht zu einem Dorffest, sondern zu einer Infoveranstaltung, die sich mit den gravierenden Folgen der Waschbärinvasion befasste. Die Berichte aus dem Publikum hatten es in sich: Sechs Waschbären auf einem Grundstück, eine ganze Horde auf dem Dachboden, Zerstörungen an Gärten und Gebäuden. Die Grenze zwischen Natur und Wohnraum verschwimmt – mit spürbaren Konsequenzen. Besonders bitter: Die Kosten für die Bekämpfung und Schäden müssen in vielen Fällen die Eigentümer selbst tragen. „Eigentum verpflichtet“, lautet das Prinzip – doch das sorgt bei vielen für Empörung. Der Ruf nach finanzieller Unterstützung durch Kreis oder Land wird lauter.
Landrat: „Härtere Gangart notwendig“
Landrat Richard Sigel kennt das Problem aus erster Hand: „Der Waschbär stand auf unserer Terrasse und hat, nachdem wir ihn vertrieben hatten, in der Nachbarschaft den Teich ausgeräumt.“ In seiner Rede machte er deutlich, dass Prävention allein nicht mehr ausreiche. Die Gebühren für die notwendige Fallenfanggenehmigung wurden bereits ausgesetzt – doch eine vollständige Kostenübernahme durch die öffentliche Hand könne er nicht zusagen.
Viel entscheidender sei jedoch ein rechtlicher Kurswechsel. Sigel kündigte an, sich erneut mit Nachdruck für die Abschaffung der Schonzeit beim Landwirtschaftsministerium einzusetzen. Sein Appell an Minister Peter Hauk: „Präventive Maßnahmen helfen, lösen aber nicht das Problem.“
Hygieneproblem mit Biss
Die Bedrohung ist nicht nur materieller Natur – sie ist auch gesundheitlich hochbrisant. Wie das Landratsamt gemeinsam mit dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart mitteilt, wurde zuletzt wieder ein Waschbär positiv auf das hochansteckende Staupe-Virus getestet. Insgesamt 45 infizierte Waschbären sowie mehrere Füchse und Marder wurden seit Anfang 2024 im Kreis registriert.
Für Menschen ist das Virus ungefährlich – für ungeimpfte Hunde jedoch potenziell tödlich. Ebenfalls im Gepäck des Waschbären: der Spulwurm Baylisascaris procyonis. Zwei infizierte Tiere wurden bereits nachgewiesen. Der Parasit kann durch Kot auf Terrassen, Spielplätzen oder in Sandkästen landen – und dort beim Menschen schwere neurologische Schäden auslösen. Die Mahnung des Veterinäramts ist klar: Kein Füttern, kein Anfassen – und höchste Vorsicht bei verdächtigem Verhalten.
Kommunaler Handlungsdruck, landesweite Trägheit
Der Rems-Murr-Kreis hat gehandelt – und setzt inzwischen auf ein Netzwerk von 13 Stadtjägern, die nicht nur Tiere entnehmen, sondern auch präventiv beraten. Die Nachfrage ist groß, die Einsatzorte zahlreich: Fellbach, Schorndorf, Weinstadt, Winnenden – die Waschbären machen vor keiner Kommune Halt.
Doch auf Landesebene stockt der Prozess. Der FDP-Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann appelliert in einem Brief an den Landwirtschaftsminister Peter Hauk, die kommunalen Initiativen endlich zu unterstützen. Die Fragen, die er aufwirft, sind drängend: Wird das Land bei der Kostenübernahme helfen? Wird es eine zentrale Anlaufstelle für Neozoen geben – analog zum Wolfsmanagement? Wird die Schonzeit aufgehoben? Antworten gibt es bislang keine.
Zwischen Faszination und Frustration
Der Waschbär bleibt ein ambivalenter Gast: niedlich im Aussehen, zerstörerisch im Verhalten. Die Wildtierbeauftragten des Kreises, Dominic Hafner und Hannah Held, appellieren an die Bevölkerung, aktiv mitzuhelfen. Ihre Tipps: Mülltonnen sichern, Fallobst entfernen, Gebäude abdichten, Licht- und Lärmquellen zur Abschreckung nutzen. Wer vorbereitet ist, könne viele Konflikte vermeiden.
Doch viele fühlen sich alleingelassen – zwischen der Pflicht, ihr Eigentum zu schützen, und dem Fehlen einer einheitlichen, landesweiten Strategie. Die Natur ist in Bewegung – und der Mensch muss lernen, mit ihr neu zu verhandeln.
Was tun bei Sichtung eines auffälligen Wildtiers?
- Tier nicht anfassen
- Abstand halten
- Untere Jagdbehörde informieren
- Außerhalb der Dienstzeiten: Polizei benachrichtigen
- Stadtjäger vermitteln lassen
Kontakt zu den Wildtierbeauftragten:
Telefon: 0 71 51 / 5 01 43 69
E-Mail: forst@rems-murr-kreis.de
Mehr Infos: www.rems-murr-kreis.de