Leute behaupten, man dürfe nicht mehr sagen, was man denkt. Das Gegenteil ist der Fall. Wir reden viel Zeugs, das nie hätte gesagt werden müssen – verschärft in der Politik.
Wenn die Menschen vor sich geschrieben sähen, was sie den lieben langen Tag daherreden, würden sie vor Scham erblassen. Dieser kluge Satz, den ich vor einiger Zeit las, gab mir zu denken. Sieht man davon ab, dass Scham ein seltenes Gut geworden ist, steckt viel Wahrheit drin. Seither nehme ich mir immer wieder mal vor, wenig zu reden, am besten gar nicht. Doch das Schweigen ist selten von Dauer. Davon abgesehen, dass Menschen unterschiedlich temperiert sind, hat das Plaudern und Schwatzen Gründe, die aus grauer Vorzeit herrühren. Schließlich versichern sich auch Tiere durch Lautbildung gegenseitig, dass sie nicht allein sind. So wäre es im menschlichen Umgang mitunter hilfreich, anstatt zu quasseln lediglich ein wenig zu brummen, zu brabbeln oder zu grunzen. Wer erinnert sich nicht mit Schrecken jener verwandtschaftlichen Kaffeerunden oder alkoholseligen Vereinsfeste, wo jeder redet, aber keiner zuhört – und alle einander ins Wort fallen.
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