Auf dem Klo im Esslinger Restaurant Posthörnle gibt es neuerdings Sprüche zu lesen. Was steckt dahinter?
Im Esslinger Restaurant Posthörnle in der Pliensaustraße wird Kunst großgeschrieben: Hier treffen sich Autorinnen und Autoren nach Lesungen, hier setzen Gemälde, Zeichnungen und Fotos in wechselnden Ausstellungen an den Wänden Akzente. Im Sommer laden Küchenchef Heiko Wineberger, die Esslinger Lyrikerin Anna Breitenbach und die Stadtbücherei unter dem Motto „Posthörnle und Poesie“ zu literarischen Genusslesungen. Seit Kurzem erreicht die Kunst nun sogar die Sanitärräume: Anna Breitenbach regt dort an den gekachelten Wänden mit kurzen Texten zum Schmunzeln und zum Nachdenken an.
Posthörnle-Chef Heiko Wineberger liegt nicht nur die gehobene Küche, sondern auch die Kunst am Herzen: „Bei uns können Künstler ihre Arbeiten präsentieren. Es ist doch schade, wenn Kunst zuhause in der Schublade liegt oder nur im stillen Kämmerlein hängt.“ Max Kühl, Foto-Künstler und Freund des Hauses, der immer wieder im Service mit anpackt, hat beobachtet, dass sich die Gäste aufs Essen oder auf die Unterhaltung am Tisch konzentrieren: „Für Bilder haben sie zwischendurch immer wieder einen Blick. Mit Texten wird das aber schwierig, denn ein Text braucht mehr Zeit als ein Bild, um wahrgenommen zu werden“, sagt er.
Und weiter: „Da kamen wir auf die Idee: Auf der Toilette sind die Menschen alleine, warum nicht dort die Leute mit Texten konfrontieren, wo sie es überhaupt nicht erwarten?“ Die Texte von Anna Breitenbach seien für die Aktion sehr gut geeignet: „Sie sind ein bisschen herausfordernd und manchmal frech, sie hat eine ganz eigene Art von Humor, da kommt jeder lächelnd raus“, so die beiden Initiatoren.
Lyrik auf dem Klo im Posthörnle
Als Wineberger und Kühl mit ihrem Vorschlag anklopften, war Anna Breitenbach sofort begeistert und reimte spontan: „Lyrik aufm Klo? Das ist überhaupt nicht unter meinem Niveau. Ich bin ja Performerin, jeder Text, der unter die Leute kommt, ist gut und richtig“, erzählt die Wort-Aktivistin, die ihre Gedichte auch in der S-Bahn, in Schaufenstern, an Pinnwänden, auf Vespertüten, mit einer Wortwaschmaschine, in poetischen „Futterspendern“ oder in einer Kiste als „Poetry to Go“ präsentiert.
„Meine Gedichte sollen zu den Menschen, es sind ‚brauchbare Gedichte‘“, betont sie. Darüber hinaus erzählt sie von einer Freundin, die beim Restaurantbesuch die Toilette als stillen Rückzugsort genießt, um nach einem angeregten Gespräch oder einer hitzigen Diskussion kurz mal durchzuschnaufen und wieder zur Ruhe zu kommen. Da gibt’s nun auf dem Posthörnle-Klo kleine dichterische Impulse und witzig-lyrische Erkenntnisse gratis mit dazu.
Heiko Wineberger, Max Kühl und Anna Breitenbach haben gemeinsam an der Idee gesponnen und sie umgesetzt. Die Dichterin hat passende Texte aus ihrem Fundus herausgesucht und einige neue verfasst. Passend zu ihren „Love-Shots“ genannten ultrakurzen Liebesgedichten, die sie als Buch veröffentlicht hat, hat sie nun unter dem Titel „Klo-Shots“ Lyrik-Minis für den Lokus zusammengestellt. Gemeinsam wurde überlegt, was wo und wie platziert wird. „Als Frau kenne ich mich mit Pissoirs ja nicht aus. Also habe ich ganz pragmatisch gefragt: Wo guckt der Mann hin? In welche Höhe müssen wir den Schriftzug kleben?“, sagt Anna Breitenbach und grinst.
Esslinger Restaurant – mehr als nur essen
Max Kühl, der Gestaltung studiert hat, sorgte für die passenden Schriften und die Umsetzung in praktische Folienbuchstaben. Und gemeinsam mit Sommelier Dominic Wienholtz haben Max Kühl und Heiko Wineberger eines Nachts, nachdem der letzte Gast gegangen war, bis in die frühen Morgenstunden die Breitenbachschen Aphorismen an den Wänden angebracht.
Die kleine Damentoilette bietet nur Platz für ein ebenso selbstbewusstes wie Mut machendes „Bin schön – für mich“ direkt unter dem Klopapier-Vorrat. Dafür ist der Spiegel im Vorraum mit einem längeren Gedicht über Identität und Selbstwahrnehmung gestaltet, wobei sich der in kurzen Zeilen umlaufende Text in einer effektvollen Doppelung im Spiegelbild auflöst. Dass die stillen Örtchen im Posthörnle klein sind, passe perfekt zum grundlegenden Prinzip ihrer Lyrik, betont Anna Breitenbach: „Reduziert und weniger, aber mit Wirkung. Das ist besser als zu viel und überladen.“
So heißt es auf dem Spiegel im Waschraum der Herren lapidar „Junge, Junge!“. In der Ecke fragt ein Text von oben herab kess: „Was machen Sie denn da?“ Und augenzwinkernd wird über den Pissoirs konstatiert: „Schwere Jungs wollen’s auch mal leichter haben.“ Einen Text über Abraham Lincoln hat Anna Breitenbach extra für die Aktion neu geschrieben, „weil der Name sich so schön auf ‚Pinkeln‘ reimt“, gesteht sie lachend. Nachdem man auf dem stillen Örtchen in der Regel für sich allein ist, kann man nun im Posthörnle ob der humorvollen Sentenzen entweder still und heimlich vor sich hin schmunzeln oder sich – an den Tisch zurückgekehrt – mit seiner Restaurant-Begleitung über die Klo-Sprüche austauschen.
Sprüche für das stille Örtchen
WC-Kunst
„Klo-Sprüche“ als geschriebene oder gemalte Kritzeleien auf öffentlichen Toiletten haben sogar einen eigenen Eintrag in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, werden wissenschaftlich untersucht und als Materialsammlung, in Bildbänden oder auf Instagram-Accounts veröffentlicht. Archäologische Ausgrabungen in Pompeji zeigen, dass es bereits in der Antike Klo-Sprüche, sogenannte „Latrinalia“, gab.
Anna Breitenbach
Die Lyrikerin (Jahrgang 1952) ist in Hessen geboren, hat Germanistik und Politikwissenschaft studiert und die Journalistenschule München absolviert. Sie hat für Rundfunk und Zeitungen gearbeitet, hat Kabarett, Slam-Poesie und Video-Performances gemacht. Als Autorin hat sie neben ihrem 2001 mit dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichneten Roman „Fremde Leute“ Lyrik, Fundgeschichten, erotische Gedichte und Frauengeschichten veröffentlicht. Weitere Informationen unter www.annabreitenbach.de.
Posthörnle
An den Sonntagen 14. und 28. Juni sowie 12. und 26. Juli gibt es ab 11 Uhr die literarischen Genusslesungen „Posthörnle und Poesie“ in Esslingen (Pliensaustraße 56). Anmeldung unter 0711 – 506 291 31 oder unter info@posthoernle.de.