Imposant, aber keine „Burg“: die Befestigungsanlage hoch über Esslingen mit dem Dicken Turm um 1870. Foto:  

Eine Burg in Esslingen. Die Vorstellung hat was. Aber sie ist falsch. Eine echte Burg hat es hier nie gegeben. Dafür eine Anlage mit historischem Zündstoff.

Fake oder Fakt? Über Esslingen wird viel geredet. „Sag mal, den Steg zwischen den Türmen von St. Dionys. Benutzte den nicht der Türmer für den Toilettengang?“ Oder: „Marktplatz? Ach, da wurden im Mittelalter bestimmt Lebensmittel verkauft?“ Und: „Wo haben denn am Hafenmarkt die Schiffe angelegt?“ Unsere Zeitung beschäftigt sich in diesen Tagen mit einigen dieser Vorstellungen über Esslingen, die manchmal richtig, manchmal aber auch falsch oder nur halbrichtig sind. Hier geht es um die Esslinger Burg. Ist sie wirklich eine?

Zugegeben – die Vorstellung hat einen Hauch verklärender Romantik. „Esslinger Burg“ – das weckt die Vorstellung von edlen Fräulein. Von Minnesängern mit schmachtenden Weisen. Von edlen Rittern und Recken ohne Furcht und Tadel. Doch Christiane Benecke von den Städtischen Museen Esslingen muss Wasser in den Wein gießen. Solche Fantasien sind eben das – Fantasien.

Burgähnlich vielleicht. Aber eine Burg? Das Esslinger Wahrzeichen war nie Sitz eines Adelsgeschlechts oder eine bewohnbare Befestigungsanlage, Foto: Roberto Bulgrin

Adlige Damen und hochherzige Ritter hat es hier nie gegeben. Bei der Esslinger „Burg“ handelt es sich lediglich um eine Burg in Anführungsstrichen. Denn Christiane Benecke muss alle schön klingenden, nostalgischen Visionen ausbremsen: Nördlich des mittelalterlichen Esslingens, sagt sie, erhebt sich der „Schönenberg“ über der Stadt. Die dortige Befestigungsanlage werde im Volksmund wohl „Burg“ genannt. Aber sie sei gar keine. Zumindest keine im eigentlichen Wortsinn: „Die Anlage war nie eine bewohnbare Befestigungsanlage oder ein Wohnsitz von Adligen.“ Vielmehr handle es sich um einen in der Zeit zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert besonders verstärkten und ausgebauten Teil der Stadtbefestigung.

Seine schwierige Sandwichposition machte Esslingen angreifbar

Befestigung tat Not. Denn seine Sandwichposition machte Esslingen angreifbar. Der Herrschaftsbereich der streitbaren Grafen und Herzöge von Württemberg umschloss das Stadtgebiet von allen Seiten, erklärt Christiane Benecke. Die Beziehungen zwischen den Nachbarn zeichneten sich nicht gerade durch ein Übermaß an Harmonie aus. Ständig kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen: „Seit Esslingen im 13. Jahrhundert von den Staufern zur Stadt erhoben worden war, waren der Ort und seine Bewohner immer wieder von außen bedroht.“

Mit der Zeit wurde die Lage noch kitzliger. Die Waffentechnik entwickelte sich weiter. Das Schießpulver wurde erfunden, Handfeuerwaffen eingesetzt. Ab dem 15. Jahrhundert musste die Anlage oberhalb von Esslingen aufgerüstet werden: „Viereckige Löcher in den Schießscharten zeugen von Prellhölzern, die dort für die neu aufkommenden Hakenbüchsen eingelassen waren.“ Die Mauern wurden verstärkt, um Kanonen zu trotzen.

Der Seilergang gilt laut Christiane Benecke als der älteste Teil der Esslingen „Burg“. Er wurde wohl im 13. Jahrhundert, spätestens aber 1304, errichtet. Foto: Roberto Bulgrin

Den Seilergang hatte es schon zuvor gegeben. „Dieser Mauerzug gilt als ältester Teil der ,Burg‘ und wurde im 13. Jahrhundert, spätestens aber 1304, errichtet“, so Christiane Benecke. Der Gang sollte vor Angriffen von Norden her schützen. Deshalb würden die noch heute vorhandenen Schießscharten ins Innere zeigen: „An verschiedenen Stellen sind in den Steinquadern noch Steinmetzzeichen zu finden.“

Die gemütlichen Rundungen des Dicken Turms sind trügerisch

Den Seilergang gab es also schon länger. Doch neue Waffen erforderten neue Verteidigungsmethoden. Der Dicke Turm kam hinzu. Bis 1519 war das Bergplateau jenseits des Seilergangs lediglich durch eine einfache Holzbefestigung geschützt. Anlässlich der Belagerung durch Herzog Ulrich von Württemberg und seinen Truppen wurde notgedrungen nachgebessert, sagt Christiane Benecke: „Die Holzkonstruktion wurde durch einen Mauerring mit vier Geschütztürmen ersetzt, der die annähernd sechseckige Innenfläche umschloss“. Der Dicke Turm entstand am Ostende des Seilergangs.

Am Ostende des Seilergangs entstand der Dicke Turm als Kern der Verteidigungsanlage. 1887 wurde er zum Aussichtsturm umgebaut. Foto: Roberto Bulgrin

Seine gemütlichen Rundungen dürfen nicht über seine militärische Funktion hinwegtäuschen. Das heutige Esslinger Wahrzeichen war anfangs ein wahres Zeichen für die Verteidigungsfähigkeit der Freien Reichsstadt. Es bildete laut Christiane Benecke den Kern der Anlage, denn es ermöglichte eine Rundumverteidigung: „In den ins Mauerwerk eingelassenen Nischen befanden sich auf mehreren Etagen Kanonen.“

Eine Art Air Condition bekam der Dicke Turm auch. Große Fensterscharten fungierten als Klimaanlage: Sie sorgten für den Abzug der beim Abfeuern der Waffen entstehenden Gase. Geschossen wurde vor allem auf der Nordseite. Sie galt als Hauptangriffsseite: „Der deshalb dort aufgeschüttete Kanonenbuckel ermöglichte es, über die Befestigungsanlage hinweg zu schießen. Noch heute befinden sich darauf Kanonen – sie stammen jedoch aus dem frühen 19. Jahrhundert.“

Der Verfall begann mit dem Ende der Zeit als Freie Reichsstadt

Die Esslinger Burg bietet also jede Menge historischen Zündstoff – trotz des Fehlens von Minnesängern und Adelsgeschlechtern. Doch irgendwann war das Pulver verschossen. „Im 18. Jahrhundert begann der allmähliche Verfall“, sagt Christiane Benecke. Esslingens großes Trauma, das Ende der Reichsstadtzeit, läutete auch das Ende der Wehranlage ein: „Als Verteidigungsanlage verlor sie spätestens um 1802 an Bedeutung.“ Im Zuge der voranschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurden die Mauern Stück für Stück abgerissen: „Auf die Befestigung der Stadt folgte nun die Entfestigung.“

Nostalgie und Naherholung

Turm
Der Dicke Turm wurde 1887 zum Aussichtsturm nach Nürnberger Vorbild umgebaut. Das Ensemble aus historischem Gemäuer und Grünflächen im „Burginneren“ wurde zum Naherholungsgebiet der Esslinger.

Rückbesinnung
Neuen Glanz für die alte „Burg“ wollte der Esslinger Architekt Albert Benz dem Gemäuer verleihen. 1904 entwarf er Pläne, die Anlage durch Ausbau und Rekonstruktion aufzuwerten. Zu seinen Visionen gehörten laut Christiane Benecke Elemente einer echten Burg wie ein großes Gebäude mit Staffelgiebel. Es sollte als Gasthaus genutzt werden: „Außerdem sah Benz dem Geschmack der Zeit entsprechend eine Kegelbahn und einen Tennisplatz vor. Doch der Entwurf wurde nie umgesetzt.“