Das Geräusch von Sirenen empfinden viele als unangenehm. Doch was bewirkt es bei Menschen, die einen Krieg erlebt haben? Eine 88-jährige Frau aus dem Remstal und eine 46 Jahre alte ukrainische Mutter berichten.
Zuhause, in ihrer ukrainischen Heimatstadt Bilhorod-Dnistrowsky unweit von Odessa, ist Natalya Ananeva seit dem Kriegsbeginn Ende Februar nachts oft wach gelegen: „Du liegst im Bett und hörst über dir die Raketen fliegen.“ Was tun? Irgendwo Schutz suchen oder doch lieber im Bett bleiben und dort sterben? In ihrem am Schwarzen Meer gelegenen Heim hat die Familie Ananeva alles mitbekommen, was da vom Meer her in die Ukraine geschossen wurde. „Heute ist etwas angeflogen“ sagen die Menschen dort, wenn es wieder Angriffe in der Nähe gegeben hat.
Sirenengeräusch löst Panik aus
An das Geräusch der Sirenen hat sich Natalya Ananeva am Anfang des Krieges erst gewöhnen müssen. Als sie die ersten Male ertönten, war sie ratlos: „Muss ich jetzt die Kinder in den Keller bringen? Die Klamotten packen?“ Die praktischen Überlegungen waren das eine, die Reaktionen des Körpers das andere: „Die Hände zittern, das Herz schlägt bis zum Hals. Sirenen warnen ja vor Gefahr, man spürt Panik.“ Um ihre Kinder nicht noch mehr zu ängstigen, habe sie versucht sich zu beherrschen und ruhig zu bleiben, erzählt Natalya Ananeva. Dann fragt sie nach einem Taschentuch.
Irgendwann habe schon das laute Geräusch eines Autos, ein plötzlich zuknallendes Fenster oder ein Gewitter Angst bei den Kindern ausgelöst, sagt Natalya Ananeva, die schließlich Anfang August mit ihren 17 und sieben Jahre alten Söhnen aus der Ukraine geflohen ist. Ihr Mann blieb dort zurück – er wollte das Zuhause nicht verlassen.
Angst beim Anblick eines Hubschraubers
Nach Aufenthalten in einem Erstaufnahmelager bei Heidelberg und in Karlsruhe kamen die 46-Jährige und ihre Kinder nach Waiblingen, wo sie in einer Sporthalle lebten. Inzwischen sind sie in eine von der Stadt angemietete Wohnung in Hegnach gezogen. Der ältere Sohn besucht die berufliche Schule, der siebenjährige Timofey geht in die erste Klasse. Beide lernen eifrig Deutsch. Der Krieg ist weit weg und doch immer präsent. Ein ungewohntes Geräusch, ein Hubschrauber am Himmel – schon kommt die Angst zurück. „Mama, soll ich mich verstecken?“
Kürzlich, als ein heftiges Gewitter losging, ist Natalya Ananeva sicherheitshalber in die Grundschule zu ihrem Sohn gelaufen. „Ich wollte sehen, wie es ihm geht“, sagt sie, während Timofey neben ihr sitzt und in einem Buch über Indianer blättert. An den Tagen der zwei Feueralarm-Übungen, die es für alle Erstklässler gibt – einmal angekündigt, einmal überraschend – hat Natalya Ananeva den Siebenjährigen auf Anraten einer Traumatherapeutin nicht in die Schule gehen lassen. Das Risiko einer Retraumatisierung sei zu groß, befand die Expertin.
Die Erlebnisse wirken Jahrzehnte nach
Vor dem Warntag am Donnerstag graut es Natalya Ananeva etwas. Zwei Tage vorher beginnt ihr Integrationskurs, Timofey muss also in die Schule gehen, weil sie nicht zu Hause sein wird. Er wolle aber auch gehen, sagt die Mutter: „Er will keinen Tag verpassen.“ Sie hofft, dass ihr Sohn sich im Kreis seiner Schulklasse einigermaßen sicher fühlt, die Klassenlehrerin ist sensibilisiert.
„Manchmal denkt man, es ist besser geworden“, sagt Natalya Ananeva, „aber im Herzen ist man doch noch sehr nervös. Der Kopf weiß, dass nichts ist, aber der Körper nicht. Ich denke, dass das auf der körperlichen Ebene ganz lange bleiben wird.“
Wie lange, das weiß Ruth Böckeler aus eigener Erfahrung. Sie ist inzwischen 88 Jahre alt, lebt seit Jahrzehnten in Kernen und hat als Kind den Zweiten Weltkrieg zeitweise in Stuttgart erleben müssen. Mit dem Geräusch der Sirenen verbindet sie Erinnerungen, auf die sie lieber verzichten würde: Fliegerangriffe und Bombennächte im Luftschutzkeller, die Angst um die Mutter, die in Stuttgart blieb, während Ruth Böckeler und andere Kinder aufs Land, nach Weil der Stadt, evakuiert wurden. Dort war man sicherer, hatte aber dennoch Angst: „Das Bedrückende war, dass man am Himmel den Feuerschein gesehen hat, wenn in Stuttgart ein Bombenangriff war.“ Im September 1944 wurde die Familie ausgebombt, die Mutter überlebte im Keller. „Aber alle Erinnerungen, alle Briefe und Fotos waren weg. Man hat die Vergangenheit verloren.“
Probealarme waren der pure Stress
Im Jahr 1974 ist Ruth Böckeler nach Stetten gezogen, wo sie mit ihrer Familie ein Haus gebaut hatte. Als sie drei Jahre später begann, für die Gemeindeverwaltung zu arbeiten, holte sie die Vergangenheit in Form der Sirene auf dem Dach des alten Rathauses von Rommelshausen wieder ein. Ruth Böckelers Arbeitsplatz war darunter und bei jedem der damals noch regelmäßig laufenden Probealarme stellte sie fest, dass ihr Körper auf das Geräusch reagierte: „Ich habe Herzklopfen bekommen, gezittert und geschwitzt und war froh, wenn die Entwarnung kam.“
Kein Wunder, dass Ruth Böckeler erleichtert war, als die Sirenen abgebaut, die Probealarme abgeschafft wurden. Die vermutliche Rückkehr der Sirenen sieht die 88-Jährige mit gemischten Gefühlen. Die Sirene solle ja nicht nur vor Angriffen, sondern zum Beispiel auch vor Naturgefahren warnen, sagt sie. Und trotzdem: „Ich glaube, dass sie wieder ähnliche Empfindungen auslöst und Ängste weckt.“