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Verbraucherschützer verzeichnen zurzeit eine deutliche Zunahme an EA288-Motor. Doch in den vergangenen Monaten kam es auch zunehmend zu verbraucherfreundlichen Urteilen

In der VW-„Dieselgate-Affäre“ verzeichnen Verbraucherschützer zunehmend Klagen und verbraucherfreundliche Urteile beim Motortyp EA288. Dieser Motor ist der Nachfolger des EA189, der 2015 weltweit den Dieselskandal ausgelöst hatte. Auch beim EA288 besteht seit Längerem der Verdacht, dass hier unzulässige Abschalteinrichtungen zur Abgasmanipulation zum Einsatz kommen.

EA288: Etwa 8.500 Klagen lagen Ende Januar 2021 vor

Verbraucherschützer verzeichnen zurzeit eine deutliche Zunahme an EA288-Klagefällen. So sollen Ende Januar nach Recherchen des Wirtschaftsmagazins „Capital“ 8.500 Klagen zu diesem Motortyp vorgelegen haben. Als einen der möglichen Gründe für die steigende Zahl benennen die Verbraucherschützer das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Dezember 2020 zu illegalen Abschalteinrichtungen. Die Luxemburger Richter hatten entschieden, dass Vorrichtungen zur Manipulation von Abgaswerten bei Zulassungstests illegal sind. Fahrzeughersteller dürfen keine Software in Motoren verwenden, die systematisch die Leistung des Systems zur Kontrolle der Emissionen bei Zulassungstests verbessert.

Dieselgate-Affäre EA288: Immer mehr Gerichte lassen sich von Kläger-Anwälten überzeugen

Darüber hinaus lassen sich offenbar immer mehr Richter an den deutschen Gerichten vom Vortrag der Kläger-Anwälte überzeugen. Rechtsanwalt Helmut Dreschhoff von der BRR Verbraucherkanzlei Baumeister Rosing, einer der Anwälte hinter Diesel-Gate.com, der die „Dieselgate“-Affäre seit Jahren begleitet, erklärt: „In den vergangenen Monaten kam es zunehmend zu verbraucherfreundlichen Urteilen in der Causa EA288. Beispielsweise gab es seit Jahresbeginn 2021 Niederlagen für VW vor dem LG Offenburg (Caddy Comfortline TDI 2.0), dem LG Duisburg (Skoda Superb 2.0 TDI) und dem OLG Köln (nicht näher genanntes Fahrzeug). Außerdem stellen wir fest, dass die Gerichte immer öfter Beweisbeschlüsse anordnen, wie zuletzt beim OLG Köln und OLG Düsseldorf. Diese richterlich angeordneten Gutachten sollen belegen, ob es im EA288-Motor eine unzulässige Abschalteinrichtung gibt oder nicht.“

VW-interne Dokumente und Gutachten zeigen auffällige Abgaswerte

Vor einiger Zeit waren bereits VW-interne Dokumente und Gutachten an die Öffentlichkeit gelangt, die tatsächlich belegen, dass der EA288-Motor im Testmodus weniger schädliche Abgase ausstößt als im realen Fahrbetrieb auf der Straße. „Neben einer temperaturgesteuerten Abschalteinrichtung – das von der Autoindustrie verharmlosend bezeichnete „Thermofenster“ – hatten Prüfer auch Belege für eine Zykluserkennung gefunden“, so Dreschhoff. „In diesem Fall kann das Motorsteuergerät erkennen, ob sich das Fahrzeug gerade im Testbetrieb in einem bestimmten Prüfzyklus befindet. Dadurch könnte der Abgasausstoß auf einen Testbetrieb hin optimiert werden.“

VW beteuert weiterhin Unschuld

VW hält jedoch dagegen und beteuert weiterhin seine Unschuld. Der Konzern pocht darauf, vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) mehrfach bescheinigt bekommen zu haben, dass bei dem betreffenden Motor keine illegalen Abschalteinrichtungen vorliegen. „Das KBA hat aus unserer Sicht bisher eine recht erbärmliche Figur in der Dieselgate-Affäre gemacht“, sagt Rechtsanwalt Dreschhoff. „Die Flensburger Behörde ist zurecht in die Kritik geraten, da man offenbar jahrelang Hinweise auf Abgasmanipulationen ignoriert und teilweise Angaben der Fahrzeughersteller zu Abgaswerten ungeprüft übernommen hat. Seine Untätigkeit in der Dieselaffäre rechtfertigte das KBA damals mit der Erklärung, es sei nicht die Aufgabe der Behörde, nach Abschaltsystemen zu suchen. Dabei lagen zahlreiche konkrete Hinweise wie etwa durch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vor.“

Angeblicher Motorschutz: Autoindustrie redet sich seit Jahren heraus

VW hat mittlerweile eingeräumt, ein sogenanntes „Thermofenster“ bei dem EA288-Motor zu verwenden, betrachtet dieses jedoch als legal. Der Konzern begründet dies damit, dass die Abschalteinrichtung dem Motorschutz diene. Helmut Dreschhoff dazu: „Der EuGH hat im Dezember 2020 entschieden, dass eine Abschalteinrichtung illegal ist, wenn sie die Abgasreinigung nur auf dem Prüfstand vollumfänglich zulässt, im Straßenbetrieb jedoch drosselt. Demnach reicht das Argument des Motorschutzes, mit der sich die Autoindustrie seit Jahren herausredet, nicht aus, um eine Abschalteinrichtung zu rechtfertigen.“

Freiwilliger EA288-Rückruf: Verschleierung von illegalen Abschalteinrichtungen?

Kürzlich startete VW für EA288-Kunden eine freiwillige Servicemaßnahme in Form eines Software-Updates beim Motorsteuergerät. Dieses Update soll einen Fehler im SCR-System beseitigen. Rechtsanwalt Dreschhoff: „Ebendieses SCR-System ist in der Abgasreinigung zuständig für die Reduktion von Stickoxiden. Für uns liegt also die Vermutung nahe, dass diese Serviceaktion mit dem Code ›23CY‹ der Verschleierung von zuvor eingebauten illegalen Abschalteinrichtungen dient. Wir raten dringend von der Durchführung des Updates ab.“

Verbraucherschützer: Dieselfahrer sollten sich nicht verunsichern lassen

Auch in der aufwendigen PR-Kampagne, die Volkswagen seit Monaten gegen Kläger-Anwälte führt, hat das Unternehmen einen Dämpfer hinnehmen müssen. VW hatte auf einer eigens dafür angelegten Webseite behauptet, dass sich EA288-Klagen nicht lohnten, da 99 Prozent der Fälle für die Kläger verloren gingen. Diese Behauptung hat der Konzern jetzt aufgrund einer von Anwälten geforderten Unterlassungserklärung von seiner Webseite entfernt. Dreschhoff dazu: „Fahrzeugbesitzer mit EA288-Motor sollten sich nicht von derartigen PR-Aktionen verunsichern lassen. Die Chancen stehen für sie zurzeit sehr gut, ihre Schadensersatzansprüche im Dieselskandal geltend zu machen.“

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