Der Turnskandal und die Justiz: War die Kündigung einer Trainerin des Kunstturnforums gerechtfertigt? Um diese Frage ging es am Donnerstag am Arbeitsgericht Stuttgart.
Nach nicht einmal 20 Minuten war schon alles vorüber – und: eine gütliche Einigung wohl endgültig vom Tisch. Am Arbeitsgericht Stuttgart wurde die Klage der Trainerin öffentlich verhandelt, der im Januar vom Schwäbischen Turnerbund (STB) gekündigt worden war (Aktenzeichen 22Ca615/25). „Ordentlich“ und „verhaltensbedingt“, wie es heißt. Hintergrund sind die damaligen Vorwürfe von ehemaligen und aktuellen Sportlerinnen über die Zustände in der Trainingsarbeit am Kunstturnforum (KTF) in Stuttgart. Gegen diese Kündigung hatte die Trainerin geklagt.
Der STB und sein Rechtsbeistand Jürgen Schmitt hatten gehofft, das Verfahren am Arbeitsgericht könne ausgesetzt werden, da parallel dazu ja Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart laufen, in denen es um dieselben Sachverhalte geht. Doch diese Hoffnung zerschlug der Vorsitzende Richter am Donnerstagvormittag schnell. Ebenso war zügig klar, dass es keine außergerichtliche Einigung geben wird.
Ein erster Gütetermin war bereits ohne Ergebnis zu Ende gegangen, nun wurde noch einmal deutlich: Bei Zahlung einer Abfindung in Höhe von mindestens 300 000 Euro hätte die Trainerin ihre Klage wohl zurückgezogen. Darauf allerdings ließ sich der STB erneut nicht ein. Doch der Verband hat seinerseits ein Problem.
Zwar verwies der STB-Anwalt Schmitt auf Schilderungen von Turnerinnen in Bezug auf ein Fehlverhalten der Trainerin – offenbar in zweistelliger Zahl. „Wir haben Sachverhalte vorgetragen, die eine Kündigung rechtfertigen“, sagte der Jurist und Experte für Arbeitsrecht. Allerdings kann der Turnverband derzeit weder die Namen der Betroffenen noch Ort und Zeit der Verfehlungen nennen. Die mutmaßlichen Zeugen seien derzeit „nicht bereit, eine Aussage zu treffen“, bekannte Schmitt, der auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die auch die Trainerin betreffen, hofft: „Da müssen sie es tun.“
Aussagen, aber keine öffentlichen
Die Aussagen also seien zwar alles andere als „schwammig“, was die Gegenseite dem Verband vorwarf. Aber sie sind im Verfahren am Arbeitsgericht eben auch (noch) nicht relevant gewesen, da die Staatsanwaltschaft bislang keine Akteneinsicht gewährt. Boris Dollinger, der Rechtsbeistand der Trainerin, dagegen erklärte, es würden vonseiten des STB lediglich „Behauptungen aufgestellt“. Er wiederum führte Schreiben von vier „Turnerinnen aus der Trainingsgruppe“ an, die die Vorwürfe widerlegen würden. Sein Vorwurf an den Turnverband: „Sie versuchen, die Klägerin in ihrer beruflichen Existenz zu vernichten.“
Die Trainerin hatte seit vielen Jahren junge Turnerinnen am Bundesstützpunkt in Stuttgart betreut, war dort zuletzt auch Leiterin für den weiblichen Bereich. Neben ihr wurde im Frühjahr einem weiteren Trainer gekündigt, auch hier wird es wohl noch zu einem Gerichtstermin kommen. Die Vorwürfe zahlreicher Sportlerinnen mündeten in „systematischem körperlichem und mentalem Missbrauch“. Am 6. Februar schaltete sich die Staatsanwaltschaft in die begonnene Aufarbeitung ein und durchsuchte Räumlichkeiten beim STB und beim Deutschen Turner-Bund (DTB) sowie später auch am Olympiastützpunkt in Stuttgart. Noch ist kein Ende der Ermittlungen in Sicht. Eine vom DTB beauftragte Kanzlei sowie eine Expertengruppe in Baden-Württemberg haben auch noch keinen (Zwischen-)Stand liefern können.
Ähnliche Vorwürfe wie in Stuttgart gab es wenig später auch am Stützpunkt in Mannheim. Hier wurden ebenfalls Trainerinnen freigestellt – erst in dieser Woche forderten Mannheimer Athletinnen jedoch ihre Rückkehr ins Trainingszentrum. „Wir haben sie ganz anders erlebt, als sie öffentlich dargestellt werden. Wir vermissen sie“, sagte die Turnerin Janoah Müller über die Trainerinnen Claudia Schunk und Alina Korrmann.
Auch in Stuttgart waren die Meinungen nicht einhellig. „Ich hätte sie gerne behalten“, sagte etwa vor einigen Wochen die derzeit verletzte Spitzenturnerin Helen Kevric und betonte: „Ich bin weder ein Missbrauchsopfer noch sonst irgendwas.“ Am KTF in Stuttgart war nach der Freistellung der beiden Coaches zunächst ein Vakuum entstanden. Seit März ist die US-Amerikanerin Aimee Boorman für die besten Stuttgarter Turnerinnen zuständig, wenig später folgte ihre Landsfrau LaPrise Harris-Williams. Allerdings ist nach wie vor offen, ob die beiden auch weiterbeschäftigt werden können.
Wie geht es am Stützpunkt weiter?
Die Bereitschaft der Trainerinnen für ein weitergehendes Engagement ist wohl vorhanden, bis Ende Juli sollte auch für die Sportlerinnen und ihre Eltern Klarheit herrschen. Vonseiten des STB und des DTB heißt es aber seit Tagen lediglich, man befinde sich in Gesprächen. Es geht wohl auch noch um die Finanzierung der Stellen.
Ob der STB die einst gekündigte Trainerin weiter bezahlen muss oder ob deren Klage gegen die Kündigung erfolglos war, stand bis Donnerstagabend noch nicht fest. Für ersteren Fall ist damit zu rechnen, dass der Verband Berufung einlegen wird.