Erst mal die Umwelt versauen, dann der Erde den Rest geben. Foto: Björn Klein - Björn Klein

Zwei höllische Geister planen den Weltuntergang durch Umweltzerstörung. Patricia Beneckes Inszenierung bleibt jedoch harmlos.

StuttgartHübsch, diese Krähe: dieser charmante Augenaufschlag! Dass Jackie Krakel eigentlich ein ziemlich struppiger Vogel ist, fällt gar nicht weiter auf. Und für sein großes schlaues Mundwerk hat die Kostümbildnerin Gwendolyn Bahr einen recht natürlich auf- und zuklappenden Schnabel geschaffen: das schönste Detail auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses, wo jetzt – da es doch wieder stracks gen Weihnachten geht – das neue Familienstück des Staatsschauspiels Premiere hatte. Diesmal hat man sich den „Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ vorgeknöpft. Im letzten Bestseller-Kinderbuch von Michael Ende, 1989 erschienen und von dem der Autor selbst 1990 für die Bühne bearbeitet, geht es um zwei finstere Gestalten, die im Auftrag der Hölle zu Beginn des neuen Jahres die Erde zerstören sollen, weil sie ihre Jahresauflagen an bösen Taten nicht erfüllt haben: den Zauberer Prof. Dr. Beelzebub Irrwitzer und seine Tante, die Geldhexe Tyrannja Vamperl, eine olle, stinkreiche Kapitalistin.

Beide tun sich zusammen, um sich einen rettenden Zaubertrank mit unaussprechlichem Namen zu brauen. Der soll ihnen jeden Wunsch erfüllen: eben auch jede Art von Umweltzerstörung und Naturkatastrophe. Dann würden sie den Strafen der Hölle entgehen. Ihre beiden Antipoden, die Krähe und der Kater Maurizio, haben die finsteren Pläne im Auftrag des umweltaktivistischen „Hohen Rats der Tiere“ zu verhindern. Die Katze, einst vergiftet, krank und dürr bei Irrwitz gelandet, hat sich von dem fiesen Magier einlullen und aufpäppeln lassen anstatt ihn auszuspionieren, und der Rabe braucht erst einmal eine Menge Überredungskunst, um die mollige Mieze vom gefüllten Fressnapf wegzuzerren und wieder an ihren Auftrag zu erinnern.

Überdreht und laut

Celina Rongen spielt den komischen Vogel sehr präzise und plastisch, bringt gekonnt und erkennbar rabentierische Eigenschaften mit ins Spiel: etwas Flattriges, Nervöses, Ungeduldiges und in der Stimme leicht Aggressives. Aber dass Jackie Krakel eigentlich kränkelt, weil er einst in eine Giftwolke geriet, vermittelt sich nicht wirklich. Von Krätze-Kratzen keine Spur. Selbst nachdem die knitze und kritische Krähe mit dem korpulenten Kater (sehr putzig: Jannik Mühlenweg) aus der Sondermülltonne gestiegen ist, in die sich beide – vom Gift nichts ahnend – verkrochen hatten, um die beiden Weltvernichter in spe heimlich zu belauschen, wirken sie quietschfidel. Aber auch sonst geht vieles, was den Stoff des Stücks so ungeheuer aktuell macht – nämlich seine Thematisierung von Umweltzerstörung, Artensterben, Flussverseuchung, Waldsterben –, in der klamottigen, ziemlich überdrehten und lauten Inszenierung von Patricia Benecke unter. Es wird oft höllisch gelacht auf der Bühne – oder schrill gekiekst, wie im Falle des teuflischen Boten Made (auf beleuchteten Hufen: Amina Merai). Es blinkt bunt und dampft und nebelt und qualmt, hier ein Zauberblitz, dort ein Explosiönchen. Aber von Anfang an setzt man lieber auf Slapsticks als auf den Aufbau einer Spannungskurve. Wenn sich Krähe und Kater wie streitsüchtige Geschwister in der Wolle haben oder wenn die Geldhexe wie die Königin der Nacht trällernd vom Himmel herunterfährt, ja, dann gibt’s Lacher. Aber der kugelrunde Irrwitzer (mit giftgrünen, strähnigen Haaren: Reinhard Mahlberg) und die ebenso kugelrunde Geldhexe (mit lila Hochfrisur: Gabriele Hintermaier) wirken von Anfang an derart vertrottelt und albern, dass man sich beileibe nicht vorstellen kann, dass es klappen wird mit dem Wunschpunsch und dem Weltuntergang.

Sicher, das Stück soll witzig unterhalten, seine Theaterfassung bezeichnete Michael Ende als „Zauberposse“. Aber ein bisschen gespenstisches, magisches, böses, unheimliches Flair, das man ja schließlich auch mit Witz würzen kann, hätte der Inszenierung auf jeden Fall sehr gut getan.

Gruseln nur im Glockenturm

Schon das Bühnenbild von Monika Frenz wirkt eher wie das Wohnzimmer eines harmlos-zerstreuten, kindlichen Professors als wie eine Zelle der Niedertracht, von der die Geschicke der Welt abhängen: Stofftierköpfe an der Holzlatten-Wand, alte Bücher als Treppen, eine Zettelwirtschaft an der Wand. Dabei zeigt die obere Ebene der Bühne – ein Münster-Glockenturm-Gehäuse, das sichtbar wird, wenn die untere Ebene hinunterfährt –, dass es durchaus geht: eine schön eisige und gruselige Atmosphäre zu erzeugen. Kein Wunder, dass die beiden tierischen Weltretter es mit der Angst zu tun bekommen, wenn sie dort mühsam hinaufklettern, um die Zeit anzuhalten. Und tatsächlich erwachen dort auch die Steinskulpturen zum Leben.

Ein Manko der Produktion ist zudem, dass mit dem Einsatz von Musik sehr sparsam umgegangen wird. Lediglich vier kurze, mehr schlecht als recht vorgetragene Nummern gibt es – merkwürdig in einem Stück, in dem eine musikaffine Mieze eine Hauptrolle spielt: Der Kater Maurizio liebäugelt nämlich mit einer Karriere als Opernstar.

Es ist gerade wegen der gegenwärtigen Brisanz des Stoffs schade, dass das Potenzial des Stücks sehr verharmlost wird, zumal auf der Hand liegende Aktualisierungen etwa in Richtung Fridays-for-Future-Bewegung außen vor bleiben. Vermutlich ist das geschehen, weil man das Stück bereits Kindern ab sechs Jahren anbieten möchte. Aber gerade die dürften sich in dieser Produktion am ehesten langweilen.

Die nächsten Vorstellungen: 22. und 23. Oktober, 4. November sowie 2. und 3., 9. bis 13. und 17. bis 19. Dezember (jeweils vormittags); 22. und 25. Dezember (jeweils nachmittags).

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