Reif für die Schule? Foto: AdobeStock/Spyrakot

Unsere Autorin erzählt, wie ihre eher bedürfnisorientierte Art der Erziehung mit dem Normenwahnsinn in der Vorschulzeit kollidiert.

Ein Kind muss schon gewissen Normen entsprechen“, sagte eine Großtante meines Sohnes auf seinem vierten Geburtstag. Sie hat früher in einem Kindergarten gearbeitet. „Mein Kind ist doch keine Maschine, die vor der Einschulung vom Tüv abgenommen werden muss“, sagte ich.

Dass ich mich in diesem Punkt ziemlich getäuscht hatte, sollte ich erst später in den aktuellen Zeiten des Vorschulwahnsinn lernen. Jetzt entbrannte erst einmal eine harte Diskussion, was denn nun das Richtige für einen Vierjährigen sei. Die Ansichten der älteren Generation, die gelernt hatte, Leistung zu bringen, zu funktionieren und eigene Wünschen und Bedürfnisse dafür zu unterdrücken, prallten mit meinen Vorstellungen von bedürfnisorientierter Erziehung zusammen. Und zwar so wie zwei Autos bei einem Frontalzusammenstoß, die der Tüv auch nach der Reparatur nicht mehr abgenommen hätte.

Grund für die Auseinandersetzung war, dass mein Sohn zuvor bei der U8 – der Vorsorgeuntersuchung für Drei- bis Vierjährige beim Kinderarzt – beim Malen eben nicht der Norm entsprach. Hören, Sehen, Gegenstände benennen klappte alles prima. Nur ein Männchen wollte er nicht malen. Wie denn auch? Bisher hatte er sich sehr wenig für Menschen interessiert. Dinos und Autos waren seine Leidenschaft. Und das Malen an sich gehörte absolut nicht dazu.

Männchen malen? Üben! Üben! Üben!

Zum Ärger der Arzthelferin hielt er den Stift auch nicht perfekt. „Sie müssen das Männchenmalen mit ihm üben“, sagte sie. „Das werde ich nicht tun“, sagte ich. Etwas irritiert schaute sie mich an. Ich erklärte, dass ich meinen Sohn nach seinen Bedürfnissen und Leidenschaften erziehe und dass ich ihn in seinem zarten Alter nicht zwinge, Dinge zu tun, die er absolut nicht möchte. Der Grund dafür: Ich befürchte, dass ich ihm den vielleicht künftigen Spaß am Malen verderbe, wenn ich ihm vorschreibe, was er kritzeln soll. „Dann wird er eben keine Schulreife bekommen“, entgegnete sie. „Er ist jetzt erst drei Jahre alt, ich schätze, er hat noch eine Menge Zeit für seine Entwicklung bis zur Schule“, sagte ich. Ich empfahl ihr, dringend neuere Literatur zum Thema „Wie lernen Kinder?“ zu lesen.

Zum Beispiel die Werke des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, den Eltern wie ich, die eher bedürfnisorientiert erziehen, verschlingen. Er stellt das Thema „intrinsische Motivation“ beim Lernen in den Vordergrund. Das bedeutet, wenn sich ein Kind von sich aus für etwas interessiert, hat es einen natürlichen Forscherdrang und will alles zum Thema wissen. Wird ihm hingegen ständig von außen vorgeschrieben, was es lernen soll, verliert es diese angeborene Neugier. Der Gedanke daran, dass viele Kinder nach solchen Untersuchungen von ihren Eltern unter Druck gesetzt werden und dann die Welt schon im frühen Alter nicht mehr frei entdecken dürfen, machte mich sehr traurig

Mein Outing als Mutter eines Sohnes, der nicht malen möchte, schlug allerdings weniger hohe Wellen als erwartet. Nahezu alle Jungs-Eltern, mit denen ich mich über die Sache unterhalten habe, winkten ab und berichteten Ähnliches. „Mein Sohn ist jetzt in der zweiten Klasse und will nicht malen, der findet das doof“, berichtete eine Mutter. Seiner Einschulung stand diese Tatsache dann also wohl doch nicht im Weg.

Eltern trainieren mit den Kindern

Wiederum andere Eltern erzählten mir, dass sie sich von den U-Untersuchungen gar nicht aufs Glatteis führen ließen. Im Internet gebe es die Inhalte der Tests zum Herunterladen. Sie trainierten ihre Kids monatelang, damit sie die erforderlichen Übungen quasi mit einer Eins mit Sternchen bestünden. Mir scheint, dass U-Untersuchungen einmal eine gute Idee gewesen sind, um bei Kindern frühzeitig Defizite feststellen zu können. Aber in unserer heutigen Leistungsgesellschaft wird das Vorsorgeinstrument zum Druckmittel, das viele Eltern in den Vorschulwahnsinn treibt.

Eigentlich ist es ja gut, dass es die Früherkennungs-Instrumente gibt, um Kindern mit Defiziten schnell durch Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie zu helfen.

Das Problem ist aber die inzwischen inflationäre Nutzung dieser Angebote. Auch Kinder mit kleinen Defiziten, die sich möglicherweise mit dem Älterwerden von alleine erledigen, werden in die Therapien geschickt. Wer ernsthafte Probleme hat, kommt deshalb möglicherweise gar nicht zum Zug. Schon jetzt sind die Wartelisten lang. Wer einen Platz haben will, braucht Geduld und Durchsetzungsvermögen – und beides fehlt Helikoptereltern eher nicht. Solche Eltern nutzen dann die Angebote häufiger, um beim Wettkampf „Mein Kind kann schon . . .“ ganz vorne mit dabei zu sein. An den vermeintlichen Fehlern der Kids wird dann ständig herumgedoktert, statt sie selbst ihre Stärken entdecken zu lassen.

Der Ursprung dieses Wettstreits liegt im genormten Regelwerk, das Eltern in Deutschland ab dem ersten Sprössling kennenlernen. In zahlreichen Ratgebern ist genau beschrieben, wann ein Baby sich drehen, krabbeln oder erste Worte brabbeln soll. In den besagten U-Untersuchungen werden die Kids in Baden-Württemberg sogar verpflichtend von Geburt an in ihrer Entwicklung überwacht. Eigentlich – wie gesagt – eine gute Sache.

Er hält den Stift nicht vorschriftsmäßig!

Damit, dass der Normwahnsinn geradezu absurde Züge in der Vorschulzeit annimmt, hätte ich auch nicht gerechnet. Zum Beispiel so: Nach dem ersten Schuleignungstest in der Kita wurde meinem vierjährigen Sohn eine Ergotherapie empfohlen, damit er lernt, den Stift richtig zu halten. Freilich sollte er auch in die Logopädie, um seine „st“- und „k“- statt „t“-Schwäche in den Griff zu bekommen. Ein Vierjähriger! In solchen Momenten frage ich mich, wie es mir selbst gelungen ist, ganz ohne Therapien bis zur Schule durchzukommen – gut, eben mit badischem Dialekt, der im Schwabenland sicher als Sprachfehler gilt.

Mein Kind tut es mir jetzt jedenfalls gleich: Ganz ohne Therapie hat es mein inzwischen sechsjähriger Sohn geschafft, „k“ nicht mehr mit „t“ zu verwechseln und ein sauberes „st“ auszusprechen. Außerdem kann er nun den Stift vorschriftsgemäß halten, denn sein Malschub kam vor etwa einem Jahr. Inzwischen malt er die Figuren aus dem Videospiel Minecraft. Die sehen zumindest aus wie Männchen.

Den Vorschul-Tüv hat er nun auch ohne Druck von uns Eltern bestanden und wird im September eingeschult. Wir sind gespannt, welcher Wahnsinn dann auf uns wartet.

Die Autorin

Sandra Dambacher-Schopf
arbeitet als freie Journalistin und PR-Beraterin. Die 45-Jährige ist seit sechs Jahren Mutter und beschäftigt sich auch in ihren Texten mit Kitas, unterschiedlichen Erziehungsansichten und Trends.