Die Fenster der Schwimmhalle sind überwiegend zerborsten. Foto: Gottfried Stoppel

Während das Cabrio-Bad am Ortsrand von Weinstadt-Endersbach (Rems-Murr-Kreis) zunehmend verfällt, verfolgt die Stadt dort Wohnbaupläne.

„Betreten verboten! Lebensgefahr!“ – so warnen in Endersbach Schilder an Toren zum Cabrio-Areal vor dem Betreten des ehemaligen Hallenbadgeländes. Zusätzlich zum Maschendrahtzaun, der es einfriedet, sind Bauzäune aufgestellt, die Unbefugte auf Abstand halten sollen.

Davon, dass sich nicht jeder davon aufhalten lässt, zeugt ein in den Zaun geschnittenes mannsgroßes Loch und ein zur Seite gedrücktes Baustahlgitter, mit dem man den Durchschlupf offenbar wieder zu verschließen versucht hat. Zudem schirmen eine meterhohe Hecke, alte Eichen und Buchen sowie wild aufgegangenen Jungbäume und Sträucher das Gebäude auf seiner Vorderseite ab.

Das Gelände gleicht einem Schuttplatz

Auf der Rückseite hat die Stadt einen Häckselplatz eingerichtet, lagern Baumaterialien und allerlei andere Gegenständer vom Altkleidercontainer bis zur Weinpresse. Teergeruch von abgeladenem Bauschutt liegt in der Luft. Die Fenster der Schwimmhalle sind überwiegend zerborsten. Die wenigen noch intakten Scheiben sind milchig angelaufen und teils mit Graffiti beschmiert.

Auch die Hallenwände innen und das ausgetrocknete Schwimmbecken sind mit Graffiti vollgemalt, wie ein Blick durch die kaputten Fenster zeigt, deren Splitter den Boden übersähen und einem unter den Schuhsohlen knirschen. Von den Startblöcken und der Sprunganlage sind noch die Metallgestelle und -geländer erhalten. Gerippen gleich stehen sie am Beckenrand. So ist das Cabrio-Bad dem Verfall preisgegeben.

Das Bad ist 2009 geschlossen worden

Eigentlich hätte es schon vor Jahren abgerissen werden sollen. Als dies 2015 bekannt wurde, gründete sich die Initiative Kult(ur) Freibad. Ihre Intention: Statt Geld in den Abriss zu investieren, sollte das Cabrio zu einem Kulturbad umgebaut werden mit Aufenthalts- und Schulungsräume für Asylbewerber sowie Räumen für die Weinstädter Jugend. Zudem schlug die Initiative vor aus dem Hallenbad, das im Jahr 2009 wegen seines maroden Rolldaches geschlossen wurde, ein reines Freibad zu machen und das neue Kulturbad zusätzlich mit einem Internetcafé oder Open-Air-Kino-Veranstaltungen zu beleben. Auf diese Weise sollte aus der Not eine Tugend werden, nachdem der Gemeinderat zuvor zugestimmt hat, die frühere Liegewiese an den Kreis für den Aufbau einer Erstunterbringung von Flüchtlingen zu verpachten.

So viel Gegenwind die Gemeinderatsentscheidung noch vor der Beschlussfassung von Anwohnern bekam, so viel Zuspruch erhielt die Initiative, der es gelang trotz Sommerferienzeit innerhalb einer Woche rund 200 Unterschriften für einen Bürgerantrag zu sammeln. Einer der Rädelsführer war Roland Ebner, der sich bereits 2010 mit der Initiative Pro Bad - damals mit der Verwaltung und der Gemeinderatsmehrheit auf einer Linie – für einen Badneubau am Standort stark gemacht hatte. Beide Initiativen jedoch waren nicht von Erfolg gekrönt. Beim Bürgerentscheid 2010 überwogen die Neubaugegner, den Kulturbad-Antrag fünf Jahre später schmetterte der Gemeinderat ab.

Von den Startblöcken und der Sprunganlage sind noch die Metallgestelle und -geländer erhalten. Foto: Gottfried Stoppel

Inzwischen sitzt Ebner seit 2022 für die Freien Wähler selbst im Gemeinderat. Nach einer Wiederbelebung des Cabrio oder einem Neubau an Ort und Stelle kräht längst kein Hahn mehr in Weinstadt angesichts des neuen Funktionshallenbads, das die Stadtwerke Weinstadt in Kooperation mit der Stadt am Ortsrand von Endersbach neben dem Stadion errichten. Der Countdown für seine Fertigstellung im Sommer läuft. Die offizielle Eröffnung ist für September nach mehreren Wochen Probetrieb angesetzt. Derweil sind Planungen für eine Nachnutzung des Cabrio-Geländes im Gange.

Bebauungsplan muss geändert werden

So sollen die Brachflächen „städtebaulich revitalisiert und angesichts des zunehmenden Wohnraummangels als Wohnquartier weiterentwickelt werden“, wie es in einer Gemeinderatsvorlage dazu heißt. Dabei umfassen die Wohnbaupläne der Stadt nicht allein das Cabrio-Areal sondern auch das südlich davon liegende Gelände, das im Flächennutzungsplan als Erweiterungsfläche des Bads vorgesehen ist, und die östlich davon an die bestehende Bebauung angrenzenden Mühläcker, die als Wohnbauerwartungsfläche deklariert sind. Für die insgesamt knapp 13 Hektar soll ein „ganzheitliches Entwicklungskonzept“ erstellt werden. Zudem braucht es einen neuen Bebauungsplan und eine Änderung des Flächennutzungsplans wie die Verwaltung in der Vorlage schreibt.

Die Stadt hat sich das Vorkaufsrecht gesichert

Bis die Wohnbaupläne umgesetzt werden können, wird also noch viel Wasser den Haldenbach hinunterfließen, der das Gelände quert. Das Vorkaufsrecht für alle im festgesteckten Bereich liegenden Flurstücke hat sich die Stadt nach jüngsten Beschluss des Gemeinderats indes per Satzung bereits gesichert. Näher zu den Planungen äußern möchte man sich im Rathaus allerdings nicht. Das sei noch nicht sinnvoll, teilt die städtische Pressestelle auf die Anfrage dieser Zeitung hin mit. „Derzeit ist lediglich das betreffende Gebiet umrissen, in dem mögliche städtebauliche Maßnahmen in Betracht gezogen werden sollen“, heißt es in der Antwortmail, „weitere konkrete Planungen oder Entscheidungen liegen noch nicht vor.“