Thomas Müller bereitet sich mit der deutschen Nationalmannschaft in Thüringen auf die Heim-EM vor. Foto: dpa/Federico Gambarini

Der 34-Jährige ist keine Stammkraft mehr in der deutschen Nationalmannschaft, aber noch immer ein besonderer Fußballer. Der Bundestrainer Julian Nagelsmann betraut ihn deshalb mit Spezialaufgaben.

Thomas Müller ist ein cleveres Kerlchen. So schlau, dass er vor Jahren die treffende Berufsbeschreibung für sich selbst erdacht hat: Raumdeuter. Der Offensivspieler geht auf dem Fußballplatz ganz eigene Wege. Sie verlaufen oft so unorthodox, dass keine Verteidigung der Welt sie vor Müller erkennen kann. Das ist noch immer die Kernkompetenz des 34-Jährigen. Er antizipiert mit seiner Spielintelligenz Situationen und verfügt auf dem Rasen über eine bemerkenswerte Vororientierung, sodass er nicht immer auf die erste Möglichkeit lauert, sondern auf die zweite – einen Abpraller.

Daraus ergeben sich die typischen Müller-Tore, die er mit seinen Storchenbeinen auf unergründliche Weise erzielt. Nur er selbst kann dann erklären, wie er den Ball ins Netz bugsiert hat. Das hat ihn berühmt gemacht. Gepaart mit seinem Witz, den er mit Spielanalysen zu verbinden vermag.

Das letzte Tor bei einem großen Turnier ist lange her

Als Unterhaltungskünstler wird er nach den Spielen deshalb in der Öffentlichkeit gerne wahrgenommen. In erster Linie ist Müller jedoch ein seriöser und überaus ehrgeiziger Berufsfußballer, der sein bislang letztes Tor in einem großen Turnier im WM-Halbfinale 2014 beim 7:1 gegen Brasilien erzielt hat. Es war das 1:0 in Belo Horizonte.

Zehn Jahre ist das also her – und die Frage, die sich daraus ableitet, lautet, ob Müller bei der Europameisterschaft 2024, seinem insgesamt achten Turniereinsatz, der deutschen Nationalmannschaft noch etwas geben kann. Für den Bundestrainer ist die Antwort klar: „Natürlich wird er seine Einsatzzeiten erhalten“, sagt Julian Nagelsmann. Allerdings nicht als Stammkraft. Dem Routinier des FC Bayern ist eine Rolle in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zugedacht, die er schon vom Club kennt: als Startspieler, wenn möglich, und als Impulsgeber von der Bank, wenn nötig.

„Thomas Müller ist einer, der weiß, wie er diese Rolle ausfüllt. Ich habe diese Gespräche schon während meiner Trainerzeit bei Bayern mit ihm geführt“, sagt Nagelsmann. Thomas Tuchel, sein Nachfolger an der Säbener Straße in München, hat sogar den Begriff der „Thomas-Müller-Spiele“ kreiert. Nur um zu erläutern, warum er den Angreifer nicht eingesetzt hat. Vor allem, wenn Tempo und Dribblings gefragt waren.

Diesen Wandel zur Spezialkraft hat Müller mittlerweile akzeptiert. „Trotzdem ist es wichtig, die erste Idee des Trainers zu kennen. Zu wissen, ob man vorne dran ist oder hinten, damit da eine halbe Stunde vor dem Spiel keine Enttäuschungen aufkommen“, sagt Müller über den Austausch mit dem Bundestrainer vor der Nominierung.

Seiner Beliebtheit tut der neue Status keinen Abbruch. Der älteste Feldspieler (nur Torhüter Manuel Neuer ist älter) im EM-Kader wird vor dem anstehenden Heimturnier (ab 14. Juni) überall erkannt und von den Anhängern wie während des Trainingslagers in Thüringen gefeiert. Der Bundesliga-Star weiß das zu schätzen. „Ich war ja selbst einer von den Fans. Für mich war es völlig klar, dass ich mit einem Deutschlandtrikot oder Vereinstrikot herumlaufe, wenn so eine Mannschaft bei mir in der Nähe war. Da gibt’s doch gar keine Alternative, als aus dem Häuschen zu sein“, sagt der Münchner im Weimarer Land.

Kein Kabinenclown

Nur als Identifikationsfigur sieht sich Müller jedoch nicht – und schon gar nicht als Kabinenclown, der mit seiner lockeren Art im DFB-Team für die gute Stimmung zuständig ist. „Ein bisschen was kann ich ja noch“, scherzt Müller in Blankenhain, dessen Bedeutung auf dem Platz auch deshalb schwindet, weil Jamal Musiala und Florian Wirtz mit ihren Zauberfüßen die Räume besetzen, aus denen Müller grundsätzlich startet.

Doch gerade für die jungen Nationalspieler stellt Müller mit seiner Erfahrung eine Orientierung dar. Zuletzt nahm er Aleksandar Pavlovic an die Hand und führte den Neuling im DFB-Kreis ein. „Da sieht man, wie er ist“, sagt Nagelsmann – und auch bleiben soll. Ein Verbindungsspieler. „Er kann mit den Rappern in der Mannschaft und denen, die jodeln“, meint der Bundestrainer.

„Ich komme eher von den Jodlern, aber ich fand es schon immer interessant, die Rapper kennenzulernen“, sagt Müller über seine Offenheit, die darauf ausgerichtet ist, das große Ganze zu betrachten und nicht seine Einzelinteressen zu verfolgen. Letzteres wäre zum Beispiel, den EM-Fluch hinter sich zu lassen. In 128 Länderspielen sind dem Stürmer zwar bereits 45 Treffer gelungen, aber noch keines während der kontinentalen Wettkämpfe 2012, 2016 und 2021.

Müller hetzt diesem Ziel jedoch nicht hinterher. „Ich habe mit keinem Turnier eine Rechnung offen“, sagt der Weltmeister von 2014. Für ihn geht es um den Titelgewinn. Was natürlich nichts daran ändert, dass er gerne ein EM-Tor erzielen würde. „Aber nur, wenn’s am Ende dem Erfolg zuträglich ist“, sagt Müller, der Mannschaftsspieler.