Die Frage, ob das eigene Kind vor dem gesetzlichen Termin schon schulreif ist, stellt sich Eltern Jahr für Jahr aufs Neue. Foto: imago images/olesiabilkei

Die Grundschulanmeldung hat begonnen. Wegen der Pandemie haben sich die betroffenen Eltern, Erzieher und Lehrer wenig austauschen können. Ein Lagebericht aus Esslingen.

Esslingen - Den Ausschlag zu dieser Geschichte gab eine Ratlosigkeit in eigener Sache. Der fünfjährige Sohn ist – wie sollte es auch anders sein? – ein helles Kerlchen: interessiert, seiner Umwelt gegenüber aufgeschlossen, sportlich, sprachbegeistert, und singen kann er auch. Doch die Freude über diese Entwicklung wurde im zurückliegenden Halbjahr auf eine harte Probe gestellt. Auslöser war ein Satz, der im September 2020 beim Abholen im Kitaflur an das Mutterohr drang. „Ach, die Emilia* ist auch schon ein Vorschulkind?“ Jene Emilia war zu diesem Zeitpunkt, genauso wie unser Sohn, noch keine fünf Jahre alt. Huch, wer denkt denn da an Einschulung? Anscheinend nicht nur Emilias Eltern. Denn mit Beginn des neuen Kindergartenjahres hielt ein Thema in den Kreis unserer Kita- und Spielplatzbekanntschaften Einzug, das vor den Sommerferien noch gar kein Thema gewesen war: Ist der Nachwuchs nicht eigentlich schon schulreif?

Man muss wissen: Unser Sohn hat Ende Oktober Geburtstag. Damit ist er in Baden-Württemberg ein Kann-Kind. Er ist nach dem Stichtag geboren und im kommenden Herbst noch nicht schulpflichtig. Er kann jedoch, wenn die Grundschule keine Bedenken formuliert, aufgrund seines vollendeten fünften Lebensjahres bereits dann eingeschult werden – und damit um ein Jahr früher. Soll er nun im Herbst 2021 mit knapp sechs Jahren als Kann-Kind bereits in die Schule kommen? Oder erst im Herbst 2022, mit fast sieben Jahren, dann als Muss-Kind?

Das Thema drohte uns den Herbst zu verregnen. Finn und Lea würden in jedem Fall gehen, so war es von ihren Eltern zu hören, die Eltern vom Elias überlegten noch. Wer sich noch nicht positioniert hatte, geriet – zumindest gefühlt – unter Zugzwang. „Und ihr, überlegt ihr noch?“ Vor unserem inneren Auge begannen sich die Gruppenräume in der Kita zu leeren. Machten wir unseren Sohn durch unsere Planlosigkeit etwa zum Letzten seines Jahrgangs? Wir begannen, ihn kritischer zu beäugen: Hielt er den Stift immer noch wie eine Mistgabel? Oder zeichnete sich da nicht schon die Drei-Punkt-Haltung ab?

Eine Art von Eltern-Domino

Die Frage, ob das eigene Kind vor dem gesetzlichen Termin schon schulreif ist, die Furcht vor einem öden letzten Jahr im Kindergarten, sie stellt sich Eltern Jahr für Jahr aufs Neue. Fangen die einen damit an, geraten die nächsten ins Wanken. „Dann kommen manche Eltern richtig in Schwung, weil sie fürchten, ihr Kind könnte etwas verpassen“, kommentiert Eve-Marie Hörtig, Rektorin an der Silcher-Grundschule in Esslingen, diese Art von Eltern-Domino. Andernorts wird das Phänomen als „Herbstunruhe“ bezeichnet. Wenngleich die Pädagogen in Kitas und Schulen mittlerweile beobachten, dass der Trend zur frühen Einschulung schwächer werde. „Vor zehn Jahren habe ich noch viel mehr Kann-Kinder in der Kooperation gesehen als heute“, erinnert sich eine Lehrerin der Silcherschule. „Das Thema hat sich entspannt, was mich sehr freut.“

Doch im Kindergartenjahr 2020/21 flammt das Thema wohl aus zwei Gründen lokal verstärkt wieder auf. Zum einen, weil wegen der Coronapandemie monatelang die Kitas geschlossen waren. Die Vorschul-Kooperation mit den Grundschulen fand oft nur eingeschränkt statt, mitunter fiel sie ganz aus. „Die etablierten Routinen haben nicht gegriffen, es fehlt auf allen Seiten an Informationen“, sagt Sibille Nitzsche, die als Ärztin im Gesundheitsamt des Landkreises Esslingen Einschulungsuntersuchungen durchführt. „Wir rechnen in diesem Jahr mit erhöhtem Beratungsbedarf der Eltern.“

Zusätzlich befeuert wurde das Eltern-Domino in diesem Jahr durch eine Gesetzesänderung. Grüne, CDU, SPD und FDP in Baden-Württemberg haben im Januar 2020 einstimmig verabschiedet, den Einschulungsstichtag vorzuziehen – und zwar im Zeitraum bis zum Kindergartenjahr 2022/23 pro Jahr um einen Monat: vom 30. September auf den 30. Juni. Hintergrund dieser Entscheidung: Es sollen weniger Kinder eingeschult werden, die noch fünf oder erst gerade sechs Jahre alt sind.

Rolle rückwärts

Diese Entscheidung kann man als Eingeständnis eines Irrtums lesen. Denn erst für das Schuljahr 2007/08 hatte die damals schwarz-gelbe Landesregierung in Stuttgart den Stichtag vom 30. Juni auf den 30. September nach hinten geschoben. Dies war nicht nur in Baden-Württemberg geschehen. Nach dem Pisa-Schock herrschte in deutschen Kultusministerien nahezu parteienübergreifend Einigkeit darüber, sein Heil in der früheren Einschulung zu suchen. Nun also die Rolle rückwärts, in Baden-Württemberg angestoßen durch eine Elternpetition. Die Möglichkeit, Kinder auf Elternwunsch und mit Einverständnis der Schule schon ein Jahr früher einzuschulen, blieb davon unberührt.

So gesehen hat die neue Stichtagsregelung eigentlich wenig geändert. Renate Besch, Schulleiterin an der Grundschule St. Bernhardt in Esslingen, sagt sogar: „Es hat sich dadurch nichts geändert. Die Aufregung darüber habe ich nicht verstanden. Wir haben uns auf Elternwunsch mit den Erziehern immer schon jedes Kind einzeln angeschaut.“

Die Rektorin leitet eine Grundschule in Esslingens Halbhöhenlage. Im Einzugsgebiet liegen Wohngebiete mit Reihenhäuschen, Doppelhaushälften und Einfamilienhäusern mit Gärten. Diese Art der Bebauung ist für das Thema Schulreife nicht unbedeutend. Besch hat selbst viele Jahre als Kooperationslehrerin gearbeitet und wählt ihre Worte mit Bedacht. „Man kann es nicht verallgemeinern“, betont sie. Aber: „Ja, man kann sagen, dass ein höherer sozioökonomischer Stand einer Familie es wahrscheinlicher macht, dass Eltern ihr Kind früher als schulreif ansehen.“ Etwa dann, wenn der Nachwuchs, angeleitet durch engagierte Eltern, im ruhigen häuslichen Umfeld schon ein paar Vorschulheftchen ausgefüllt hat.

Das letzte Wort hat die Schulleiterin

Genauso relevant sei jedoch das Verhalten eines Kindes in der Gruppe. „Und da machen die Erzieher manchmal ganz andere Erfahrungen.“ Besch betont aber auch: Tatsächlich angemeldet werden im Frühjahr immer viel weniger Kann-Kinder, als im Herbst zuvor Elternanfragen kommen. Selbst die sogenannten Korridor-Kinder, jene, die im Monat nach dem Stichtag Geburtstag haben, würden kaum früher eingeschult. „Durch die Kooperation kommen Eltern, Kita und Grundschule früh ins Gespräch. Wir beobachten die Kinder gemeinsam beim Sport, beim Geschichtenerzählen, beim Basteln. Das hilft, Einschätzungen früh transparent zu machen.“

Kommt es doch zum Konflikt, hat Besch als Schulleiterin das letzte Wort. Das sei jedoch eine Karte, die sie noch nie gezogen habe. „Wenn die Beziehung zwischen Eltern und Schule in dieser Frage belastet ist, hat das Kind von vorneherein verloren“, sagt sie. „Ich begründe meine Einschätzung, aber ich hindere niemanden.“

Katharina Weißenstein hat von Renate Besch die Aufgabe als Kooperationslehrerin an der St.-Bernhardt-Grundschule übernommen. Anders jedoch als ihre Chefin sagt sie: „Ich habe mich sehr über die neue Regelung gefreut. Denn für Eltern ist ein Stichtag immer ein Signal.“ Liege der im September, kämen auch die Eltern der Novemberkinder ins Rechnen. Werde der Stichtag auf Juni vorgezogen, liege der November dagegen schon ganz weit weg. „Klar, es gibt definitiv Kinder, die schon früher mehr Futter brauchen“, sagt sie. Aber nach ihrer Erfahrung seien dies Ausnahmen. Und für die anderen, so hofft Weißenstein, bedeute die neue Stichtagsregelung: Weniger Überforderung! Weniger Bauchweh!

Banal klingende Fähigkeiten

„Kinder mit knapp sechs Jahren sind kognitiv oft schon schulreif“, sagt Weißenstein. Aber im Schulalltag gehe es nicht nur ums Denken. „Da brauchen wir das ganze Paket.“ Banal klingende Fähigkeiten sind da genauso wichtig: Schafft das Kind den Schulweg ohne Eltern? Gelingt es ihm, den Inhalt der Vesperbox über den Morgen einzuteilen? Fühlt es sich in der Gruppe angesprochen? „Ich als Lehrerin kann nicht alle 24 Kinder in meiner Klasse persönlich bitten, ihr Buch herauszuholen.“ Länger still sitzen, öfter etwas machen, was einen nicht von vornherein interessiert, weniger spielen – gerade die jüngeren Kinder eines Jahrgangs müssen kämpfen. „Da machen ein paar Monate viel aus. Es ist so wichtig, dass der Schulstart gelingt.“

Selbst wenn früher eingeschulte Kinder die ersten Schuljahre gut gemeistert haben: In der dritten Klasse, so Weißensteins Erfahrung, komme es zum Schwur. „Bis dahin war alles sehr handlungsorientiert. Ab der dritten Klasse werden die Inhalte theoretischer.“ Und dann komme oft ein Einbruch.

Wenn also, gesetzlich neu geregelt und von den Grundschulen begrüßt, ab September 2022 ein Drittel eines Jahrgangs um ein Jahr länger in den Kitas bleibt: Wird es in den Einrichtungen dann eng? Wirft das die Berechnungen der Kitaträger durcheinander? Andrea Baur leitet den evangelischen Kindergarten Brunnenwiesenweg in Esslingen. Sie lacht. „Die Zahlen stimmen sowie nie. Es ziehen Familien weg, andere ziehen kurzfristig zu, mal werden Kinder zurückgestellt, mal keine. Da fällt die Stichtagsänderung für unsere Einrichtung kaum ins Gewicht.“

Unser Sohn bekommt noch Zeit

Baurs entspannte Einschätzung scheint repräsentativ für die Haltung der Kitaträger im Land. Laut Städtetag Baden-Württemberg bedeutet die auf drei Jahre aufgeteilte Vorziehung des Stichtags für die Kommunen kein größeres Problem. Genauso wie Kooperationslehrerin Katharina Weißenstein begrüßt Baur den neuen Termin ausdrücklich. „Für die Kinder, für uns im Kindergarten und für die Schulen nimmt das viel Druck raus“, prognostiziert sie. Es sei leichter, den Eltern eines Korridor- oder eines Kann-Kindes zu raten, den Nachwuchs länger in der Kita zu lassen, als ein Muss-Kind zurückzustellen.

Unser Sohn wird, so viel sei am Ende verraten, sein Kitazeit stichtagskonform zu Ende bringen. Er soll noch Zeit bekommen, die Lagerhaltung in seiner Vesperbox zu verfeinern. Und wie es aussieht, bleibt er dabei auch nicht alleine zurück.