1987 war Georg Habs einer der Aktivisten des Volkszählungs-Boykotts. „Wir waren hysterisch und hellsichtig zugleich“, sagt der 69-Jährige. Und was macht er diesmal?
Ob er das Bußgeld je hat zahlen müssen? Wohl eher nicht, glaubt Georg Habs – erinnert sich aber nicht mehr genau. Mehr als 35 000 Mark (17 900 Euro) hatte das Rechtsamt der Stadt Heidelberg damals ihm und fünf weiteren örtlichen Grünen-Funktionären in Rechnung gestellt. Sie hätten zugelassen, dass im Rhein-Neckar-Kreis zu einem Boykott der Volkszählung aufgerufen worden sei, lautete der Vorwurf. Habs war 1987 Landtagsabgeordneter. Trotzdem sei er nicht die „oberste Aufsichtsbehörde über die Meinungsfreiheit bei allen Grünen-Mitgliedern im Kreis“, begründete er damals seinen Einspruch gegen den happigen Bußgeldbescheid.
Die Volkszählung 1987 war ein heiß umkämpftes Thema: Schon Monate vor dem Start hatte die Bundesregierung mit ihrer 46 Millionen Mark (23,5 Millionen Euro) teuren Kampagne begonnen. „Zehn Minuten, die allen nützen“, lautete der Slogan, vorgetragen von je drei schwarzen, roten und gelben Kugeln auf einem Abakus. „Zehn Minuten, die Sie noch bereuen werden“, hielten die Gegner entgegen. Habs, damals 35 Jahre alt, frisch approbierter Arzt mit Spontivergangenheit, war einer von ihnen. Deren Ziel war klar: Der 25. Mai, Stichtag der Volkszählung, sollte zum „Tag des Altpapiers“ werden. Hinweise, wie der Boykott am besten bewerkstelligt werde, wurden in linken Kreisen eifrig geteilt – damals noch nicht in den sozialen Medien, sondern per Flugblatt und in Broschüren. 1983 hatte das Bundesverfassungsgericht einen ersten Anlauf für eine Volkszählung wegen Datenschutzmängeln gekippt, doch auch die nachgebesserte Version stieß – kurz nach dem Orwell-Jahr 1984 mit dessen Fiktion eines totalen Überwachungsstaats – auf verbreitete Skepsis.
Unter dem Eindruck des Orwell-Jahres
„Es war viel Hysterie dabei“, räumt Habs heute ein. „Es waren ja harmlose Fragen.“ Doch die Gefahr, zum gläsernen Menschen werden zu können, bereitete vielen Menschen Unbehagen. „Insofern waren wir sehr hellsichtig“, sagt Habs. Was man damals allerdings nicht geahnt habe: dass einmal nicht der Staat, sondern private Internetkonzerne all diese Daten sammeln würden – unter bereitwilliger Mithilfe der Bürger. Die heute geltenden hohen Datenschutzstandards hätten aber gewiss ihren Ausgangspunkt im damaligen Protest, ist Habs überzeugt. Wie viele letztlich den Zensus wirklich boykottierten oder mit falschen Angaben sabotierten, ist unklar. Man habe brauchbare Ergebnisse erhalten, erklärten die Behörden. Drei Jahre später machte die Wiedervereinigung die mit so viel Mühe gewonnenen Daten aber ohnehin obsolet.
Viel genutzt hat der Zensus wohl nicht
Und im Jahr 2022? Da ist Habs, mittlerweile in Wiesbaden wohnender Rentner, selbst als Interviewer dabei. Demnächst habe er seine Schulung. Aus der aktiven Politik hat sich der 69-Jährige schon vor Jahrzehnten zurückgezogen, Sponti ist er aber geblieben. „Ich will sehen, wie ich mich fühle, wenn ich vor der Haustüre stehe, und die Leute mir keine Auskunft geben wollen.“