Foto: Patrick Pfeiffer - Patrick Pfeiffer

Güterwaggons mit 300 eingesperrten KZ-Häftlingen sind am Bahnhof liegen geblieben. Marcus Grube inszeniert Oliver Storz’ Stück um eine Dorfgemeinschaft, die in den letzten Kriegstagen mit einer moralischen Herausforderung konfrontiert wird, als nüchterne und eindringliche Mahnung.

EsslingenBei der Uraufführung haben die Zeitzeugen noch gelebt, heute sind sie tot: 1989 fand in der Esslinger Landesbühne (WLB) die Premiere von Oliver Storz’ Stück „Die barmherzigen Leut‘ von Martinsried“ über die letzten Kriegstage in einem hohenlohischen Dorf statt. Jetzt kehrt es in Marcus Grubes Neuinszenierung zurück in den Spielplan – in einer Zeit, in der rechtsextreme Positionen sich wieder ins scheinbar Tolerierbare hineinschleichen, in der reihenweise die Hemmungen fallen, öffentlich wieder Ressentiments, Hass und Hetze zu bekunden.

Den bekannten, 2011 verstorbenen Autor und Fernsehregisseur Storz beschäftigte diese Geschichte nachhaltig: Im Dorf Martinsried – es steht für das reale Eckartshausen bei Schwäbisch Hall – strandeten Anfang April 1945 vier verplombte Güterwaggons mit 300 KZ-Häftlingen. Wie die Dörfler sich vor den nicht aufhörenden Schreien aus den Viehwagen wegducken, wie ständig irgendjemand den Mut fasst, die Sterbenden mit Essen zu versorgen oder gar zu befreien und wie doch tagelang nichts geschieht – das wird in Marcus Grubes Regie in pausenlosen zwei Stunden nüchtern und eindringlich berichtet.

Verantwortlich sind andere

Jeder im Dorf versucht, die Verantwortung irgendwie nach oben weiterzureichen – an die Reichsbahn, die Partei. Alle vom Schultes über den Pfarrer bis zum Ortsgruppenleiter gerieren sich als barmherzige Menschen, aber einzig die Wirtstochter Anna hat Wasser und Milch schon in der Hand, als sie zum ersten Mal hereinkommt. Warum auch sie schließlich scheitert und mit ihr die zupackenden Frauen des Dorfes, das ergibt sich in einer Atmosphäre des ständigen Abwägens zwischen Menschlichkeit und eigenen Interessen, im Zwiespalt zwischen den anrückenden Amerikanern und den waffenfuchtelnden Durchhaltefanatikern der Wehrmacht, im stillen, haltlosen Fatalismus des Untergangs, der manche schon lange befallen hat: „Es ist wie ein Fluch, es muss alles hin sein.“

Der Autor zeigt ganz genau, wie die Zweifel nagen, etwa am Ortsgruppenleiter (Marcus Michalski): Er weiß, dass der „Führer“ versagt hat und gibt doch sofort klein bei, wenn sich einer findet, der Befehle erteilt. Natürlich muss man über den Fahrdienstleiter lachen, den Dietmar Kwoka so urschwäbisch-fluchend und völlig betriebsblind spielt: Und schon bringt man irgendwie Verständnis für ihn auf, genau wie für den Dorfschultes (Oliver Moumouris), den Pfarrer (Markus Michalik mit weichseldeutschem Dialekt), den Schlosser, der sich Mut ansäuft (Reinhold Ohngemach), all die Soldaten, Lokführer und resignierten Chargen der Macht. Die dichte, unprätenziöse Ensembleleistung spiegelt eine Dorfgemeinschaft wider, in der man sich gegenseitig beisteht – gegen unsinnige Befehle, aber eben auch gegen die moralische Last der 300 sterbenden Menschen, die man schließlich einfach zum nächsten Bahnhof wegschiebt.

Die junge Anna hat noch den natürlichen Instinkt zu helfen; Nathalie Imboden von der Stuttgarter Schauspielakademie spielt sie ein wenig ins Historische entrückt. Mit Hitler ist das BdM-Mädel bald fertig und schreit sein Bild an, aber gegen die selbstsichere Deutungshoheit des umschwärmten Nachbarn (Felix Jeiter), der als Oberstleutnant wiederkehrt, kann sie sich nicht mehr wehren. Als Annas heutiges Alter Ego kommentiert Gesine Hannemann zunehmend gebrochen die Vorgänge, viele damalige Beteiligte erzählen direkt ins Publikum, wie es nach dem Krieg mit ihnen weitergegangen ist. Der stille Martin Theuer hat hier als Annas Vater ganz starke Auftritte: „Zwischen Zeit und Ewigkeit gefangen“ berichtet er lakonisch von seiner Untätigkeit, ebenso Elif Veyisoglu als Annas bodenständige Mutter: „Das war das jüngste Gericht, diese drei Tage im April.“

Erschreckend nah

Aber weil Storz’ Personen so plausibel, so authentisch bleiben, sind sie so erschreckend nah – es könnte die eigene Oma gewesen sein, der alte Onkel vom Dorf, und man hätte ihr Handeln verstanden, haben sie doch alle so gute Gründe für ihr Mitläufertum: das Familieneinkommen, den Arbeitsplatz, den Zusammenhalt im Dorf. Wenn keiner was unternimmt, dann ist es nicht so schlimm, wenn ich als einzelner auch nichts unternehme. Das Stück definiert das Wort Kollektivschuld.

Und es nimmt das Vergessen ins Visier. Die Ereignisse von Eckartshausen geschahen genau in den gleichen, ungewissen Tagen vor Kriegsende, als im kaum 20 Kilometer entfernten Brettheim drei Männer gehängt wurden, weil sie ihr Dorf den anrückenden Amerikanern übergeben wollten, um die Zerstörung zu verhindern. Des Mutes dieser widerständigen „Männer von Brettheim“ wird heute noch immer gedacht, aber über die 300 Toten von Eckartshausen findet man kaum etwas in der hohenlohischen Historie – nur ein Gedenkstein für sie soll am dortigen Bahnhof stehen. Allein das Stück von Oliver Storz und seine Verfilmung („Drei Tage im April“) erinnern an sie, so unsichtbar und anonym sie auf Marion Eiseles Bühne auch bleiben – vielleicht müssten die Schreie lauter sein, die durch die geöffneten Wirtshausfenster hereinklingen. Ansonsten ist Marcus Grubes Inszenierung perfekt für den Stoff: Langsam und bitter, ganz ohne Pathos verhärtet sich die Verzweiflung immer mehr. „Warum habt ihr nichts getan?“ Auf die große Frage der Nachgeborenen gibt diese Aufführung eine klare, warnende Antwort: Wegen unserer ganz normalen, alltäglichen Feigheit.

Weitere Vorstellungen: 20. März, 5. April, 10., 21. und 24. Mai, 18. Juli.

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