Björn Kuhligk erweist sich als sehr politischer Lyriker. Foto: Achim Wagner - Achim Wagner

Die Autoren Safiye Can, Anna Breitenbach, Björn Kuhligk und Paul-Henri Campbell und Musiker Luciano Biondini verwandeln die Villa Merkel während der LesART in einen „Klangraum Lyrik“.

EsslingenLyrik kann ungeheuer reizvoll sein, doch beim Publikum hat sie bisweilen einen schweren Stand. Deshalb hat LesART-Macherin Renate Luxemburger ein Format entwickelt, das Lyrik zum Erlebnis macht: den „Klangraum Lyrik“. Im anregenden Ambiente der Galerie Villa Merkel werden vier Lese-Kabinette eingerichtet. Das Publikum teilt sich in kleine Gruppen, zieht von Raum zu Raum und erlebt jeweils einen Autor oder eine Autorin, die unterschiedliche Facetten zeitgenössischer Poesie beleuchten. Dazwischen setzt ein renommierter Musiker klangvolle Kontrapunkte.

Safiye Can liest aus ihrem Buch „Kinder der verlorenen Gesellschaft“ (Wallstein, 18 Euro). Wer die Reaktionen auf diesen Gedichtband studiert, wird feststellen, dass der Autorin etwas Besonderes gelungen ist. „In ihren besten Momenten verfügen diese Gedichte über eine poetische Energie, die tatsächlich ein vibrierendes Lesegefühl erzeugt“, schwärmt der Rezensent der Wiener Zeitung. Themen wie Heimat, Liebe und Verlorenheit liegen ihr am Herzen, wobei es ihr gelingt, tiefschürfende Gedanken mit großer Leichtigkeit zu Papier zu bringen.

Breitenbachs Gedichte haben "Mumm"

Anna Breitenbach ist eine feste Größe im literarischen Leben der Stadt. Eine der schönsten Anerkennungen erhielt die Esslinger Autorin, die es gerne etwas prickelnder mag, von ihrem Autoren-Kollegen Hellmuth Opitz: „Das Bestechende an den Gedichten von Anna Breitenbach ist: dass sie Mumm haben. Und das Schönste: Kaum biegt man um die Ecke des Satzes, stößt man auf Überraschungen und entwaffnende Erkenntnisse.“ Im „Klangraum Lyrik“ präsentiert sie ein Repertoire unter dem Titel „Körper, Wörter, Wirkstoffe“.

Björn Kuhligk hat sich mit seinem Buch „Die Sprache von Gibraltar“ (Hanser Berlin, 16 Euro) angesagt. Im titelgebenden Langgedicht konfrontiert uns der Autor damit, was Flucht wirklich bedeutet. Er ist an den berüchtigten Grenzzaun von Melilla gereist und hat versucht, in Worte zu fassen, was viele gern verdrängen wollen: Menschen auf der Flucht, die ihr Leben riskieren, weil sie in ihrer Heimat um eben dieses fürchten müssen. Kuhligk findet klare, prägnante Worte, die keinen kalt lassen und die ihn als hoch politischen Lyriker ausweisen.

Tango-Klänge mit dem Akkordeon

Vierter im poetischen Bunde ist diesmal Paul-Henri Campbell, der sein Buch „nach den narkosen“ (Verlag Das Wunderhorn, 18.80 Euro) vorstellen wird. Campbell gilt als einer der vielversprechendsten Autoren im Land. Geprägt von eigenen Erfahrungen widmet er sich in diesem Gedichtband Menschen, die mit einer chronischen körperlichen Anfechtung ringen. Und die deshalb immer wieder „Gast“ einer Klinik sind, sich Ärzten und Maschinen anvertrauen und sich unablässig gegen die Frist ihres instabilen Seins behaupten müssen.

Den musikalischen Part übernimmt der Akkordeonist Luciano Biondini, der beweist, dass die klanglichen Möglichkeiten seines Instruments weit über den Horizont von Volksmusik, Chanson und Tango hinausreichen. Zwischen Kammerjazz und freien Improvisationen hat Biondini seinen ganz eigenen Platz gefunden.

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