Leidenschaftliche Plädoyers, gepfefferte Kritik, süffisante Zwischentöne - der EZ-Talk, eine virtuelle EZ-Diskussionsrunde im Vorfeld der Landtagswahl, hatte es in sich.

Esslingen - Wie lässt sich die Pandemie besser meistern? Wie macht man die Wirtschaft zukunftsfähig? Auf welche Formen der Mobilität sollen wir setzen? Die Kandidaten der sechs im Bundestag und im Landtag vertretenen Parteien für den Wahlkreis Esslingen lieferten sich zu diesen und weiteren aktuellen Streitfragen im EZ-Talk zur Landtagswahl einen munteren Schlagabtausch: Andrea Lindlohr (Grüne), Andreas Deuschle (CDU), Klaus-Dieter Vogel (AfD), Nicolas Fink (SPD), Ferdinand Kiesel (FDP) und Martin Auerbach (Die Linke).

Weil in Corona-Zeiten kaum direkte Kontakte möglich sind, nutzten viele Leserinnen und Leser die Chance, ihre per Chat oder Mail eingereichten Fragen direkt an die Bewerber für die Landtagsmandate zu richten. Keine leichte Aufgabe für die Moderatoren des Online-Talks. Doch trotz strammem Zeitplans und vieler kontroverser Themen gelang es Johannes M. Fischer von der EZ-Chefredaktion und Reporterin Greta Gramberg, über die üblichen Plattitüden hinaus klare Statements heraus zu kitzeln, die dem einen oder anderen Zuhörer vielleicht eine Wahlhilfe am 14. März sein kann.

„Mehr für Weiterbildung tun“

Was Baden-Württemberg tun müsse, um das Musterländle zu bleiben? Er mache sich große Sorgen, wenn die staatlichen Hilfen irgendwann wegfallen, sagte CDU-Bewerber Deutschle. Die Autoindustrie habe viel Vertrauen verspielt. Er wünscht sich eine Wirtschaft, die selbstbewusst innovative Produkte auf den Markt bringt. Deuschle: „Es muss ein Rumms durch das Land gehen.“ Es brauche große Anstrengungen, damit es auch in Zukunft gute Arbeitsplätze gebe, meinte Grünen-Kandidatin Lindlohr. Das Land brauche aber „ein klimagerechtes Wirtschaften“. Gefragt seine enge Kooperation aller Beteiligten, „damit wir schnell sind bei den Innovationen“. Vor allem gehe es darum, gute Mobilitätsangebote zu schaffen, die das Land in die Welt verkaufen könne. Die Landesregierung mache auf dem Gebiet nicht alles falsch, räumte SPD-Kandidat Fink ein. Doch werde viel zu wenig für die Weiterbildung getan. Da müsse man ansetzen.

Was die Förderung der Wirtschaft angehe, brauche man mehr regionale Lösungen. Viel getan werden müsse gerade jetzt, um die Innenstädte attraktiver zu machen, griff Fink eine zuvor auch von seinen Mitbewerbern Lindlohr und Deuschle eingebrachte Forderung auf. „Da brauchen wir die Unterstützung des Landes.“ Ferdinand Kiesel hat wenig Sorge um die Wirtschaft. „Wir sollten uns da auf die Innovationskraft verlassen. Der Staat dürfe nicht zu viel eingreifen und regulieren, so der FDP-Politiker. Dem stimmte Martin Auerbach (Die Linke) zu. Er frage sich, weshalb die Wirtschaft überhaupt so große Hilfen brauche. Klaus-Dieter Vogel (AfD) hält es für wichtig, dass sich die Wirtschaft im Land breiter aufstellt. „Wir brauchen Alternativen zur Automobilindustrie.“

Wie man mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen kann? Lindlohr setzt auf mehr staatliche Reglen. Es brauche mehr sozialen Wohnungsbau, auch in den kleineren Kommunen um die Zentren herum, und eine aktivere Grundstückspolitik der Städte und Gemeinden. Beim Bauen müsse man, um weniger Grundfläche zu verbrauchen, „mehr in die Höhe denken“. Deuschle nennt drei Rezepte: „Keine Sozialwohnungen verkaufen, die Grunderwerbssteuer nicht erhöhen und auch über Neubaugebiete nachdenken, denn Innenverdichtung allein reicht nicht.“ Fink halt es für ratsam, eine Landeswohnbaugesellschaft zu gründen. Ferner sprach er sich für eine konsequente Umsetzung des Esslinger Modells aus, wonach bei Wohnbauprojekten ein gewichtiger Anteil bezahlbare Wohnungen beinhalten muss. Auch plädiert der SPD-Mann für eine Grundsteuer C, die erhoben werden soll, wenn bebaubare Flächen nicht entsprechend genutzt werden. Bei diesem Thema müsse man über die Vergesellschaftung von Immobilien reden, meinte Linken-Politiker Auerbach. Auch er sprach sich für mehr sozialen Wohnungsbau aus. Außerdem forderte er Sanktionen für den Fall, dass leer stehende Gebäude nicht genutzt werden. Drei Lösungsansätze brachte AfD-Vertreter Vogel ein: Bodenpreise deckeln, den sozialen Wohnungsbau forcieren und die Mietpreise senken. Auch da wünscht sich Kiesel weniger staatliche Eingriffe. Die Grunderwerbssteuer müsse gesenkt werden. Und es brauche einen guten Mix aus Neubaugebieten und Innenstadt-Verdichtung.

„Brauchen besseren ÖPNV“

Ebenfalls weniger Eingriffe von oben wünscht sich Kiesel bei der Lösung der Verkehrsprobleme. Er setzt auf intelligente Wege für ein besseres Miteinander im Verkehr. „Der Bürger braucht Wahlfreiheit, auf welche Weise er mobil sein möchte.“ Für den Ausbau des Busverkehr gibt es nach Überzeugung von Martin Auerbach ein schlagendes Argument: „Da passen halt mehr Leute rein.“  Lindlohr ist überzeugt: „Unser Ballungsraum braucht einen besseren ÖPNV.“ Um den Nahverkehr attraktiver zu machen, brauche es ganz niedrige Ticketpreise. Als wichtiges Projekt erachtet die Grüne die Verlängerung der Stadtbahn von Nellingen nach Esslingen. Dafür habe sich seine Partei schon sehr früh eingesetzt, stichelte Andreas Deuschle. Er warb dafür, nicht ein Verkehrsmittel gegen das andere auszuspielen. „Wir sollten keine Kämpfe führen, die bringen keinem etwas.“

Nicolas Fink sieht eine Lösung darin, die Aufteilung des Verkehr zu verschieben, „deutlich mehr Richtung ÖPNV“. Ansonsten riet er dazu, die Verkehrsprobleme gelassener und vernünftiger anzugehen. Mobilität sei eine soziale Frage. Der Busverkehr müsste nach seiner Ansicht „zu 100 Prozent städtisch und elektrisch“ sein. Klaus-Dieter Vogel warb dafür, die Kirche im Dorf zu lassen: „Wir können nicht mit dem Fahrrad die komplette Mobilität bestreiten.“

EZ-Talk

Das Format Mit dem digitalen EZ-Talk führt die Eßlinger Zeitung ihre Tradition von Live-Veranstaltungen fort, die vor den  Coronabeschränkungen in Sälen über die Bühne gingen. Dazu wird es wohl auch wieder kommen. Bis dahin nutzt das Medienhaus, wie  andere Akteure aus der Gesellschaft auch, die  Möglichkeit digitaler Veranstaltungen.

Zur Wahl In der umfangreichen Berichterstattung der EZ zur Landtagswahl am 14. März gehört immer auch eine lokale Note. Im Kreis Esslingen gibt es gleich drei Wahlkreise. Seit Tagen  stellen wir alle Kandidaten aus diesen Wahlkreisen vor, sofern sie aus Parteien kommen, die im Landes- oder Bundestag vertreten sind. In der Woche vor der Wahl stellen wir  noch  gesondert die drei Wahlkreise vor. Im EZ-Talk zur Landtagswahl diskutierten die Kandidaten aus dem Wahlkreis Esslingen. Aufgrund der unklaren Situation waren Sendungen in den anderen Wahlkreisen leider nicht möglich.

Blick nach vorn Den EZ-Talk, den man auch als Video auf der EZ-Homepage abrufen kann, wird es in dieser Art nun häufiger geben. Entsprechende Hinweise finden unsere Leserinnen und Leser auf der Homepage und in der Zeitung.

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